Der Anstieg der Öl- und Gaspreise infolge des Irankriegs versetzt auch in Großbritannien Wirtschaft, Bürger und Politik unter Stress. Anders als in Deutschland oder Irland hat die Regierung aber keinen Tankrabatt oder Steuererleichterungen beschlossen. Die Staatskassen sind dafür zu klamm.
Heiß diskutiert wird aber derzeit die Frage, ob das Vereinigte Königreich die heimischen Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee neu erschließen und nutzen soll oder nicht. Ed Miliband, der Energie- und Klimaminister, der sich als Oberlehrer der „Net Zero“-Klimapolitik geriert, ist strikt dagegen. Größter Zankapfel sind aktuell die Projekte Jackdaw und Rosebank, zwei riesige Gas- und Ölfelder vor der schottischen Küste. Miliband mauert gegen den Produktionsbeginn.
Der Politiker vom linken Flügel der Labour-Partei mit dem Spitznamen „Red Ed“ gerät aber zunehmend unter Druck. Die konservative Opposition, die Industrie und auch Labour-nahe Gewerkschaften sind erzürnt. Die Gewerkschaft Unite wirft Miliband die Beschädigung des Industriestrandorts vor. Selbst die Chefin der Agentur für Erneuerbare Energien riet angesichts der prekären internationalen Lage zu mehr heimischer Öl- und Gasförderung, um die Energiesicherheit in Großbritannien zu verbessern. Auch das Tony-Blair-Institute des ehemaligen Labour-Premierministers warnt Miliband vor einer ideologisch verbohrten Politik. Man sollte neben dem Ausbau der Erneuerbaren auch heimische fossile Energiequellen nutzen.
Mehr heimische Gasförderung würde Preise senken
Miliband behauptet jedoch, dass mehr britische Öl- und Gasförderung den Preis für Verbraucher nicht senken würde. Es gebe einen Weltmarktpreis, den die Briten zahlen müssten. Sie seien Preisnehmer, nicht Preismacher. Zumindest für Erdgas stimmt das allerdings nicht, auf diesem Markt existieren erhebliche regionale Preisunterschiede.
In den Vereinigten Staaten kostet Gas wegen der dort reichlichen Schiefergasproduktion sehr viel weniger als in Europa. Mehr britisches Erdgas aus der Nordsee würde das lokale Angebot verstärken und somit tendenziell den Erdgaspreis sowie auch die Strompreise senken. Die Briten müssten dann weniger teures Flüssiggas aus Amerika oder Qatar importieren – was übrigens bis zu viermal mehr CO₂-Emissionen verursacht.
Miliband tut solche sachlichen Argumente ab und zeigt sich als dogmatischer „Net Zero“-Ideologe. Seine Klimapolitik mit der Brechstange und ohne Rücksicht auf Verluste und Bezahlbarkeit kommt bei den Wählern allerdings nicht gut an. Wie die gesamte Labour-Regierung ist er in der Bevölkerung unpopulär. Bei der Wahl in Schottland, wo das Zentrum der Ölindustrie sitzt, droht Labour in vier Wochen daher ein Desaster.
Die einst stolze britische Öl- und Gasindustrie befindet sich allerdings schon seit der Jahrtausendwende im Sinkflug. Zuletzt hat die nach Beginn des Ukrainekriegs eingeführte „Windfall Tax“ (Übergewinnsteuer) zu insgesamt 78 Prozent Steuerbelastung geführt und die Offshore-Industrie gelähmt. Es wird kaum noch investiert.
Die britische Energiepolitik galt mal als pragmatisch
Bis vor einigen Jahren galt die britische Energie- und Klimapolitik als relativ vernünftig und pragmatisch. Das Vereinigte Königreich hat seinen Ausstoß von Kohlendioxid seit dem Jahr 1990 um fast die Hälfte gesenkt. Ein Hauptfaktor dafür war der Kohleausstieg. Getrieben wurde er durch einen hohen Emissionshandelspreis für jede Tonne des CO₂-Ausstoßes. So wurden Kohlekraftwerke unrentabel, das letzte ging im Jahr 2024 vom Netz.
Ein Großteil der Kohlekraftwerke wurde durch Gaskraftwerke ersetzt. Diese decken bis heute rund ein Viertel des Strombedarfs. Rasant war der Ausbau der Erneuerbaren, vor allem mit Meereswindparks und Solaranlagen. Immerhin hält Großbritannien an der Kernenergie als Grundlastträger fest, allerdings dauert der Bau der großen Kraftwerke lange, ist hochreguliert und teuer.
Das große „Net Zero“-Ziel von Miliband lautet: Bis zum Jahr 2030 soll die Stromproduktion dekarbonisiert sein, Gas soll nur noch einen minimalen Beitrag liefern. Fachleute halten dies für ein überehrgeiziges Energiewendeziel, das technisch kaum machbar ist und zudem extrem teuer gerät. Die Stromproduktion in vier Jahren zu „dekarbonisieren“, verursacht zig Milliarden Pfund Mehrkosten für Verbraucher und Wirtschaft.
Hohe Energiekosten sind schon jetzt ein massiver negativer Standortfaktor. Die Stahlindustrie krebst vor sich hin, auch die britische Chemie- und die Autoindustrie sind gefährdet. Soeben hat Open AI mitgeteilt, dass das Unternehmen geplante Investitionen für seine Rechenzentren aufhält, weil der Strom auf der Insel zu teuer ist.
Eine Klimapolitik, die zur Erreichung von Netto-Null-Emissionszielen den Standort gefährdet und das Land komplett deindustrialisiert, ist destruktiv. Solche „grüne“ Politik, die auf ein ideologisches Luftschloss setzt und unbezahlbar wird, ist auch nicht nachhaltig, weil die Wähler sie abwählen werden.