Nicole List reichlich die „Angst vor Männern“: Ein Appell an männliche Verantwortung
Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das eigene Zuhause. Ein Satz, der für die österreichische Autorin Nicole List Realität wurde. In ihrem essayistischen Sachbuch Angst vor Männern erzählt List jedoch nicht nur von ihrer Angst aufgrund der persönlichen Erfahrung mit häuslicher Gewalt, sondern von einer ganz alltäglichen Angst vor Männern. Denn diese Angst speist sich eben aus tagtäglichen Situationen, mit denen nicht nur sie selbst, sondern, wie List immer wieder betont, jede Frau konfrontiert ist. Von klein auf.
In wiederkehrenden kurzen Abschnitten schildert sie diese Situationen aus einem inneren Monolog. Da ist die, in der sie mit 14 Jahren das erste Mal auf einem Dorffest ist: „Ich trage einen Rock. Ein alter Mann greift mir zwischen die Beine. Ich reagiere sofort und ohrfeige ihn. Er schüttet mir sein Bier über den Kopf.“ Oder mit Anfang 30 in einem beruflichen Meeting sitzt: „Während dem Gespräch fragt er mich, ob ich wohl viel Sport mache und viel für meinen Körper tue, denn das würde man mir ansehen. Ich antworte ausweichend.“
Es ist ein exemplarischer Text. List erzählt von Erfahrungen, die sie als Teil eines weiblichen Lebens begreift: übergriffige Berührungen, sexualisierte Kommentare, nachts von fremden Männern verfolgt werden und die ständige Notwendigkeit, Situationen einzuschätzen, um sich zu schützen. Dicht verschränkt sie persönliche Erfahrungsberichte mit gesellschaftlichen Beobachtungen und statistischen Einordnungen: „Alle zwei bis drei Tage stirbt in Deutschland eine Frau durch einen Femizid, alle neun bis 15 Tage in Österreich.“ List ergänzt: „Ich hätte eine von ihnen sein können“ und betont, dass ihre Erfahrungen keine Einzelfälle sind.
Nicole List: „Mich aus dieser Beziehung zu befreien, war ein Kraftakt“
Kein Einzelfall sei auch die gewaltgeprägte Beziehung, in der sie sich befand – ein zentraler Grund für ihre Angst vor Männern: „Ich habe häusliche Gewalt erlebt. Mich aus dieser Beziehung zu befreien, war ein Kraftakt.“ Sie beschreibt eindringlich, warum Betroffene nicht „einfach gehen“. Der Prozess ist schleichend: von anfänglicher Verliebtheit über Manipulation und emotionale Abhängigkeit bis hin zu Angst, auch vor den Konsequenzen einer Trennung.
Wie auch Esther Schüttpelz in ihrem Roman Grüne Welle zeigt: Solche Beziehungen zu verlassen, ist kein einfacher Schritt. Doch für List selbst war dies keine Fiktion, sondern Realität. Schnell und beinahe atemlos, beschreibt sie, wie sie ihren Partner permanent informiert, sich selbst darin verliert und die Grenzen verschwimmen. Sie ist müde und wachsam zugleich. Diese Beziehungsdynamik sei wie eine Venusfliegenfalle: „Der Grat zwischen Liebe und Angst ist minimal.“
Die Autorin fordert nicht Zustimmung, sondern Verantwortung
Neben persönlichen Erlebnissen ergänzt List eine weitere Ebene: eine Ansprache an männliche Verantwortung. Von Beginn an adressiert sie immer wieder eine männliche Leserschaft, erklärt ihre Perspektive und versucht, einen Dialog zu eröffnen: „Wenn Sie ein Mann sind, werden Sie sich vielleicht auch das ein oder andere Mal ertappt fühlen.“
Sie fordert nicht Zustimmung, sondern Verantwortung, Selbstreflexion und Handeln. Es ist ein eindringlicher Appell, getragen von der schonungslosen Ehrlichkeit ihrer Erfahrungen und der alltäglichen Angst als Frau in einem patriarchalen System: „Haben Sie Ihren Haustürschlüssel schon einmal sichtbar zwischen die Finger geklemmt, um ihn nachts auf dem Heimweg als mögliche Waffe zu nutzen?“
List wagt sich damit in eine schwierige Debatte, die viele Frauen kennen. Denn neben der feministischen Aufklärungsarbeit für Männer wird im Verlauf des Buches auch ein wachsender Frust spürbar: der Frust darüber, immer wieder erklären zu müssen, was längst offensichtlich sein sollte. Warum entziehen sich so viele Männer der Auseinandersetzung, indem sie sich als „nicht gemeint“ betrachten? Um diese Absurdität zu verdeutlichen, schreibt List, „Es macht mich wütend, dass Frauen sterben und Männer darüber diskutieren, was man noch sagen darf.“
Es geht nicht nur um körperliche Gewalt
List macht deutlich, dass auch diejenigen Teil des Problems sind, die sich einer Verantwortung entziehen. Auch jene, die Misogynie, Sexismus, häusliche Gewalt und Femizide nicht als ihr Problem sehen. Denn das System, das Gewalt ermöglicht, besteht nicht nur aus Tätern, sondern auch aus Männern, die relativieren, entschuldigen oder wegsehen. Und damit die Verantwortung aus gesellschaftlichen Debatten stets verschieben.
Dabei geht es nicht nur um körperliche Gewalt. Die Strukturen, die in Femiziden enden, beginnen lange vorher. Und die spezifische Angst verschwindet nicht einfach. Sie prägt den Alltag. List gibt Einblick in ein weibliches Leben, streift Themen wie Care-Arbeit, Mental Load und die daraus entstehende Erschöpfung. Aus Leserinnenperspektive erzeugt diese Aneinanderreihung ihrer Erfahrungen und Beobachtungen ein andauerndes Schweigen und Nicken.
Es ist eben für Betroffene nichts Neues, aber weiterhin Realität. Und genau hier schreibt sich der Frust auf Leserinnenseite fort. Gleichwohl liegt in dieser Beobachterperspektive auch eine Bestätigung der eigenen Erfahrungen.
Keine Einzelfälle, sondern strukturelle Gewalt
List fokussiert das Benennen von Gewalt als zentralen Akt der Selbstermächtigung. Aus dem Schweigen die Worte ergreifen und damit auch politisch begreifen. Begriffe wie „Femizid“ machen sichtbar, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um strukturelle Gewalt. Denn Schweigen schützt nicht Betroffene, sondern Täter.
Doch wie können wir miteinander leben, wenn die Veränderungen zäh und langsam voranschreiten? Wenn Gewalt gegen Frauen fortbesteht und damit auch die Angst, es könne einen selbst oder eine Freundin treffen? Eine Angst, die nachhallt.
List wirft die Frage nach dem juristischen Rahmen auf und gibt eine klare Antwort: „Gesetze können schützen, aber sie ersetzen keine gesellschaftliche Verantwortung.“ Es ist ein eindringlicher Appell, die Perspektiven von Frauen ernst zu nehmen und die Verantwortung nicht länger von sich zu weisen. Weder individuell noch gesellschaftlich.