Eltern-Kolumne „Schlaflos“: Warum man wie Vater trivial glänzt
Es kommt vor, dass man in der Kita Ärger bekommt, als Elternteil. Vor einiger Zeit hat meine vier Jahre alte Tochter die Puppe ihrer Kitagruppe angemalt. Nicht streng, aber mit einer Aufgabe versehen, drückt mir ihre Erzieherin die Puppe in die Hand: „Ich habe Tilda gesagt, dass sie die zu Hause mit Mama waschen muss. Sie meinte aber, das macht der Papa. Also: viel Vergnügen!“
Bild: F.A.Z.
Lena Sommer und Paul Brandt
haben eine Tochter, sind Anfang 20 und leben in wilder Ehe. Sie treiben sich viel auf Spielplätzen und in Hörsälen herum und fühlen sich gelegentlich einsam. Eine gleichberechtigte Elternschaft gehört zu ihrem Selbstverständnis, klappt aber nicht immer. Hier schreiben sie unter Pseudonym.
Ausführliche Rückmeldungen zum Verhalten seines Kindes gibt es dann auf dem Elternsprechtag. Dass es auch in der Kita Elternsprechtage gibt, erschien mir anfangs, ehrlich gesagt, lächerlich. Was soll man dort groß besprechen? Die Versetzung wird ja wohl kaum in Gefahr sein. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Schon nach wenigen Monaten stellte sich bei mir das große Bedürfnis ein, zu wissen, wie es meiner Tochter wirklich in der Kita geht. Denn Kita ist auch immer ein bisschen Blackbox: Häufig kann man nur anhand des Zustands der Klamotten erahnen, was sich heute dort ereignet hat. Tilda ist immerhin sechs Stunden dort. Sechs Stunden, von denen ich keinen blassen Schimmer habe.
Das Betragen der Eltern
Ich fieberte also auf den ersten Sprechtag hin, der bei uns „Entwicklungsgespräch“ heißt. Ich wollte unbedingt wissen, was meine Tochter den ganzen Tag treibt. Ich gehe also gespannt dorthin – allein, meine Freundin ist dieses Jahr verhindert, sie hat mir aber eingeschärft, alles hinterher zu erzählen, weil auch sie unbedingt wissen möchte, wie es unserer Tochter ergeht.
Ich höre viel Gutes: Sie pflegt intensive Freundschaften, nimmt neugierig am Kita-Alltag teil und hält sich auch meistens an die Regeln. Was ich zu meiner Überraschung aber auch bekomme, ist ein Feedback zu meinem eigenen Betragen. Die Erzieherin meiner Tochter sagt am Ende: „Ich wollte zum Schluss noch ein Kompliment loswerden: Tilda hat erzählt, dass ihr Papa fleißiger zu Hause sei als die Mama, weil er immer die Wäsche macht.“ Schon wieder dieses Wäsche-Thema!
Auch andersherum erwähnenswert?
Fast werde ich ein bisschen rot. Ich gebe zu, dass das stimmt. Natürlich verteidige ich meine Freundin: „Also ja, es stimmt schon, dass ich für die Wäsche verantwortlich bin, aber alle anderen Aufgaben teilen wir uns natürlich.“
Wie kommt meine Tochter nur darauf? Sie scheint jedenfalls eine genaue Beobachterin zu sein. Tatsächlich fällt die Wäsche in mein Aufgabenfeld. Darüber hinaus kann ich in unserem Haushalt keine höhere Leistung meinerseits nachweisen. Aber wer die Wäsche macht, so denkt meine Tochter wohl, ist fleißiger.
Das ergibt wohl auch für ihre Erzieherin Sinn. Sie hat es mir zwar mit einem Augenzwinkern erzählt, aber die Aussage meiner Tochter war für sie so bemerkenswert, dass sie das beim Entwicklungsgespräch nun schon zum zweiten Mal auf den Tisch gebracht hat. Hätte sie das auch gemacht, wenn es um den umgekehrten Fall gegangen wäre? Wenn meine Partnerin „fleißiger“ ist?
Zu leicht abzugreifen
Vermutlich nicht. Der Grund dafür ist offensichtlich. Die Mütter übernehmen immer noch den Großteil der Care-Arbeit: Sie gehen länger in Elternzeit, arbeiten danach meist in Teilzeit und sind die erste Ansprechperson für den Nachwuchs. Es wäre keine Bemerkung wert gewesen, wenn meine Freundin sich allein um die Wäsche kümmern würde. Wenn man als Vater genauso häufig wie die Mutter in der Kita erscheint und dann noch die Wäsche macht – allein! –, sticht man hingegen heraus. Das Alltägliche zu erledigen, bringt einem als Vater automatisch Pluspunkte ein. Eigentlich könnte ich diesen Vorteil noch viel mehr ausspielen, mich mehr in dieses Licht des sorgenden Vaters rücken. Ich wasche nämlich nicht nur die Wäsche, sondern bereite auch alle Mahlzeiten zu!
Dabei mache ich selbst das eingerechnet insgesamt nur 50 Prozent – was also immer noch viel weniger ist als die meisten Mütter. Und deshalb hat dieses Lob einen schalen Geschmack. Es war viel zu leicht abzugreifen. Dafür möchte ich kein Lob. Welches Lob würde mich wirklich freuen?
Wenn ich ihr nur einmal so wichtig wäre!
Ich sehe mich schon als wichtigen Ansprechpartner meiner Tochter, der sich genauso viel wie ihre Mutter um sie kümmert, der genau im Blick hat, wie es ihr geht, und weiß, was sie alles braucht. Doch wenn wir drei gemeinsam zu Hause sind, dann habe ich es schwer: Ich darf ihr keine Zähne putzen, nicht beim Anziehen helfen und sie nicht ins Bett bringen. Dann wird immer Mama verlangt. Auch wenn wir zusammen unterwegs sind, kann ich mir den Mund fusselig reden: Auf Ansagen hört unsere Tochter nur, wenn sie aus dem Mund meiner Freundin Lena kommen. Das ist mir manchmal richtig unangenehm. Letztens am Hauptbahnhof war Lena kurz auf der Toilette. Währenddessen wollte meine Tochter von außen auf eine Rolltreppe klettern und machte das auch prompt. Ich bat sie freundlich, wieder herunterzukommen. Als sie nicht reagierte, musste ich sie wegtragen – unter Geschrei: „MAMA! Ich will zu Mama! Sofort!“
Wenn uns jemand von außen betrachtet hat – und bestimmt hat jemand zugeschaut –, dann hätte diese Person einen überforderten Vater gesehen, der in der kurzen Abwesenheit der Mama die Kontrolle über sein Kind verliert. Ich wünschte, es wäre anders. Dass meine Tochter nur auf mich hört, dass ich alles im Griff habe und dass sie keine fünf Minuten ohne mich aushalten kann. Wenn dieser Zustand erreicht ist, kann man mir ein Lob aussprechen. Wenn die emotionale Regulation unserer Tochter meine komplette Verantwortung ist, nehme ich das auch gerne an.
Bis dahin bleibt mir nur, mich mit meinem Titel als Wäsche-Mann zufriedenzugeben.
Source: faz.net