Gubaidulinas Haus: Hier könnte beiläufig künftig Musik entstehen

Am 13. März des vergangenen Jahres ist die russische Komponistin Sofia Gubaidulina in ihrem Haus in Appen bei Hamburg mit 93 Jahren verstorben. Wenige Figuren der Gegenwartsmusik hatten einen so weiten Wirkungskreis wie sie. Ihr erstes, noch in der Sowjetunion entstandenes Violinkonzert „Offertorium“ war von Gidon Kremer uraufgeführt worden, ihr zweites, „In tempus praesens“, hob Anne-Sophie Mutter 2007 in Luzern aus der Taufe. Kurt Masur holte ihre Musik nach New York. Noch ihr Spätwerk, „Der Zorn Gottes“, zum Beethoven-Jahr 2020, bewies Mut, Wucht und Könnerschaft. In Dirigenten wie Andris Nelsons und Kirill Petrenko fand es prominente Anwälte. Mit ihrer ebenso streng konstruierten wie sprachgewaltigen Musik erreichte Gubaidulina ein Publikum jenseits enger Avantgardezirkel, ohne dabei bequem oder populistisch zu schreiben.

Was soll nun aus ihrem Haus in Appen werden? Es ist Sinnbild ihres Schaffens: lärmabgewandt, stadtfern, umgeben von einer Natur, deren organisches Wachstum für die Komponistin Inspiration war. In ihrem Arbeitszimmer steht noch der Steinway-Flügel, den ihr der Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch geschenkt hatte. Auch die große Sammlung an außereuropäischen Instrumenten, die im Verlauf des langen Lebens der Komponistin entstanden ist, kann bestaunt werden. Hinzu kommen die vielen selbstgebauten Instrumente, auf denen sie schon in sowjetischer Zeit in der Gruppe Astreja zusammen mit ihrem engen Freund Viktor Suslin experimentiert hatte. Ihre Bibliothek ist ebenfalls erhalten. Nur ihre musikalischen Handschriften, die Partituren der Werke, sind bereits nach Basel gebracht worden – ins Archiv der Paul-Sacher-Stiftung, die sie bereits zu Lebzeiten von der Komponistin erworben hatte. Von jenem Geld konnte sich Gubaidulina das Haus in Appen kaufen, das sie seit 1993 bewohnte. Es befindet sich jetzt im Besitz ihrer Enkel Ilja und Alexander Alexandrov, den Söhnen der schon vor längerer Zeit verstorbenen Tochter der Komponistin.

Instrumente aus der Sammlung Sofia Gubaidulinas in ihrem Haus
Instrumente aus der Sammlung Sofia Gubaidulinas in ihrem HausHans-Ulrich Duffek

Unmittelbar nach dem Tod der Künstlerin kam die Idee auf, eine Gubaidulina-Stiftung zu gründen, um ihr Haus zu erhalten und es Kompositionsstipendiaten zur Verfügung zu stellen. Ein Gubaidulina-Preis, vielleicht in Verbindung mit der Elbphilharmonie, sollte ausgelobt werden, um an die außergewöhnliche Frau zu erinnern und jüngere Kolleginnen oder Kollegen zu unterstützen. Der kanadische Geiger Emmanuel Vukovich, der gerade an einer Gesamtaufnahme von Gubaidulinas Violinkonzerten arbeitet, hatte die Initiative ergriffen. Hans-Ulrich Duffek, der Gubaidulina für den Musikverlag Sikorski über Jahrzehnte hinweg zur Seite stand, und Gabriel Teschner, der heute das Werk der Komponistin verlegerisch betreut, unterstützen Vukovich dabei. Ihnen gelang es, Anne-Sophie Mutter, Gidon Kremer, Ivan Monighetti, Florian Besthorn vom Paul-Sacher-Institut und Tobias Niederschlag, den künstlerischen Leiter der Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch, zur Mitwirkung in einem Kuratorium zu gewinnen. Auch die Dirigenten Kent Nagano und Andris Nelsons sind bereit, das Vorhaben zu unterstützen.

Der kanadische Mäzen David Sela wollte ursprünglich den Ankauf des Hauses für die Stiftung finanzieren, zog sich aber wegen der angespannten Marktlage im Papierhandel, mit dem er sein Geld verdient, von dem Plan zurück. Die Kühne-Stiftung in Hamburg konzentriert sich lieber auf den Bau eines neuen Opernhauses. Die Landesregierung Schleswig-Holsteins, bei der die Stiftung angesiedelt sein könnte, zeigt sich für das Projekt offen, doch die Verhandlungen mit der Politik könnten langwierig werden. Diese Geduld trauen sich die beiden Enkel, die nun schon ein Jahr lang den Unterhalt des Hauses finanzieren, nicht zu. Sie würden die Immobilie, deren Marktwert auf 400.000 bis 500.000 Euro geschätzt wird, gern verkaufen. Damit wäre das Stiftungsziel aber gescheitert.

Laut einem Konzept des Enkels Alexander Alexandrov wäre etwa eine Million Euro nötig für den Kauf von Haus und Instrumenten, die Gründung einer Stiftung und den geringfügigen Umbau zum Wohn- und Arbeitsort für Stipendiaten. Um den Unterhalt des Hauses, das Personal für die Stiftung, deren Aktivitäten und den Stipendiatenbetrieb zu finanzieren, veranschlagt Alexandrov eine weitere Million Euro. Für zwei Millionen also ließen sich eine „Insel der Konzentration und ein Ort des Zuhörens“, so Alexandrov, bewahren. Private Geldgeber mit Herz für die Musik sind wieder einmal dringend gesucht. Vielleicht wäre ihr Engagement ein Ansporn für die Landesregierung, in den längerfristigen Unterhalt einzusteigen.

Source: faz.net