Fragile Waffenruhe: Menschen kehren in den Süden des Libanon zurück

Vertriebene im Libanon stehen in Autos Schlange, um eine zerstörte Brücke zu überqueren

Stand: 17.04.2026 • 18:49 Uhr

Obwohl unklar ist, wie lange die Waffenruhe im Libanon hält, wollen viele zurück in ihre Dörfer im Süden des Landes. Die Menschen hoffen – und die Regierung steht vor einer Mammut-Aufgabe.

Lange Autoschlangen stauen sich auf den Straßen rund um Libanons Küstenstadt Saida. Die Autobahn ist brechend voll. Menschen sind auf dem Weg zurück in den Süden des Landes. Sie alle wurden durch die Kämpfe vertrieben – und wollen die zehntägige Waffenruhe nutzen, um zu sehen, was aus ihren Dörfern geworden ist.

Die Feuerpause macht ihnen Hoffnung: „So Gott will werden wir mit den Verhandlungen bekommen, was wir wollen und bleiben in unserem Land“, sagt eine Frau in einem Auto. Und ein anderer Geflüchteter fügt hinzu: „So Gott will hält die Waffenruhe und der Widerstand siegt.“

Rückkehr trotz mehrerer Warnungen

Mit Widerstand ist die Hisbollah gemeint, deren Flaggen hier hochgehalten werden. Vor allem im Süden des Libanon hat die Miliz noch viele Anhänger, obwohl die pro-iranischen Kämpfer den Libanon in den Krieg gezogen haben.

Die Warnungen der Hisbollah, der libanesischen Regierung und israelischen Armee, erst mal nicht in den Süden zurückzukehren, weil die Lage nicht sicher sei, haben viele Libanesinnen und Libanesen in den Wind geschlagen. Je weiter sie nach Süden kommen, desto massiver ist die Zerstörung, die sie sehen.

Doch die Reise ist beschwerlich: Brücken über den Litani-Fluss wurden von Israel gesprengt. „Diese Brücke war immer offen, jeder konnte sie normal passieren“, erzählt Busfahrer Hussein. Jetzt ist die Brücke zerstört, und niemand kann mehr hin oder her.

„Diese Brücke muss so schnell wie möglich wieder geöffnet werden, denn hier fahren auch Krankenwagen lang“, sagt Hussein.

Israel will „Pufferzone“ – Libanon spricht von Besetzung

Israel habe den Süden vom Rest des Landes abtrennen wollen, sagen Kritiker. Und die Armee hält ihre Stellungen im Süden des Libanon. Die Operation sei noch nicht zu Ende, sagt dazu der israelische Verteidigungsminister Katz. „Die israelische Armee wird weiterhin alle von ihr eroberten Gebiete halten. Die Bodenoperationen im Libanon und die Angriffe auf die Hisbollah im ganzen Libanon haben viele Erfolge erzielt, sind aber noch nicht abgeschlossen“, so Katz.

Israel will eine sogenannte Pufferzone im Süden des Libanon dauerhaft einrichten – die Libanesen nennen es Landbesetzung und Vertreibung.

Die libanesische Regierung träumt jetzt von einer Rückkehr zur Normalität. Sie appelliert fast verzweifelt an den Zusammenhalt der Bürger: „Alle Anstrengungen werden unternommen, damit der Staat alle seine Bürger auffängt“, sagt der libanesische Innenminister Ahmed al-Hajjar. Die Menschen im Süden haben viel ertragen. Nun ist die Zeit für den Wiederaufbau gekommen. Nichts garantiert ein sicheres, würdevolles Leben und Stabilität im Land, außer der Zusammenhalt hinter dem Staat.“

Droht dem Libanon der Staatskollaps?

Die libanesische Regierung steht vor schier unlösbaren Aufgaben: Sie soll die Hisbollah entwaffnen, doch dafür ist sie zu schwach. Die Hisbollah genießt Rückhalt in der Bevölkerung. Und Beobachter warnen vor der Gefahr eines Staatskollaps.

Raghida Dergham, Analystin vom Beirut Institute, sagt dazu: „Priorität hat, dass jetzt die Staatsgrenzen festgelegt werden und nicht die Hisbollah als Staat im Staate das Land beherrscht, sondern es einen souveränen Staat gibt.“ Der Staat müsse jetzt seine Entschlossenheit bei der Entwaffnung der Hisbollah unter Beweis stellen.

Und bei all dem politischen Chaos ist noch nicht klar, wie lange die Waffenruhe im Libanon hält. Sie gilt nach wie vor als äußerst fragil.

Source: tagesschau.de