Engpässe befürchtet: Ölpreise ziehen leichtgewichtig an

Nach der jüngsten Entspannung am Rohölmarkt lässt die Furcht vor Versorgungsengpässen im Nahen Osten die
Ölpreise wieder leicht steigen. Die Nordseesorte Brent und die US-Sorte WTI ziehen zur Wochenmitte in der Spitze um gut ein Prozent auf bis zu 95,79 und 92,38 Dollar je Barrel an. Die Aussicht auf eine diplomatische Lösung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran hält den Anstieg aber weiter im Zaum.
Derweil erreichten die Ölexporte Norwegens, dem größten Ölproduzent Europas, im März wegen des Iran-Kriegs einen Rekordwert. Das Land führte im vergangenen Monat Öl im Wert von 57,4 Milliarden norwegische Kronen (5,2 Milliarden Euro) aus, das waren knapp 68 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, wie am Mittwoch das norwegische Statistikamt mitteilte. Der Preis je Barrel (159 Liter) lag demnach im Monatsdurchschnitt bei 107,52 Dollar (91,2 Euro).
Trump wettert gegen Großbritannien
Die enorme Steigerung kommentierte auch US-Präsident Donald Trump. Er forderte, dass Großbritannien mehr Öl fördern soll. „Europa leidet unter einem akuten Energiemangel, und dennoch weigert sich das Vereinigte Königreich, das Nordseeöl, eines der größten Ölfelder der Welt, zu erschließen. Tragisch“, schrieb er am Dienstag in seinem Onlinedienst Truth Social. „Norwegen verkauft sein Nordseeöl zum doppelten Preis an das Vereinigte Königreich. Die verdienen ein Vermögen.“
Fachleute sagten am Mittwoch: Der Markt gehe zwar davon aus, dass das Schlimmste überstanden sei, und preise weitere Gesprächsrunden zwischen den USA und dem Iran in den kommenden Tagen ein, sagte Suvro Sarkar, Energieexperte bei der DBS Bank. Zurzeit gebe es jedoch mehr Hoffnung als tatsächliche Entwicklungen. „Physisches Öl wird immer noch mit erheblichen Aufschlägen auf die Terminpreise gehandelt.“ Gespräche zur Beendigung des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran könnten in den nächsten zwei Tagen in Pakistan wieder aufgenommen werden, sagte US-Präsident Donald Trump am Dienstag.
„Es scheint zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich klar, dass keine der beiden Seiten eine weitere Eskalation der Situation aus militärischer Sicht anstrebt, und es wird auch immer deutlicher, dass die US-Blockade der Straße von Hormus ein Verhandlungsmanöver ist“, sagte Michael Brown, Stratege beim Online-Broker Pepperstone. Die US-Streitkräfte setzten nach eigenen Angaben die Blockade iranischer Häfen mittlerweile vollständig durch.
Weitere Verknappung erwartet
„Die Wiederöffnung der Straße von Hormus liegt nicht allein in Trumps Hand“, sagte SEB-Analyst Ole Hvalbye. „Der Iran hat seine eigenen Überlegungen, und das Regime könnte es als strategisch sinnvoll erachten, den Schiffsverkehr auch nach einem Friedensabkommen weiterhin einzuschränken – sei es, um Reparationszahlungen zu erzwingen, Sicherheit zu gewährleisten oder einfach, um den USA im Vorfeld der US-Zwischenwahlen im November politischen Schaden zuzufügen.“
Das Rohöl-Angebot dürfte sich Analysten zufolge weiter verknappen. Die US-Regierung lässt eine Ausnahmeregelung für Sanktionen auf iranisches Öl im Laufe dieser Woche auslaufen, wie Reuters am Vortag von zwei mit dem
Vorgang vertrauten Personen erfuhr. Eine ähnliche Ausnahmeregelung für russisches Öl sei stillschweigend schon am Wochenende ausgelaufen. Investoren warten mit Spannung auf die offiziellen US-Lagerbestandsdaten im weiteren Tagesverlauf.
Laut einer Reuters-Umfrage dürften die US-Rohölbestände in der vergangenen Woche leicht gestiegen sein, während die Lagerbestände an Destillaten und Benzin wahrscheinlich gesunken sind. Daten des Branchenverbands American Petroleum Institute (API) deuteten Händlern zufolge auf einen Anstieg der Rohölvorräte hin.
Source: faz.net