Engie aus Frankreich: Dieser Energieriese surft uff welcher Elektrifizierungswelle

Die Energiekrise könnte Europas Souveränität beflügeln – und damit Unternehmen, die längst in großem Stil auf Wind, Sonne, Netze, Batterien und „grüne“ Gase setzen. Eines davon ist Engie. Frankreichs drittgrößter Energiekonzern neben Électricité de France und Totalenergies ist schon heute in der gesamten Wertschöpfungskette der Strom- und Gaswirtschaft aktiv und betreibt Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 100 Gigawatt. Davon entfällt etwas mehr als die Hälfte auf erneuerbare Anlagen sowie Batteriespeicher.

Engie wirbt denn auch vehement dafür, die Krise als Chance zu begreifen. Wenn die Europäer ihre Abhängigkeit von unsicheren und teuren Gaslieferungen aus den Golfstaaten reduzierten, hülfen sie gleichermaßen dem Klima und sänken ihre Kosten. „Je mehr erneuerbare Energien Sie haben, desto immuner sind Sie gegen die hohen Gaspreise“, sagte die Engie-Vorstandschefin Catherine MacGregor am Dienstag im Pariser Journalistenclub AJEF. Italien mit seinem hohen Anteil von Gas im Erzeugungsmix etwa habe aktuell höhere Stromkosten als die Nordeuropäer.

Maßgeschneidertes Angebot der Energiequellen

Dabei kommt Engie im Gegensatz zu reinen Ökostromerzeugern zupass, auch die dazugehörige Begleitinfrastruktur im Portfolio zu haben. Das meint Batteriespeicher und Netze, vor allem aber die für wind- und sonnenarme Stunden immer wichtiger werdenden Gaskraftwerke. Je nach länderspezifischem Erzeugungsmix können die Franzosen also passgenau liefern. „Gas bleibt wichtig“, betonte MacGregor. Das gelte nicht zuletzt für Biomethan, das aus organischen Stoffen gewonnen wird und eine Brücke zwischen Erdgas und Wasserstoff schlagen soll.

Man könne nicht alle Prozesse elektrifizieren, mahnte die Engie-Chefin, etwa in Raffinerien. Auch „grünen“ Wasserstoff will sie deshalb nicht abschreiben, ungeachtet des jüngsten Scheiterns vieler Investitionsvorhaben. Sehr wohl sei die Diskussion um diesen gasförmigen, auf Basis von Ökostrom erzeugten Energieträger aber ein wenig „rationaler“ geworden. Mangels Verfügbarkeit und hoher Kosten sei „grüner“ Wasserstoff bis auf Weiteres nicht der große Hoffnungsträger, als der er jahrelang gehandelt worden war.

Aktienkurs verdoppelt

Seit Anfang 2021 steht MacGregor an der Spitze von Engie. Sie hat die Konzernstruktur vereinfacht, Geschäftsbereiche veräußert und die Hinwendung zu Strom und Energieinfrastruktur beschleunigt. War das vor 18 Jahren aus der Fusion von Gaz de France und Suez hervorgegangene Unternehmen, an dem der französische Staat knapp 23 Prozent der Kapitalanteile hält, historisch vor allem ein Gasversorger, fährt es heute mehrgleisig. Die Börse betrachtete das jahrelang skeptisch. Bis Anfang 2025 dümpelte der Aktienkurs vor sich hin.

Doch seither ging es rasant aufwärts. Der Aktienkurs von Engie hat sich seither fast verdoppelt und ein 15-Jahres-Hoch erreicht. Mit einem Börsenwert von rund 72 Milliarden Euro ist der Konzern die Nummer 14 im französischen Aktienleitindex CAC 40. Die Großbanken Crédit Agricole und Société Générale hat der Konzern hinter sich gelassen, und Analysten sind mehrheitlich überzeugt, dass der Umbau der europäischen Energieversorgung Engie in die Karten spielt und auch auf dem US-Markt Wachstumspotential winkt.

Die Analysten haben Vertrauen gefasst

16 von 22 Analysten raten laut einer aktuellen Umfrage des Finanzdiensts Bloomberg zum Kauf der Engie-Aktie. Fünf stimmen demnach für Halten, einer für Verkaufen. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 18 ist die Aktie kein Schnäppchen (mehr), aber auch nicht teuer. Zuletzt hat der Konzern geliefert: Der Reingewinn erreichte 2024 mit rund 4,1 Milliarden Euro ein Rekordhoch und blieb auch 2025 mit 3,8 Milliarden Euro vorzeigbar. MacGregor räumte ein, von Investoren lange kritisch beäugt worden zu sein. Jetzt aber hätten sie Vertrauen gefasst.

Einen Beleg dafür sieht die Engie-Chefin in der Reaktion auf die jüngste Großakquisition in Großbritannien. Dass der Aktienkurs stark gestiegen ist nach der Ankündigung, den größten britischen Stromverteilnetzbetreiber UK Power Networks für umgerechnet rund zwölf Milliarden Euro zu übernehmen, sei bei solchen Transaktionen nicht normal. Zumal Engie im Zuge dessen eine Kapitalerhöhung in Höhe von bis zu drei Milliarden Euro angekündigt hat – ein Schritt, der an der Börse wegen der Verwässerung der Anteile normalerweise nicht gut ankommt.

Bisher sind die französische Heimat, Belgien, wo der Konzern noch einige ältere Kernreaktoren betreibt, sowie Brasilien die drei großen Märkte. In Deutschland betreibt Engie in erster Linie Speicherkapazitäten und Netze. Das Engagement im Segment der erneuerbaren Energien ist mit wenigen Hundert Megawatt Leistung überschaubar. MacGregor hatte vor einem knappen Jahr im F.A.Z.-Interview gleichwohl betont, auch in Deutschland große Wachstumschancen zu sehen.

„Wir begrüßen Deutschlands Engagement für erneuerbare Energien, ‚grüne‘ Gase, Batterien und im Allgemeinen Flexibilitätsinstrumente“, hatte sie gesagt. Der energiepolitische Kurs mag sich von Land zu Land unterscheiden, machte MacGregor am Dienstag deutlich. Für Frankreich etwa sei ein Mix aus Kernenergie und Erneuerbaren richtig. Wichtig sei für ganz Europa, dass es kein „Stop and Go“ in der Energiepolitik gebe – sondern Planbarkeit, damit die Elektrifizierung nun langfristig umgesetzt werde.

Source: faz.net