„Hohläugig, bleich, zerlumpt, blutverschmiert und mit wehen Füßen“
Um die konföderierte Festung Vicksburg erobern zu können, erhielt Benjamin Grierson im April 1863 den Auftrag, eine Schneise der Verwüstung durch Mississippi zu schlagen. Der Raid wurde die erfolgreichste Kavallerie-Aktion des Bürgerkriegs.
Benjamin Henry Grierson (1826–1911) hatte allen Grund, Pferde zu hassen. Als er acht Jahre alt war, trat ihn ein Exemplar derart an den Kopf, dass er dessen Artgenossen sein Leben lang hasste. Umso erstaunlicher gestaltete sich daher Griersons Karriere während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865). Mit einem tollkühnen Unternehmen stieg er im April 1863 zum Kriegshelden und General auf – bei der Kavallerie.
Bis dahin hatte wenig darauf hingedeutet, dass Grierson über militärische Talente verfügte. In Pittsburgh in Pennsylvania geboren, hatte er den Osten der USA beizeiten verlassen, um sein Glück im Mittleren Westen zu suchen. In Jacksonville (Illinois) schlug er sich als Musiklehrer und Bandleader durch und zeugte mit seiner Frau sieben Kinder. Seine unternehmerischen Versuche als Geschäftsmann waren dagegen kaum von Erfolg gekrönt. Vermutlich verdankte er es seiner Mitgliedschaft in der kurz zuvor gegründeten Republikanischen Partei, dass er 1861 einen Posten als Adjutant im Stab von Benjamin Prentiss bekam, einem „politischen General“ und Parteifreund, der über gute Kontakte in Washington verfügte.
Im Unionsheer, das sich überwiegend aus Rekruten ohne militärische Vorbildung zusammensetzte, zeichnete sich Grierson schnell durch Führungsqualitäten aus, vielleicht, weil er sie im Umgang mit renitenten Schülern entwickelt hatte. Nach wenigen Monaten war er Major (der Freiwilligen), wenig später Colonel des 6. Illinois Cavalry Regiments. Seine Angst vor Pferden hatte er anscheinend in den Griff bekommen. In der Tennessee-Armee des Generals Ulysses S. Grant machte er mit der erfolgreichen Abwehr konföderierter Raids auf sich aufmerksam. Er erhielt das Kommando über eine Brigade und im April 1863 den Auftrag, der ihn berühmt machen sollte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Grant zum zweiten Mal in einem strategischen Dilemma verstrickt. Zwar war es ihm im Jahr zuvor mit seinen Siegen bei Fort Donelson und Shiloh gelungen, der Union das nördliche Mississippi-Tal zu öffnen. Aber der erste Vorstoß gegen die konföderierte Festung Vicksburg war im Winter 1862/63 von verzweigten Wasserarmen, Sümpfen, Krankheitserregern und weiträumigen Verteidigungsanlagen zurückgeschlagen worden. Dabei hatte Grant mehr Männer durch Krankheiten verloren als durch feindliche Kugeln.
Nicht umsonst galt die auf dem östlichen Ufer des Mississippi gelegene Siedlung als „Gibraltar des Westens“, das zusammen mit dem weiter südlich gelegenen Port Hudson den Unterlauf des Flusses kontrollierte. Zu ihrem Schutz hatten die Konföderierten 30.000 Soldaten unter dem Befehl von John Pemberton zusammengezogen. Auf einem 60 Meter hohen Plateau über dem Ufer gelegen und mit zahlreichen schweren Geschützen armiert, galt Vicksburg als uneinnehmbar – zumindest für einen Gegner, der es vom Westen aus angriff.
Im März 1863 versuchte Grant es erneut. Wieder rückten seine Truppen am Westufer des Mississippi nach Süden vor, ließen Vicksburg aber links liegen und sammelten sich 60 Kilometer weiter südlich. Der Plan war, von dort das östliche Ufer zu gewinnen und Pemberton damit zu einem Ausbruch aus seiner Festung zu provozieren. Da während des Übersetzens Grants Soldaten jedoch ein verwundbares Ziel abgeben würden, erhielt Grierson Mitte April den Auftrag, mit einem weiträumigen Ablenkungsmanöver die Südstaatler in die Irre zu führen.
Umgehend machte sich der einstige Musiklehrer an seine Aufgabe. Mit einer kleinen Brigade, dem 6. und 7. Illinois-Kavallerieregiment sowie dem 2. Iowa, rund 1700 Mann, startete er am 17. April in La Grange, wo die Union ein wichtiges Nachschubdepot unterhielt. Der Ort lag rund 400 Kilometer nordöstlich von Vicksburg in Tennessee, für Pemberton also irgendwo im Nirgendwo. Und da wollte Grierson auch bleiben, als er begann, bei seinem Ritt nach Süden Schneisen der Verwüstung durch Mississippi zu schlagen.
Um die Konföderierten zu verwirren, sandte er Abteilungen in verschiedene Richtungen, sodass er nie dort war, wo man ihn vermutete. So durchbrach ein Regiment die Eisenbahnlinie, die Mississippi mit Georgia verband, und schlug sich dann zurück nach La Grange durch. Das heftige Gefecht, in das die Blauröcke dabei von der südstaatlichen Verteidigung verwickelt wurden, lenkte von Griersons Haupttruppe ab, die weiterhin nach Süden ritt und sich dabei aus dem Land, durch das sie zog, ernährte.
Griersons Erfolgsmeldungen waren bemerkenswert: „Wir töteten und verwundeten zahlreiche Feinde, machten mehr als 500 Gefangene und ließen sie auf Ehrenwort frei, zerstörten zwischen 80 und 95 Kilometer Eisenbahn- und Telegrafenleitungen, über 3000 Gewehre und andere Armeegüter in immenser Menge. Wir erbeuteten außerdem 1000 Pferde und Maultiere.“
Das waren ungewohnte Nachrichten für die Unions-Kavallerie, die in den ersten beiden Kriegsjahren vor allem Prügel von Gegnern hatte einstecken müssen, die auf den Plantagen des Südens aufgewachsen waren, während ihre Leute aus den Städten und Farmen des Nordens stammten. Das mag erklären, warum die Berichte andere Reiter-Kommandeure auf die Idee verfallen ließen, Griersons Truppen zu verstärken und mit ihnen gemeinsam eine große Schlacht gegen die Konföderierten zu schlagen.
Das zeugte vor allem von geringem strategischem Weitblick. Denn Grierson ging es nicht um Kampf, sondern um das Abschneiden Vicksburgs von seinen Versorgungslinien und die Verschleierung von Grants Aufmarsch. Daher plante der Oberst auch keinen Rückmarsch nach La Grange, sondern zielte auf das nordwestlich von New Orleans gelegene Baton Rouge, das ein Jahr zuvor in die Hände der Union gefallen war.
Am 2. Mai ritten Grierson und seine Leute müde, aber weitgehend unversehrt in Baton Rouge ein. „Unsere Verluste beliefen sich auf drei Tote, sieben Verwundete, fünf Kranke, die unterwegs zurückblieben, und neun Vermisste“, heißt es in seinem Abschlussbericht: „Wir marschierten über 965 Kilometer in 16 Tagen.“
Grant wusste die Leistung zu würdigen. Denn anders als die Raids südstaatlicher Kavallerie, die zumeist auf dem Boden der Konföderation stattfanden, hatten sich Griersons Reiter in Feindesland bewegt. Sie hatten die Bahnlinien, die Vicksburg versorgten, durchschnitten und dessen Garnison vom Vorstoß der Union über den Mississippi abgelenkt. „Dieser Zug war von großer Wichtigkeit, da Grierson die Aufmerksamkeit des Feindes von der Hauptbewegung gegen Vicksburg ablenkte“, schrieb Grant in seinen Memoiren. Moderne Historiker wie James M. McPherson pflichten ihm bei: „Griersons Husarenstück hatte vermutlich gravierendere strategische Konsequenzen als irgendein anderer Kavallerie-Raid dieses Krieges.“
Denn Pemberton hatte nicht nur die wenigen Kavallerie-Einheiten, die er zur Verfügung hatte, zur Verfolgung von Grierson befohlen, die damit für die Aufklärung gegen Grant fehlten. Sondern er hatte auch eine ganze Division in Marsch gesetzt, um die Unionsreiter zur Strecke zu bringen. Das Scheitern dieser Unternehmen schwächte nicht nur die Garnison in Vicksburg, sondern demoralisierte Armee und Zivilbevölkerung in Mississippi gleichermaßen, während Griersons Raid für die Nordstaatler zum Vorbild für ähnliche Aktionen in großem Stil wurde.
Wie dieser löste sich auch Grant von seinen Versorgungsbasen und requirierte, was er brauchte, vor Ort. Nach mehreren gewonnenen Gefechten gegen Pembertons unkoordiniert vorgehende Truppen erschien er am 17. Mai vor Vicksburg, in das sich seine Gegner „hohläugig, bleich, zerlumpt, blutverschmiert und mit wehen Füßen“, so eine Bewohnerin, gerettet hatten. Die Kapitulation der Stadt am 4. Juli (und kurz darauf von Port Hudson) brachte das gesamte Mississippi-Tal unter die Kontrolle der Union und zerteilte die Konföderation.
Grierson stieg in der Folge zum General auf, wurde nach dem Ende des Bürgerkriegs Berufssoldat, übernahm – zur Verwunderung vieler Kameraden – das Kommando über ein Regiment, das aus ehemaligen schwarzen Sklaven gebildet wurde, und starb 1911 im Bett. In seinem Film „Der letzte Befehl“ hat John Ford Griersons Raid 1959 mit John Wayne in der Hauptrolle in Szene gesetzt. Allerdings heißt er darin John Marlowe und war vor dem Krieg kein Kapellmeister, sondern Ingenieur.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Amerikanische Bürgerkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de