Neue Zwölf-Uhr-Regel: Wann Autofahrer nun am billigsten tanken

Die Benzinpreise in Deutschland haben auf Wochensicht von hohem Niveau aus deutlich nachgegeben. Wie der Autoklub ADAC in München am Mittwoch in seiner wöchentlichen Auswertung der Preise von mehr als 14.000 Tankstellen berichtete, sank der Preis für Diesel im Durchschnitt in ganz Deutschland auf Wochensicht um 16,1 Cent auf 2,286 Euro je Liter. Der Preis für Super E10 ging um 8,1 Cent auf 2,107 Euro je Liter zurück. Der ADAC machte für diese etwas entlastende Entwicklung insbesondere den Rückgang des Rohölpreises verantwortlich.

Nach Ansicht des ADAC könne der Preisrückgang aber nur eine „erste Korrektur“ der zuletzt „stark überzogenen Kraftstoffpreise“ darstellen. So sei  in der Woche davor für Diesel in Deutschland ein historisches Hoch registriert worden. Super E10 habe in der Vorwoche immerhin einen neuen Jahreshöchststand erreicht gehabt.

Die Spritpreise seien seit Inkrafttreten des sogenannten Österreich-Modells zum 1. April, das nur noch Preiserhöhungen um zwölf Uhr erlaubt, zunächst immer weiter gestiegen, ohne dass der Ölpreis eine hinreichende Rechtfertigung geboten habe, kritisierte der Autoklub.

Besonders heftige Spritpreise an Autobahnen

An einzelnen Tankstellen, vor allem an den Autobahnen, gab es noch deutlich höhere Preise. Autofahrer meldeten in der Osterreisewelle schon Preise von zeitweise mehr als drei Euro je Liter für Super E10 und Diesel, zum Beispiel von einer Tankstelle bei Eschborn in der Nähe von Frankfurt. Die Autobahntankstelle Höhenrain Ost an der A 95 in Bayern meldete am Mittwochmittag 2,529 Euro für Super E10, 2,669 Euro für Diesel und 2,879 für Shell Power Racing.

Der Rohölpreis zeigte sich zuletzt sehr volatil, er schwankte laufend in Abhängigkeit von den jeweiligen Nachrichten zum Verlauf des Irankrieges. Zum Wochenbeginn war er wieder deutlich gestiegen, auf rund 104 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) für die Nordseeölsorte Brent. Dann sank er wieder etwas, am Mittwoch bewegte er sich um 96 Dollar.

Der Tagesablauf an den Tankstellen ändert sich

Eine strukturelle Veränderung hat es jedoch dazu gegeben, wie sich der Benzinpreis im Tagesverlauf entwickelt. Seit Anfang April gilt die aus Österreich übernommene Regel, dass die Spritpreise nur einmal am Tag erhöht werden dürfen: Das ist nur um zwölf Uhr mittags erlaubt und muss in einem relativ engen Zeitfenster an die Markttransparenzstelle des Bundeskartellamtes gemeldet werden. Preissenkungen sind dagegen jederzeit erlaubt.

Wie das Bundeskartellamt, der ADAC und der Zentralverband des deutschen Tankstellengewerbes übereinstimmend berichten, tanken Autofahrer nun immer kurz vor dieser mittäglichen Preiserhöhung am günstigsten; das erscheint vom System her auch logisch. Die alte Merkregel, dass die Spritpreise am frühen Abend am günstigsten sind, bevor ein Teil der Tankstellen für die Nacht schließt und der Preis durch diese Verminderung des Wettbewerbs wieder steigt, gilt damit nicht mehr.

Laut ADAC verläuft die tägliche Benzinpreiskurve nun so: Um zwölf Uhr steigen die Preise für Benzin und Diesel im Durchschnitt um sieben bis acht Cent. Danach fallen sie bis etwa 19 Uhr wieder – meistens auf einen Wert im Bereich des Tagesdurchschnitts und in abnehmender Geschwindigkeit. Abends und nachts bleiben die Preise weitgehend stabil. Erst von sechs Uhr morgens an setzt abermals ein langsamer, stetiger Rückgang ein, der bis kurz vor Mittag rund zwei Cent beträgt.

„Es gibt bislang ein klares Bild“, heißt es vom Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die Markentankstellen vertritt: „Die Tankstellenpreise sinken bis zwölf Uhr, um dann einmalig zu steigen.“ Der Verband meint, dass die Preise schon kurz nach zwölf Uhr Schritt für Schritt wieder zurückgingen, zeige, dass der Wettbewerb um die Tankkundschaft funktioniere.

„Durchgängig ist es kurz vor zwölf Uhr am billigsten“, bestätigte auch Jürgen Ziegner vom Zentralverband des deutschen Tankstellengewerbes (ZTG), der die mittelständischen und freien Tankstellen vertritt. Das Bundeskartellamt rät auf dem Portal Linkedin: „Wer vormittags keine Zeit hat: Am Abend ist das Tanken zwar etwas teurer als vormittags – mit Preisvergleich aber trotzdem eine gute Option.“ Wer sparen wolle, meide die Mittagszeit nach zwölf Uhr und behalte per App die Preise im Blick.

Mehrmalige Veränderung der Preismuster

In der Vergangenheit hatte es das Phänomen gegeben, dass die Zahl der Preisänderungen an den Tankstellen immer weiter zugenommen hatte. Insbesondere nach der Einführung der Marktransparenzstelle für Kraftstoffe und der neuen Tank-Apps war eine Zunahme der Preisveränderungen je Tag zu beobachten gewesen.

Noch im Jahr 2015 war es aber so gewesen, dass die Preise nachts und morgens im Berufsverkehr am höchsten waren und dann bis etwa 19 Uhr mehr oder minder kontinuierlich sanken. 2018 kam man dann schon auf drei Preisspitzen am Tag, 2019 gar auf fünf. Das Kartellamt hatte in einer Untersuchung mal von einer „impliziten Koordination“ der Preise gesprochen.

Manche Leute empfanden es als verwirrend, wenn sie per Handy-App eine günstige Tankstelle gesucht hatten und diese gerade dann, wenn sie da waren, die Preise anhob. Wer noch mit dem Tanken begonnen hatte, bevor der Preis an der Anzeigetafel nach oben ratterte, konnte sich freuen; wer gerade mit dem Auto eintraf und steigende Preise verfolgte, ärgerte sich.

Deutschland auf Platz drei der teuren Tankländer

Für eine abschließende Beurteilung, ob die Zwölf-Uhr-Regel überhaupt etwas gebracht hat, ist es nach zwei Wochen vermutlich noch zu früh. In einer ersten Stellungnahme hatte der ADAC die Ansicht vertreten, die Einführung des Österreich-Modells habe die „Preisexplosion an den Tankstellen“ nicht stoppen können. Das durchschnittliche Preisniveau sei durch die Regelung sogar gestiegen.

Nach Zahlen des Automobil-Clubs von Deutschland (AvD), der die Spritpreise wöchentlich für ganz Europa vergleicht, stand Deutschland zuletzt in der 15. Kalenderwoche auf Platz drei in Europa hinsichtlich der höchsten Preise sowohl für Diesel als auch für Super E10, hinter den Niederlanden und Dänemark.

Vor Beginn des Irankriegs hatte Deutschland in der Rangliste der teuersten Tankländer Europas Platz fünf belegt. Dann waren die Preise hierzulande so schnell und so stark wie in keinem anderen europäischen Land gestiegen. Zeitweilig hatte Deutschland damit auf Platz zwei hinter den Niederlanden gelegen.

In Österreich, dessen Regel Vorbild für die neue deutsche Regelung war, hatte es mit dem Kriegsbeginn den zweithöchsten Preisanstieg in Europa nach Deutschland gegeben. Nicht verändert hatten sich hingegen damals die Spritpreise auf Malta. Auch in den jüngsten Zahlen des AvD sind die Preise dort unverändert, auf 1,34 für Super E10 und 1,21 Euro je Liter für Diesel. Nach Angaben der deutschen Monopolkommission ist der Grund dafür, dass die Kraftstoffpreise auf Malta über längere Zeit politisch festgelegt seien und sich deshalb nicht geändert hätten.

Source: faz.net