Immobilie Am STarnberger See: Habermas-Haus denn Villa Massimo? Was dagegen spricht
Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) empfiehlt die Umrüstung des Starnberger Wohnhauses von Jürgen Habermas. Habermas gilt in weiten Kreisen, nicht erst seitdem er am 14. März im biblischen Alter von 96 Jahren verstorben ist, als der staatstragende Denker der Bundesrepublik schlechthin. Mit seinem Einfamilienhaus, bezogen 1972, habe er „der Welt einen Ort des Denkens verschafft“, schreibt die SZ nun in hohem Ton. Das Gebäude, in dem „ein Teil vom Fundament der jüngeren deutschen Demokratiegeschichte [. . .] entstanden“ sei, dürfe keinesfalls unter privaten, kommerziellen Aspekten betrachtet, verkauft und womöglich abgerissen werden. Nein – man solle es zu einem „diskursiven, öffentlichen Denkraum“ machen, nach dem Modell der Villa Massimo in Rom. Dafür wäre eine „vom Bund und Freistaat getragene Stiftung“ zu gründen. Deren Federführung soll demnach das Frankfurter Institut für Sozialforschung übernehmen.
Stephan Lessenich, Leiter des Instituts, hat auf eine Anfrage des SZ-Architekturkritikers Gerhard Matzig geantwortet, dieses Vorhaben sei „dem Denken von Jürgen Habermas angemessen“. Ich weiß nicht, ob Lessenich noch mehr gesagt hat, ohne dass es Eingang in den Zeitungsartikel fand. Könnte er vielleicht eine Einschränkung hinzugefügt haben? Etwas wie: Aber dem Institut für Sozialforschung wäre solch ein Vorhaben nicht so ganz angemessen. Eine Antwort dieser Art mag reine Wunschprojektion von mir sein. Wie dem auch sei – es besteht Anlass zu einer Besinnung auf die Geschichte des hoch komplizierten Verhältnisses zwischen Habermas und dem Frankfurter Institut.
Von Horkheimer zu einem „marxistischen Forschungsinstitut“ umgebaut
Das Institut ist eine autonome Einrichtung, die über ein Statut mit der Frankfurter Universität verbunden ist, welches besagt, dass sein Direktor dort eine Professur bekleiden muss. Ursprünglich war es der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung gewidmet. Von 1930 an wurde es von Max Horkheimer zu einem „marxistischen Forschungsinstitut“ (Lessenich) umgebaut. 1933 emigrierte es in die Vereinigten Staaten von Amerika, fünf Jahre nach Kriegsende wurde es in Frankfurt wiedereröffnet. Seit 2021 hat es sich unter der Leitung von Lessenich wieder stärker den undogmatisch-neomarxistischen Ursprüngen zugewandt, die für Horkheimers Direktorat vor dem Zweiten Weltkrieg charakteristisch waren. Nach dem Krieg war dieser Theorierahmen lange Zeit nicht mehr so recht erkennbar gewesen. Das hatte teils strategische Gründe (Horkheimer befürchtete politisch-gesellschaftlich Übergriffe von rechts), teils aber auch philosophische.
Zu Beginn der Dreißigerjahre war Horkheimer noch „überzeugt“, dass dem Nationalsozialismus „nur durch revolutionäre Aktion entgegenzutreten sei“, wie er später rückblickend sagte. Schon Ende der Dreißigerjahre hielten er und sein Mitarbeiter und Freund Theodor W. Adorno, der spätere Ko-Direktor des Instituts in Frankfurt, dies zwar analytisch immer noch für richtig. Doch der geschichtliche Moment sei verpasst worden, in dem die kapitalistische Gesellschaft noch revolutionär in einen Verein freier Menschen hätte umgestaltet werden können, die der Zwänge des Wertgesetzes ledig wären.
Die Frankfurter Schule als „Grand Hotel Abgrund“
Das Marx’sche Konzept der Revolution lasse sich nicht mehr in die Weltlage des teils oligopolistischen, teils monopolistischen Spätkapitalismus transponieren, von den autoritären Staaten unter der Flagge des Sowjetmarxismus ganz zu schweigen. Die autoritär-konformistische psychische Formierung der Menschen und die Kommodifizierung der Kultur seien zu weit fortgeschritten. Revolutionäre Destruktionen bürgerlicher Gesellschaftsformen würden nicht mehr zur Befreiung führen, sondern zu Exzessen der Gewalt und des Terrors.
Im Jahre 1962 belegte der Parteikommunist Georg Lukács die Frankfurter Schule mit dem Spottnamen „Grand Hotel Abgrund“. Die Metapher sollte besagen, dass Horkheimer und Adorno resigniert hätten. Sie fänden sich unter recht komfortablen persönlichen Bedingungen mit den gesellschaftlichen Zuständen ab, die sie nur messerscharf analysieren, aber nicht mehr abschaffen wollten. Diese unfaire Darstellung wurde ein paar Jahre später vom aktionistischen Flügel der rebellierenden deutschen Studenten übernommen.

Doch blicken wir vorerst noch einmal zurück in die Fünfzigerjahre, als das Frankfurter Institut die Plattform für Habermas’ Karrierestart war. 1957 veröffentlichte der Assistent von Adorno in der „Philosophischen Rundschau“ einen Aufsatz über „Marx und den Marxismus“. Horkheimer war irritiert und alarmiert: Der Nachwuchsphilosoph plädierte für ein Konzept der Revolution, das der Institutsleiter nicht nur für politisch ungeschickt (und daher nicht ungefährlich) hielt, sondern für geschichtsphilosophisch verfehlt. Habermas argumentierte, fortschrittliche Philosophie müsse sich einem alles entscheidenden normativen Kriterium stellen, nämlich: ob sie sich eigne und dazu bereit sei, sich in eine „Revolutionstheorie als Kategorienlehre der Kritik“ zu verwandeln.
Horkheimer hielt das für eine anachronistische Neuauflage des frühmarxistischen Theorems von der Selbstaufhebung der Philosophie durch ihre gesellschaftliche Verwirklichung. Das theoretische Manöver von Habermas bestand in Horkheimers Augen darin, dass er „die revolutionären Parolen des Vormärz zum Maßstab für die Gegenwart“ nahm, „ohne ihre ursprüngliche gesellschaftliche Situierung zu berücksichtigen und ohne zu untersuchen, welchem Funktionswandel Revolutionen seither unterlegen sind“. So hat es der Horkheimer-Herausgeber Gunzelin Schmid Noerr 1996 resümiert, als die institutsinterne Kontroverse erstmals publik wurde.
Fundamentalkritik der Kritischen Theorie
Die Causa Habermas war der größte inhaltliche Zwist, den es zwischen Horkheimer und Adorno gegeben hat. 1964 wurde Habermas dann Nachfolger auf Horkheimers Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie. Der Emeritus hatte sich schon vorher von Adorno beschwichtigen lassen und unterstützte die Personalie. Es galt zu vermeiden, dass Adorno durch eine Berufung einer Person mit gänzlich anderer theoretischer Orientierung am Philosophischen Seminar isoliert würde. Habermas seinerseits hatte seine anachronistische Revolutionsrhetorik zu diesem Zeitpunkt bereits ad acta gelegt. Die theoretische und normative Rechtfertigung der Gesellschaftskritik sollten in seinem neuen Konzept nun die Besinnung auf die Prinzipien sprachlicher Verständigung und die Selbstreflexion der Peirce’schen Scientific Community leisten.
Im Zuge der weiteren Ausarbeitung seines Modells einer transformierten Transzendentalphilosophie blieben nicht nur die frühen Verbalradikalismen auf der Strecke, sondern auch jene substanziell wichtigen Aneignungen Marx’scher Theoreme aus den Aufsätzen, die Habermas noch 1963 publiziert hatte, versammelt unter dem Titel „Theorie und Praxis“. Als er 1971 den von Horkheimer übernommenen Lehrstuhl in Frankfurt aufgab und Leiter des Starnberger Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt wurde, machte er sich daran, sein theoretisches Hauptwerk auszuarbeiten.
Es basiert auf einer Fundamentalkritik der Kritischen Theorie von Horkheimer und Adorno. Deren Dialektik der Aufklärung wird in der Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas als Selbstzerstörung der Philosophie durch fundamentalistische Rationalitätskritik attackiert. Wenig später legte er in einer Vorlesungsreihe zum Philosophischen Diskurs der Moderne nach und erklärte das Epochenbuch von Horkheimer und Adorno zum nietzscheanisch-irrationalistischen Sündenfall, der dem Vernunftdefaitismus der französischen Postmoderne den Boden bereitet hätte.

Wer sich die (lohnende) Mühe machte, die „Dialektik der Aufklärung“ im Wortlaut zu lesen, und sich nicht auf Habermas’ tendenziöse Darstellungen verließ, konnte unschwer feststellen, dass diese stark in Richtung übler Nachrede gehen. Denn Horkheimer und Adorno wollten die Intentionen der europäischen Aufklärung vor ihrer Selbstzerstörung schützen. Diese drohe, wenn die inneren Widersprüche aufgeklärten Denkens übersehen oder verleugnet werden.
Habermas’ Lesart war und ist sachlich nicht zu halten, doch sie erwies sich als wirkungsvoll. Nachdem er 1981 mit sozialdemokratischer Unterstützung an die Frankfurter Universität zurückgekehrt war, weil man ihm in München (vom Starnberger Wohnort bequem zu erreichen) auf keinen Fall eine Professur geben wollte, galt er binnen Kurzem als Haupt einer zweiten Generation der Frankfurter Schule. Diese zur Realität gewordene Phantasie prägt seitdem die Rezeption der Kritischen Theorie. Habermas gilt zumeist nicht als ihr Abwickler, sondern als ihr zeitgemäßer Vollender.
Keine Rede mehr von Revolution
De facto hatte er sich von den neomarxistischen Grundlagen der Kritischen Theorie verabschiedet, denen Horkheimer sich Ende der Sechzigerjahre doch in mancher Hinsicht weiterhin verpflichtet fühlte. Horkheimer plädierte in einem Radiovortrag über „Marx heute“, der 1968 in der „Süddeutschen Zeitung“ abgedruckt wurde, dafür, dass der Kritiker der Politischen Ökonomie Pflichtlektüre an den Universitäten sein müsse. Als revolutionstheoretischer Prognostiker sei Marx gescheitert, als Analytiker sei er unentbehrlich. Die krisenhafte Gegenwart sei ohne vertiefte Kenntnis seiner Theorie nicht zu begreifen.
Auch bei Habermas war 1968 keine Rede mehr von Revolution. Er hielt den Aktivismus der rebellierenden Studentinnen und Studenten für wahnhaft und sprach vom „linken Faschismus“. Doch nicht nur das. Er bereitete sein Theoriekonstrukt vor, das ausdrücklich und weit ausgreifend begründet mit Marx und der Kritischen Theorie brach. Das neue Paradigma, das Habermas mit aller Macht durchsetzen wollte, bestand im Wesentlichen darin, Max Webers Theorem vom Fortschritt der okzidentalen Rationalisierung zu einer universalistischen Kommunikationstheorie und -ethik auszubauen. Unter deren Anleitung sollte die Menschheit auf der ganzen Welt endlich zur Vernunft kommen.
Es war dem Einfluss von Habermas zu verdanken, dass sein Schüler Axel Honneth von 2001 bis 2018 als Direktor des Instituts für Sozialforschung amtieren und entscheidende Bestandteile von dessen Theoriefundament aussortieren konnte. Die von Adorno kritisch erneuerte materialistische Dialektik wurde aus der Methodologie des Forschungsprogramms exorziert; statt von Widersprüchen des Kapitalismus war nur noch vage von seinen „Paradoxien“ die Rede.
Wenn es nach Gerhard Matzig von der „Süddeutschen Zeitung“ geht, könnte Habermas nun also, gleichsam aus dem Grabe heraus, das Frankfurter Institut für Sozialforschung symbolisch kapern. Das Institut, das sich seit einiger Zeit wieder der Kritischen Theorie annähert, soll die Schirmherrschaft für eine Repräsentationsstätte staatstragender Kommunikationsphilosophie übernehmen – für ein „Haus Habermas“, geführt vom Kulturstaatsminister der Bundesrepublik. Habermas’ Theorie ist in vielerlei Hinsicht interessant und wichtig, aber sie ist eben keine Kritische Theorie. Das spricht doch eher gegen eine postume Umarmung.
Gerhard Schweppenhäuser ist Professor für Design-, Kommunikations- und Medientheorie an der TU Würzburg-Schweinfurt und lehrt als Privatdozent Philosophie an der Universität Kassel. Zuletzt veröffentlichte er „Das konstruktivistische ,Interesse am Körper’. Geschlecht, Identität und der Naturbegriff der Kritischen Theorie“ (Meiner Verlag, 2026).
Source: faz.net