Literarische Gegenwart: Der Mensch, er weint im Bakteriozän

Der Höhepunkt wird der Auftritt der „ersten literarischen Girlband“ sein, aber am Anfang drängt sich eine Zeile der ersten literarischen Boygroup Tocotronic auf, die inzwischen in der Silberfuchs-Phase steckt: „Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.“ Ans Mikrofon tritt ein Hildesheimer Student, der sich auch im Namen seiner Kommilitonen für ein Semester voller Freiräume bedankt, um das hier gerade beginnende Festival planen zu können. „Litglow“ heißt das Ergebnis, das jugendlichen Charme mit erwachsenen Existenzsorgen, aber auch Hoffnungen verbindet, und es kann sich sehen lassen.

Ein so abwechslungsreiches und unterhaltsames Programm über drei Tage schiene außergewöhnlich, wäre nicht vor wenigen Wochen in Köln beim Festival „Kindly Invited“ sogar noch mehr losgewesen. So muss man wohl von einem Verdichtungsmoment sprechen, in dem der Literaturbetrieb zwischen Sparzwang, sich andeutendem Kulturkampf und Dankbarkeit für die im Vergleich zu anderen Ländern weiterhin starke Förderung und die sehr vielfältigen Möglichkeiten zu sich selbst kommt.

Erstmal etwas Frontalunterricht

Die Ausrichter auf dem Kulturcampus der Domäne Marienburg, südlich vom Hildesheimer Stadtzentrum traumhaft im Grünen gelegen auf dem Gelände einer spätmittelalterlichen Wasserburg, blicken selbst auf fast dreißig Jahre eines Studiengangs der angewandten Kulturwissenschaften zurück, der neben Absolventen des kreativen Schreibstudiums etwa die Literaturzeitschrift „Bella triste“ und das Festival „Prosanova“ hervorgebracht hat. Auch aus den Schreibschulen in Leipzig, Köln und dem schweizerischen Biel sind Leute angereist, um hier freundlich mit der Konkurrenz ins Gespräch zu kommen, außerdem Verantwortliche für Verlage und Lektorat und eben sogar die Girlband No Scribes aus drei jungen Autorinnen für eine abendliche Show.

Deutschlands schönster Campus, wie manche sagen? Die Domäne Marienburg in Hildesheim
Deutschlands schönster Campus, wie manche sagen? Die Domäne Marienburg in HildesheimPicture Alliance

Erstmal aber gibt es etwas Frontalunterricht: Beim Auftakt hält der 1982 geborene österreichische Schriftsteller Philipp Weiss einen Vortrag, der den Modebegriff des Anthropozäns nach einigen Jahren der Verwendung ad nauseam neu perspektiviert. Weiss, der 2019 mit seinem fünfbändigen Mammutroman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ eine Art nichtlineare und antihierarchische Kulturgeschichte vorgelegt hat, gibt der Debatte um das verderbende Eingreifen des Menschen in die Geschichte unseres Planeten einen Impuls, den man als Weiterentwicklung des Empiriokritizismus der Wiener Moderne verstehen könnte: Ging es damals darum, die Macht des Individuums zu hinterfragen oder dieses als bloße Vorstellung zu entlarven, stößt sich Weiss heute an der historischen Überbewertung des Menschen schlechthin. Nach ihm ein Erdzeitalter zu benennen, selbst in kritischer Absicht, sei womöglich noch immer zu viel der Ehre.

Das Zeitalter der Hoffnungslosigkeit

Weiss spricht daher lieber vom „späten Bakteriozän“. Darin könnten unsere redlichen Bemühungen um poetische Welterfassung vergeblich sein, weil die meisten anderen Arten sie gar nicht verstehen. Dennoch bleibe das Vertrauen der Verantwortlichen in die technische Beherrschbarkeit der Welt unerschüttert. „Wenn sich Wirklichkeit nicht mehr zu einem gemeinsamen Zusammenhang fügt, hat das Folgen für die Literatur. Das Anthropozän provoziert eine Krise der Repräsentation, es entzieht sich vertrauten Mustern des klassisch-realistischen Erzählens.“

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla, die auch literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln unterrichtet, antwortet auf Weiss’ Vortrag mit einem Ebenenwechsel: nämlich mit dem Vorlesen von Social-Media-Posts einer fiktiven Influencerin, die den Klimawandel in einem New Yorker Hochhaus erlebt, das im steigenden Wasser steht: „Hey Leute, Ihr habt Euch sicher schon gewundert über den Change. Heute gehen wir mal auf Tauchkurs.“ In einem amüsant geführten Gespräch mit zwei Autoren von Zukunftsromanen, Marius Goldhorn und Carla Kaspari, schlägt der in Hildesheim lehrende Literaturwissenschaftler Christian Schärf als Alternativbegriff spaßhaft für das jetzige Erdzeitalter das „Désespoir“ vor, also jenes der Hoffnungslosigkeit.

Schlechte Zeiten für gute Bücher

Kann dieser Stimmung am Folgetag in sage und schreibe 48 Workshop-Gesprächen, die für die Studenten vor allem auch zur Orientierung im literarischen Feld und auf dem Markt dienen, etwas entgegengesetzt werden? Bei den praktischen Hinweisen des unabhängigen Verlegers Jörg Sundermeier wirkt es teils so, bei den Auskünften des Hanser-Lektors Florian Kessler, der früher selbst in Hildesheim studiert hat, nur bedingt – einmal entfährt es ihm: „Ich wollte ja eigentlich enthusiastisch sein!“ Kessler sieht sich selbst aber „deutlich verschreckter als noch vor zwei Jahren“ und spricht vor allem ein Phänomen an, das viele Verlage gerade beschäftigt: das Wegbrechen der „Midlist“, also des mittleren Segments der Verlagsprogramme zwischen Spitzentiteln und Special-Interest-Büchern. Seine Sorge ist, dass „Verlage die hochliterarische Midlist bereinigen“, zugespitzt gesagt: „Schlechte Zeiten für gute Bücher“.

Das ist starker Tobak, wobei auch etwas Realismus vom in Hildesheim lehrenden Guido Graf aufschlussreich ist. Er sagt, für die meisten seiner Absolventen werde durch das Schreiben keine Existenz gesichert sein, allerdings fänden achtzig Prozent innerhalb eines Jahres nach Abschluss einen Job, der zum Studium passe. „In unserem Fall sind das neben den Publikationen, die Aufmerksamkeit generieren, aber wenig Einkommen, die Arbeit in Verlagen, Institutionen, in Redaktionen und Lehrtätigkeit.“

Selbstermächtigung im „New Romance“-Genre?

Liegt die Rettung etwa auf dem boomenden Buchmarkt für „New Romance“ und „Romantasy“? Das könnte für Ambitionierte leicht zynisch wirken. Ein Podium zu diesem Thema mit der Autorin Malou Bichon und Christine Lötscher, die in Zürich Kulturwissenschaften lehrt, scheint diese Möglichkeit aber ernsthaft nahezulegen. Im Gespräch ist es klares Ziel, einer pauschalen Abwertung von Genreliteratur entgegenzutreten. Dafür gibt es einige gute Argumente.

Lötscher plädiert dafür, die Vielfalt ganz unterschiedlicher Ansätze im Romance-Genre zu erkennen und es als Form der Popliteratur zu begreifen. Malou Bichon, die 1995 in Augsburg geboren wurde und die Romane „Musenrausch“, „Nymphentraum“ und „Sirenenklang“ veröffentlicht hat, die auch queere romantische Beziehungen beschreiben, will damit Stereotypen entgegentreten. Dass allerdings das Romance-Genre per se zur Hinterfragung solcher Stereotypen und zur Selbstermächtigung dienen soll, scheint angesichts mancher unfassbar klischeehafter und sexistischer Bücher daraus ebenfalls sehr fragwürdig.

Das Verdienst des Festivals ist, solche Fragen zu diskutieren und allen eigene Antworten zu ermöglichen. Etwas beruhigend wirkt in diesem Zusammenhang auch die Auskunft Guido Grafs, der Hildesheimer Studiengang sei vor ein paar Jahren umbenannt worden von „Kreatives Schreiben“ zu „Literarisches Schreiben“, um „die angebotene Ausbildung stärker von mittlerweile weitverbreiteten Kursen im kommerziellen und Hobbybereich abzugrenzen“.

Während die Genre- und Marktfragen viel Stoff zum Nachdenken geben, schafft dann der Auftritt der No Scribes einen Moment des comic relief: In ihrer sarkastischen Show projizieren die drei Autorinnen Alisha Gamisch, Raphaëlle Red und Paula Fürstenberg ihr eigenes Dasein auf die Folie von Girlgroups wie den Spice Girls, um Absurditäten des Marktes wie des Journalismus zu entlarven. Sie treffen so manchen wunden Punkt.

Source: faz.net