Holocaust: Die Stimmen dieser Überlebenden verewigen

Anlässlich des Jom Haschoah (Tag der Schoa), an dem in Israel um zehn Uhr das Leben für kurze Zeit stillsteht, hat die Jewish Claims Conference in Berlin und Frankfurt zu einer internationalen Reihe „Strength of Courage“ mit Filmen eingeladen, die sie selbst mitfinanziert hat. In Frankfurt wurde die Auftaktveranstaltung gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde verantwortet, in allen fünf Stadtbezirken in New York City durch Moderatoren begleitet. Der Präsident der Claims Conference, Gideon Taylor, begründet das Engagement damit, dass Filme eine „einzigartige Kraft“ besitzen, Menschen dort zu erreichen, wo sie sind – „über Grenzen, Sprachen und Generationen hinweg“ –, und „Geschichte in etwas zutiefst Menschliches und Unmittelbares übersetzen“. Da es immer weniger Holocaustüberlebende gebe, müssten künftige Generationen erreicht werden.
Vor allem Jugendliche haben bisher von den direkten Gesprächen mit Holocaustüberlebenden profitiert, die werden in Zukunft immer weniger möglich sein. Der Vizepräsident der Claims Conference, Greg Schneider, hält die Bewahrung der Stimmen der Holocaustüberlebenden nicht nur für einen Akt des Erinnerns, sondern sieht darin eine moralische Verpflichtung. „Indem wir diese Erfahrungen durch Filme festhalten und weitergeben, stellen wir sicher, dass kommende Generationen nicht nur erfahren, was geschehen ist, sondern auch die menschlichen Folgen von Hass und die Stärke derjeniger verstehen, die ihn überlebt haben“, so Schneider.
Animationsfilm zu Auschwitz
In Berlin waren am Dienstagmittag zwei Schulklassen aus dem Französischen Gymnasium und dem Rheingau-Gymnasium gekommen, um den französischen Film „La plus précieuse des marchandises“ (Das kostbarste aller Güter) unter der Regie von Michel Hazanavicius zu sehen. Der in Cannes gefeierte Animationsfilm mit deutschen Untertiteln ist zugleich Teil des deutsch-französischen Schulfilmfestivals „Cinéfête“, das Sprachförderung und kulturelle Bildung fördern will. Zu jedem Film gibt es pädagogische Dossiers, die die schulische Arbeit mit den Filmen erleichtern soll.
Die Handlung des Zeichentrickfilms ist ebenso einfach wie eindrücklich: Während des Zweiten Weltkriegs lebt ein armes Holzfällerpaar abgeschieden im Wald, der von der Bahnstrecke nach Auschwitz durchquert wird. Eines Tages findet die Holzfällerfrau im Schnee ein Baby, das aus dem Fenster des Zugs geworfen wurde. Gegen den Willen ihres Mannes entscheidet sie sich, das Kind aufzunehmen und es großzuziehen. Der Holzfäller selbst überwindet durch die Liebe zum Findelkind seinen eigenen Antisemitismus mit den bekannten Stereotypen und den seiner Arbeitskollegen und bezahlt dafür mit dem Leben. Am Ende erkennt der Vater des Kindes, der das KZ Auschwitz überlebt hat, an einem Sammelpunkt seinen Gebetsschal wieder und damit sein eigenes Kind.
In einem anschließenden Gespräch mit dem Produzenten Patrick Sobelman in Paris auf Französisch wurde klar, dass die Form des Zeichentrickfilms nicht nur die kostengünstigere war, sondern auch die aus seiner Sicht angemessenere, weil keine Bilder von Leiden und Tod in Auschwitz in nachgespielter Form gezeigt werden sollten. Denn Sobelman stammt selbst aus einer jüdischen Familie und ist bei der Großmutter in der Schweiz aufgewachsen, die rechtzeitig geflohen war. Es sei sein einziger Film, der auch mit der eigenen Lebensgeschichte zusammenhänge, sagte er.
Verwandte in Israel durch Filmreihe gefunden
Die beiden Lehrerinnen des Rheingau-Gymnasiums wollen die Eindrücke sowohl im Französischunterricht als auch im Klassenunterricht nachbereiten. Sie werden die im Film genannten Stereotype (Gottesmörder, Herzlose, Brunnenvergifter) in den historischen Kontext stellen, in dem sie entstanden sind, um den Schülern die rechtzeitige Wiedererkennung und Warnung zu ermöglichen. Die Jugendlichen aus der neunten Klasse waren sichtlich beeindruckt, auch wenn der eine oder andere wohl nicht mit einem Zeichentrickfilm gerechnet hatte. Im Unterricht werden sie sich auch damit befassen müssen, dass es sich um die Verfilmung einer fiktiven Geschichte handelt, für die es aber reale Grundlagen gibt. Einige jüdische Kinder haben tatsächlich nur überlebt, weil ihre Eltern sich von ihnen auf dem Transport in die Konzentrationslager trennten.
Bei der Berliner Vorführung war auch die 92 Jahre alte Holocaustüberlebende und Berliner Theaterdirektorin Nele Hertling anwesend, die in einer gemeinsam von der Claims Conference und dem ZDF geförderten Filmreihe von ihrem Überleben während der Nazidiktatur berichtet. Ihre jüdische Mutter war die erste in Deutschland in Musikwissenschaft promovierte Frau. Über die ZDF-Reihe stießen jüdische Verwandte in Israel auf sie, zu denen bisher kein Kontakt bestand, weil sie nichts von ihnen wusste.
Dokumentarische Teile und Animation verbindet der englische Film „Soul on Fire“ über den Autor und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der am Dienstag in Berlin gezeigt wurde. Ein geschickter Kunstgriff ist der Besuch des Wiesel-Enkels in Sighet in Siebenbürgen in Rumänien, wo der Großvater aufwuchs und das Geburtshaus noch so zu besichtigen ist, wie es wohl damals eingerichtet war. Sighet war damals eine vollkommen jüdische Stadt mit einer großen Synagoge. Heute leben nur noch etwa hundert Juden in der Stadt, die zwischenzeitlich auch zu Ungarn gehörte. Im digitalen Gespräch mit dem Regisseur Oren Rudavsky vor Jugendlichen der Lauder Foundation zeigte sich, wie aktuell viele der ausschnittsweise verwendeten Reden Wiesels (sowohl auf Französisch mit englischen Untertiteln als auch auf Englisch) sind.
Source: faz.net