Die älteste Bank der Welt hat einen aufreibenden Machtkampf hinter sich – mal wieder. Doch diesmal waren die internen Streitigkeiten über die künftige Führung der Monte dei Paschi di Siena (MPS) nicht nur besonders heftig, sondern wurden auch in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Am Mittwoch entschied nun die Hauptversammlung die Auseinandersetzung mit einem überraschenden Ergebnis: Der zuvor geschasste und schon 70 Jahre alte Vorstandsvorsitzende Luigi Lovaglio setzte sich mit seiner Kandidatenliste durch. Der favorisierte Gegenkandidat, der 55 Jahre alte Manager Fabrizio Palermo, unterlag.
Lovaglio hatte energisch gegen den scheidenden Verwaltungsrat um seinen Verbleib bei MPS gekämpft. Dass dieses Gremium der Hauptversammlung eine Kandidatenliste ohne seinen Namen präsentierte, wollte der Manager nicht hinnehmen. Daher überzeugte er den Unternehmer und MPS-Aktionär Pierluigi Tortora, ihn mit seiner Holding PLT auf einer Gegenliste als alten und neuen Vorstandsvorsitzenden zu präsentieren. Das bedeutete eine Kampfabstimmung, die der scheidende Verwaltungsrat erst verhindern wollte und schließlich akzeptierte, als die EZB und die italienische Börsenaufsicht Consob grünes Licht gaben. Über die Gegenkandidatur Lovaglios war der Verwaltungsrat so erzürnt, dass er Lovaglio kurzerhand von seinen Aufgaben als Vorstandsvorsitzender befreite. Jetzt gelingt ihm ein Comeback. Zur Seite soll ihm als Verwaltungsratsvorsitzender dabei der frühere Unicredit-Manager Cesare Bisoni stehen.
Nach Verstaatlichung und Privatisierung soll nun neues Kapital folgen
Lovaglio gilt als Architekt der MPS-Sanierung. Die traditionsreiche Bank musste wegen einer Existenzkrise 2017 verstaatlicht werden, um dann von 2023 an schrittweise wieder privaten Eigentümern zugeführt zu werden. Lovaglio hat MPS, unterstützt durch hohe staatliche Zuschüsse, verschlankt und wieder profitabel gemacht. Doch gedankt hat ihm dies zunächst niemand. Nach der Sanierung brauche man eine neue Führungskraft für den nun geplanten Wachstumskurs, teilte der scheidende Verwaltungsrat mit. Palermo ist der jüngere Manager, leitet derzeit das städtische Wasserunternehmen von Rom, doch er verfügt über vergleichsweise Bankenerfahrung. Lovaglio war dagegen lange Zeit ein unbeschriebenes Blatt, bevor er an die MPS-Spitze kam.
Das Meisterstück des nun wieder eingesetzten Bankenchefs war die Übernahme der Investmentbank Mediobanca in Mailand. Dass die MPS aus Siena, die viele mit einer Regionalbank gleichsetzten, die feine und einflussreiche Mediobanca würde schlucken können, hatten wenige erwartet. Doch Lovaglio gelang der Coup, freilich auch, weil er die Unterstützung wichtiger MPS-Aktionäre genoss. Mit stillschweigender Zustimmung der Regierung haben sich in den vergangenen Jahren der Bau- und Medienunternehmer Francesco Caltagirone und die Familienholding Delfin des verstorbenen Brillen-Unternehmers Leonardo Del Vecchio bedeutende Anteile zusammengekauft. Caltagirones wahres Ziel sei die Kontrolle des italienischen Versicherers Generali, dessen größter Aktionär Mediobanca ist, sagen viele Insider der Finanzszene.
Doch Lovaglio, der anfangs die Unterstützung von Caltagirone genoss, zeigte sich nicht sonderlich interessiert am Mediobanca-Aktienpaket an Generali. Daher haben sich Lovaglio und Caltagirone zerstritten. Caltagirone, dem auch eine gewisse Nähe zur Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nachgesagt wird, stützte daher Fabrizio Palermo als Lovaglios Nachfolger. Der Chef der Familienholding Delfin, Francesco Milleri, dagegen steht Lovaglio weiterhin nahe. Weil Delfin mit gut 17 Prozent der größte MPS-Aktionär ist, war dieses Votum das Zünglein an der Waage zugunsten von Lovaglio. Auch die italienische Bank BPM und die US-Finanzgesellschaft Blackrock sollen sich für ihn ausgesprochen haben.
Börse reagiert positiv
Die Anleger mochten das Ergebnis: Die MPS-Aktie legte am Mittwochabend um gut fünf Prozent zu. Seit Jahresbeginn hat sie rund sieben Prozent an Wert verloren, innerhalb der vergangenen zwölf Monate gewann sie jedoch etwa 29 Prozent hinzu. Die Anleger bewerten die Bank derzeit mit rund 25 Milliarden Euro.
Hauptversammlungen sind in Italien meist ruhige und kurze Veranstaltungen, doch bei MPS in Siena ging es diesmal hoch her. Der Finanzfachmann und Investor der Gesellschaft Bluebell, Giuseppe Bivona, warf dem Verwaltungsratsvorsitzenden Nicola Maione Undankbarkeit gegenüber Lovaglio vor: „Auch ich habe ihn kritisiert, doch das schließt die Anerkennung seines professionellen Engagements nicht aus“, sagte er. Die Aktionäre klatschten heftig Beifall. Der seit 2018 amtierende Chefaufseher Maione führte MPS in den vergangenen vier Jahren in Zusammenarbeit mit Lovaglio. Doch dann setzte er Lovaglio vor die Tür.
Der MPS-Aktionär Bivona verglich das Drama mit einer „Netflix-Serie“. Damit spielte er auch auf die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen gegen Lovaglio, Caltagirone und Delfin an. Gegenüber den Aktionären und dem Ex-Vorstandsvorsitzenden hegen Ermittler aus Mailand den Verdacht, dass sie bei der Mediobanca-Übernahme in heimlicher Abstimmung gehandelt haben. Die beiden Investoren halten getrennte Aktienpakete an MPS, doch wenn eine Kooperation zwischen ihnen gegenüber anderen Anteilseignern verschwiegen werden sollte, handele es sich um Marktmanipulation.
Einige Aktionäre kritisierten auch die über einen Aktientausch abgewickelte Mediobanca-Übernahme. Dadurch erhielten die ehemaligen Mediobanca-Aktionäre die Mehrheit am MPS-Kapital. Es handele sich somit um einen Kauf von MPS durch Mediobanca, nicht umgekehrt, bemängelten sie. MPS hat mehr als 80 Prozent der Mediobanca-Aktien erworben und will den Rest demnächst von der Börse nehmen.