Leonkoro Quartett: Vier Herzen im Viervierteltakt

Dieses „misterioso“ muss man gehört haben – ein atemloses Geständnis im Flüsterton, bei dem das Herz bis zum Hals klopft, die Zunge nicht rasch genug artikulieren kann, was die Seele zum Beben bringt, bis sie „estatico“ ausbricht. Es ist der dritte Satz, Allegro misterioso, in Alban Bergs „Lyrischer Suite“ und sicher einer der geheimnisvollsten und anspruchsvollsten Sätze in der Streichquartett-Literatur. In schnellem Tempo mit fast durchgehenden Sechzehntelketten, durchweg im Pianissimo und dazu noch mit Dämpfer, geraten die vier Spieler über Flageolett und Pizzikato in den expressiven Ausnahmezustand, auszuführen mit gestrichenem und geschlagenem Bogenholz.

Das muss man jetzt in der neuen Aufnahme des Leonkoro Quartetts hören: wie sie diesen Satz förmlich aus dem Nichts heraus in Bewegung setzen, ihn durch alle Spieltechniken und Klangfarben steigern, um ihn dann in einer Apotheose des Wisperns aufgehen zu lassen. Tonmeister René Möller tat im uhrwerkgleichen Präzisionsklang das Seine dazu.

Das Leonkoro Qartett in der Besetzung der CD mit Lukas Schwarz, Jonathan Schwarz, Mayu Konoe und Amelie Wallner
Das Leonkoro Qartett in der Besetzung der CD mit Lukas Schwarz, Jonathan Schwarz, Mayu Konoe und Amelie WallnerNikolaj Lund

Seit seiner Gründung 2019 war es ein „erklärtes gemeinsames Ziel“ des Leonkoro Quartetts, die „Lyrische Suite“ einzustudieren: „Die Liebe für dieses Werk wurde uns nicht zuletzt von unseren Mentoren des Alban Berg Quartetts und des Artemis Quartetts in die Wiege gelegt“, erzählt der Cellist Lukas Schwarz. Und was sie an dem Werk so fasziniert, „ist die einzigartige Tonsprache“ und „die unglaubliche romantische Qualität, die auch ohne das Wissen um die Hintergründe der Geschichte hör- und spürbar wird“. Man kann sie den vier Tönen entnehmen, die nicht nur dem Misterioso-Satz zugrunde liegen, hier aber in fast manischer Verschlingung wiederholt und variiert werden: a-b-h-f, soviel wie Alban Berg und Hanna Fuchs, die Schwester von Franz Werfel in Prag, in die sich Berg aussichtslos verliebt hatte und der er auch eine mit handschriftlichen Bemerkungen versehene Partitur schenkte.

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Im Oktober dieses Jahres wird die „Lyrische Suite“ einhundert Jahre alt, und die „romantische“ Perspektive des Leonkoro Quartetts verhilft ihr jetzt definitiv aus der Neuen-Musik-Ecke heraus, in der sie immer noch oft steht. Nicht ihre kompositorische Machart – dodekaphon und frei atonal – macht sie für den Hörer aus, sondern ihr Klang. Und der ist bei den Leonkoros fern jeder Attitüde – klassisch, auf höchster technischer und musikalisch-introspektiver Ebene. So nehmen sie im ersten Satz das vorgeschriebene „gioviale“ beim Wort, preschen tempomäßig nicht vor, verhalten sich eher beobachtend, und folgen Bergs Dramaturgie über „Presto delirando“ bis ins abschließende „Largo desolato“ mit allen geforderten Seelenzuständen, zärtlich diskret im Andante amoroso, auch mal im Aufschrei, aber ohne dem Klang Gewalt anzutun. Dafür mit fast mikroskopisch transparentem Stimmenverlauf, ausgehend vom bombensicheren Fundament des Cellisten. Seine resonanzreichen Pizzikati sind eine Freude für sich.

Out of Vienna: Berg, Webern, Schulhoff. Leonkoro Quartett (Jonathan Schwarz, Amelie Wallner, Mayu Konoe, Lukas Schwarz). Alpha Classics 1196
Out of Vienna: Berg, Webern, Schulhoff. Leonkoro Quartett (Jonathan Schwarz, Amelie Wallner, Mayu Konoe, Lukas Schwarz). Alpha Classics 1196

Chronologisch ist die „Lyrische Suite“ das jüngste Werk auf der neuen CD: „Out of Vienna“, so ihr Titel, nimmt den Hörer auf eine kleine Reise zurück, zur „wirklichen“ Romantik am Anfang des 20. Jahrhunderts, zu Anton Weberns süffig, aber schlank interpretiertem „Langsamen Satz“ in Brahms’ Gang- und Tonart c-Moll – auch dies Reflex einer Liebesgeschichte aus dem Jahr 1905, als Webern seine spätere Ehefrau kennenlernte. Vier Jahre später, mit den Fünf Sätzen für Streichquartett op. 5, war Webern zum Vorreiter der Avantgarde geworden. Was er aber in seine minimalistisch kurzen Stücke packt, sind geronnene Gesten der Klassik und Romantik, die das Leonkoro Quartett emotional rückübersetzt, in eine fern gerückte Tristan-Streicherwelt, einen rhythmischen Alarmzustand, einen Trauergesang, der klirrend zerbirst. Zwischen Weberns op. 5 und Bergs „Lyrischer Suite“ macht die CD einen Abstecher nach Prag: Out of Vienna muss man hier wohl mit „außerhalb von Wien“ übersetzen. Andererseits wird der Schauplatz der „Lyrischen Suite“ ja gerade Prag sein, wo Hanna Fuchs lebte.

Und im Briefwechsel mit Alban Berg hatte der aus Prag stammende Komponist Erwin Schulhoff mitgeteilt: „Ich habe eine außerordentliche Leidenschaft für modische Tänze, und es gibt Zeiten, da gehe ich Nacht für Nacht tanzen allein aus Begeisterung für den Rhythmus.“ Aus dieser Verfassung heraus schrieb Schulhoff wohl seine eigenen Fünf Stücke für Streichquartett, eine Suite aus fünf Tänzen: alla Viennese, alla Serenata, alla Czeca, alla Tango milonga, alla Tarantella. Man hat diese gerne als Satire oder surrealistischen Blick auf das barocke Genre verstanden. Damit räumt das Leonkoro Quartett gründlich auf: durch seine Brille gelesen, wird Schulhoff zum Weggefährten Béla Bartóks. Mit dessen „Barbaro“-Manier holen die Leonkoros diese Tänze aus der augenzwinkernden kammermusikalischen Intimität auf die große Bühne und heben alles hervor, was bei anderen Einspielungen meist „verpackt“ oder eingedämmt wird. Die „Serenata“ wird mit einer „grässlichen“ Dissonanz bloßgestellt, die tschechische Polka erhält an Bartók gemahnende rhythmische Akzente, und der Wiener Walzer im Viervierteltakt schließt mit selbstbewusst herausgemeißelten Akkorden. Aus dem Tango schließlich wird eine fast orchestral anmutende Szene für Solovioline und Streicher, ein Andante amoroso der anderen Art.

Out of Vienna: Berg, Webern, Schulhoff. Leonkoro Quartett (Jonathan Schwarz, Amelie Wallner, Mayu Konoe, Lukas Schwarz). Alpha Classics 1196

Source: faz.net