Schongauer im Louvre: Warum Dürer nachdem Colmar pilgerte

Das Musée du Louvre erinnert mit einer Ausstellung an den großen elsässischen Maler und Kupferstecher der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, Martin Schongauer aus Colmar. Dessen Nachruhm und die gesicherten Fakten seiner Biographie stehen in einem umgekehrten Verhältnis zueinander, anders gesagt, wir wissen relativ wenig über den Verlauf seines Lebens. Hierzu gehört bereits die Unsicherheit über sein Geburtsdatum, ein in der Forschung bis heute kontrovers diskutiertes Thema. Tatsache ist sein früher Tod im Jahr 1491 in Breisach, möglicherweise an der Pest. Er starb während der Arbeiten an den monumentalen Wandmalereien für das St. Stephansmünster in Breisach, die ihn bereits mehrere Jahre in Anspruch genommen hatten. Die Qualität der wenigen ihm gesichert zugeschriebenen Gemälde lässt erahnen, was wir bewundern würden, wenn Schongauer nicht nur gut 40, sondern 60 oder 70 Jahre alt geworden wäre. Die Feinheit und Zierlichkeit seiner Bilder trugen ihm den Beinamen „Hübsch Martin“ ein. Er war ein Nazarener vor seiner Zeit, der zeichnerische Präzision und überirdische Idealität zu vereinen wusste.

Es spricht für sich, dass kein Geringerer als der junge Albrecht Dürer 1492 nach Colmar kam, um auf der Wanderschaft nach seiner Lehre eine Zeit lang in der Werkstatt Schongauers zu arbeiten, den er aber nicht mehr unter den Lebenden antraf. Betrachtet man die neuartige Plastizität und Monumentalität der Hände und der Gewanddraperie des heiligen Antonius auf den Tafeln Schongauers für Jean d’Orlier, den Vorsteher des Isenheimer Klosters (für das Matthias Grünewald später seinen berühmten Altar schuf), dann weisen diese Merkmale bereits auf Dürers „Vier Apostel“ voraus, aller Grazilität zum Trotz, die Schongauers Antoniusfigur zu eigen ist. Dürer dürfte aber vor allem von der herausragenden künstlerischen Qualität der Kupferstiche Schongauers beeindruckt gewesen sein, die er schon in der Nürnberger Werkstatt Michael Wolgemuts kennengelernt hatte. Schongauer hatte das noch junge Medium innerhalb von wenigen Jahren auf ein bis dato unerreichtes künstlerisches Niveau gehoben.

Wesentlich hierfür war nicht nur das technische Können des Goldschmiedesohns im Umgang mit dem Grabstichel, sondern sein Anspruch, der Malerei ebenbürtige, gedruckte Bilder auf Papier zu realisieren. Er arbeitete an der Nobilitierung des Kupferstichs zur eigenen künstlerischen Gattung. Sein Vorläufer am Oberrhein, der Meister E.S., hatte hierfür bereits Grundlagen gelegt. Schongauer war der erste Kupferstecher, der sämtliche seiner Blätter monogrammierte und somit seine künstlerische Autorschaft reklamierte.

Der Louvre könnte auch alle Kupferstiche Schongauers zeigen

115 Kupferstiche Schongauers sind überliefert, von denen knapp die Hälfte in der Ausstellung zu sehen sind. Das ist eine auf den ersten Blick überraschende Beschränkung, weil das druckgrafische Werk Schongauers in dem Département des Arts Graphiques des Louvre vollständig und in hervorragenden Abzügen vertreten ist. Sie ist aber dem Konzept der Ausstellung geschuldet, die keinen vollständigen Überblick über die Kupferstiche Schongauers anstrebt, sondern vor allem deren Verwendung als Vorbilder für andere Künstler und Werke zeigen will und hierfür den entsprechenden Raum braucht.

Im ersten Ausstellungsteil werden die Gemälde sowie eine Auswahl an Zeichnungen und Kupferstichen präsentiert. Höhepunkt ist hier die Präsentation der 1473 datierten „Madonna im Rosenhag“ aus der Dominikanerkirche in Colmar, die in der Schau aus nächster Nähe betrachtet werden kann. Der frappierende Naturalismus der Wiedergabe von Pflanzen und Vögeln kontrastiert mit der Artifizialität der Figuren der Maria und des Jesusknaben, deren Köpfe, Hände und Gesten nach Vorbildern der niederländischen Malerei studiert sind. Der junge Schongauer war ein exzellenter Beobachter sowohl der Natur als auch der niederländischen Malerei.

Oft kopiert aber nie erreicht: Schongauers „Marientod“ von um 1470
Oft kopiert aber nie erreicht: Schongauers „Marientod“ von um 1470Grand Palais/RMN

Aus der Gemäldeabteilung des Louvre ist das großartige Braque-Triptychon Rogier van der Weydens zu sehen, ein privates Andachtsbild, dessen nahsichtige Figurenpräsentation, anrührende Emotionalität und stimmungsvolle Landschaft in den kleinformatigen Andachtsbildern und Kupferstichen Schongauers nachklingen. Die Vorbildwirkung der Kunst Rogier van der Weydens ist von der Forschung seit jeher gesehen worden. Schongauer hat um 1469 eine Wanderschaft in die Niederlande unternommen. Da Rogier 1464 verstorben war, wird Schongauer auch durch dessen Nachfolge mit seinem Formengut in Berührung gekommen sein. Wahrscheinlich ist seine Mitarbeit in der Werkstatt des deutschstämmigen Hans Memling in Brügge, eines engen Rogier-Nachfolgers, mit dem er Deutsch sprechen konnte. Natürlich hatte der junge Colmarer keine Scheuklappen auf und sah auch Gemälde von Jan van Eyck, Dieric Bouts d. Ä. oder Hugo van der Goes, die Spuren in seinem Werk hinterlassen haben. Er hat während dieser Zeit viel gezeichnet, um sich einen Formenschatz zuzulegen, von dem er zeitlebens zehrte. Als kostbare Leihgaben sind einige dieser frühen Zeichnungen in der Ausstellung zu sehen.

Eine der „törichten Jungfrauen“, dennoch hinreißend: Martin Schongauers „Vierge folle en buste“
Eine der „törichten Jungfrauen“, dennoch hinreißend: Martin Schongauers „Vierge folle en buste“Grand Palais/RMN

Während Schongauers frühe Kupferstiche noch das Bemühen zeigen, mit dem Grabstichel tonig zu „malen“, also Stofflichkeit und Figuren wie in Gemälden wiederzugeben, wusste er mit zunehmender Routine die Eigenarten der Gattung zu würdigen und zur Geltung zu bringen. Das Strichbild seiner Stiche zeigt immer mehr Virtuosität in der Suggestion von Plastizität bis zur kleinsten Gewandfalte. Zugleich meisterte er den überzeugenden Ausdruck von Emotionen auch im Kupferstich durch die Souveränität der Liniensprache. Eine Intimisierung der Bildwirkung ist die Folge. Dürer hat diese Qualitäten erkannt und sich wohl auch mit dem Plan, sich in Schongauers Werkstatt als Grafiker weiterzuentwickeln, nach Colmar aufgemacht.

Nie zuvor wurde seine Vorbildwirkung derart deutlich

Die Suggestivität und Anziehungskraft der Kupferstiche Martin Schongauers werden im zweiten Teil der Schau durch die Kuratorinnen Pantxika Béguerie De Paepe und Hélène Grollemund (sowie Aude Briau für den Katalog) mit Werken vor Augen geführt, die im Ganzen oder partiell nach Schongauer kopiert sind. In dieser Dichte ist die Vorbildwirkung der Kupferstiche Schongauers noch nicht gezeigt worden. Die geographische und mediale Breite der Strahlkraft von Schongauers Kupferstichen wird anhand von Goldschmiedearbeiten, Fayencen, Buch- und Glasmalerei, Zeichnungen, Skulpturen (so etwa ein Hausaltar), Gemälden und Tapisserien demonstriert.

Vorbild in Leid und Freud: Auch für die Passionsszenen des „Maitre aux grands fronts“ lieferte Schongauer die Inspiration.
Vorbild in Leid und Freud: Auch für die Passionsszenen des „Maitre aux grands fronts“ lieferte Schongauer die Inspiration.

Ungezählt waren die Motivübernahmen. Von exakter Wiederholung bis zu kreativer Neukombination von Motiven reicht das Spektrum. Bemerkenswerterweise wurden Schongauers Kupferstiche rasch auch von niederländischen Malern und Buchmalern verwendet, wofür er wohl Vertriebswege und Kontakte nutzte, die er während seiner Wanderschaft etabliert hatte. Frühzeitig war seine Grafik auch in Italien und Spanien präsent, wie etwa eine Zeichnung des Florentiners Fra Bartolomeo und ein Gemälde des spanischen Malers Martín Bernat aus Saragossa zeigen. Das hohe zeichnerische Niveau der Kupferstiche inspirierte immer wieder auch Zeichner zu grafischen Nachbildern. Ein herausragendes Beispiel ist die Zeichnung des „Marientods“ von Hans Baldung Grien aus dem Kunstmuseum Basel, die Schongauers spektakulären und geistvollen Kupferstich des „Marientods“ frei variiert. Baldung ließ sich von der emotionalen Expressivität der Vorlage inspirieren.

Befördert wurden die Übernahmen durch den Buchdruck und die Mobilität des leicht transportablen Papiers. Schongauers Brüder vertrieben vermutlich seine Kupferstiche in den Städten, in denen sie ansässig waren, wie Leipzig, Augsburg, Basel und Straßburg. Vor allem aber waren es die Lesbarkeit der Kupferstiche und ihre an der niederländischen Malerei geschulte Ästhetik, die sie als Vorlagen für Andachtsbilder im Geist der „Devotio moderna“ in vielerlei Gattungen brauchbar machten: die Klarheit und Stringenz des Bildaufbaus, eine realistische Vergegenwärtigung und eine die Betrachtenden emotional ansprechende Darstellung. Einige Kupferstecher spezialisierten sich darauf, Bildfindungen Schongauers zu kopieren und intensivierten dadurch noch die Zirkulation seiner Motive. Die Ausstellung bietet die höchst lohnenswerte Gelegenheit, sich in das Werk Schongauers und sein Nachleben aus nächster Nähe zu vertiefen.

Martin Schongauer. Le bel immortel. Louvre, Paris, bis zum 20. Juli. Der Katalog kostet 39 Euro.

Source: faz.net