Das Istanbuler Jungengymnasium ist eine der angesehensten Kaderschmieden der Türkei. Bislang war es auch ein deutsch-türkisches Vorzeigeprojekt, das seit fast 70 Jahren besteht. Doch aufseiten von Bildungsminister Yusuf Tekin hält sich die Wertschätzung für das İstanbul Erkek Lisesi (İEL) offenbar in Grenzen. Das Ministerium hat verfügt, dass vom nächsten Schuljahr an nur noch zwei statt bisher fünf Vorbereitungsklassen auf Deutsch unterrichtet werden sollen. Die Entscheidung fiel offenbar ohne Absprache mit der deutschen Seite, die immerhin 34 Lehrer an die Schule entsendet und finanziert.
Langfristig würde der Beschluss bedeuten, dass je Jahrgang nur noch rund 60 statt derzeit 150 Schüler Abitur machen können. Die übrigen Schüler sollen dann einem englischsprachigen Zweig zugeordnet werden, in dem sie nur einen türkischen Abschluss machen können und nicht mehr von deutschen Lehrern unterrichtet werden, die derzeit sechs Fächer abdecken, darunter Physik, Mathe, Biologie und Chemie.
Zu viele gehen zum Studium nach Deutschland – und kommen nicht wieder
Über die Gründe der verordneten Verkleinerung hält das Ministerium sich bedeckt. Eine Anfrage der F.A.Z. ließ es unbeantwortet. Aber es gibt begründete Vermutungen, die von vielen Beteiligten geteilt werden. So dürfte es dem Minister ein Dorn im Auge sein, dass in den vergangenen Jahren mehr als 90 Prozent der Absolventen des İEL nach Deutschland und in die Schweiz zum Studieren gingen – und meist nicht mehr zurückkehrten.
Im Jahr 2024 waren es 146 der 155 Abiturienten. Das schmerzt besonders, weil es um die klügsten Köpfe des Landes geht. Nur wer die Höchstpunktzahl von 500 oder 499 in der landesweiten Zugangsprüfung für weiterführende Schulen erreicht, darf sich in dem imposanten Bau von 1882 im Istanbuler Stadtteil Fatih einschreiben – kostenlos. Trotz des alten Namens gilt das längst auch für Mädchen.
Die Liste der Alumni liest sich wie ein Who’s Who der Türkei. Dazu zählen drei frühere Ministerpräsidenten: Mesut Yılmaz, Necmettin Erbakan und Ahmet Davutoğlu. Auch der amtierende Zentralbankchef und seine Vorgängerin gehören dazu, ebenso wie etliche Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, bedeutende Wissenschaftler und bekannte Künstler. In vielen deutschen Firmen in der Türkei stellen İEL-Absolventen einen erheblichen Teil des Managements.
Der frühere deutsche Schulleiter Michael Schopp und frühere Absolventen, mit denen die F.A.Z. gesprochen hat, vermuten, dass dem Ministerium zudem der kritische Geist am İEL nicht genehm sei. „Die ganze Richtung passt manchen Beamten im Erziehungsministerium offensichtlich nicht mehr“, sagt Schopp. Er hat die deutsche Abteilung des İEL von 2003 bis 2009 geleitet und mit früheren Absolventen einen İEL-Schulverein in Deutschland gegründet. Neben dem selbständigen Denken, das im deutschen Lehrplan vorgesehen ist, dürfte Tekin auch die kemalistisch-säkulare Tradition missfallen, die an dem Gymnasium von jeher herrscht.
An türkischen Schulen werden sonst konservativ-islamische Werte vermittelt
Im Leitbild der deutschen Abteilung heißt es: „Unsere Schüler werden im Sinne Mustafa Kemal Atatürks erzogen zu selbstbewussten und kritikfähigen, frei und wissenschaftlich denkenden, leistungsorientierten und teamfähigen Individuen, die ihr Vaterland lieben, weltoffen und traditionsbewusst, offen und demokratisch, sozial und tolerant sind.“ Das ist eher nicht die Richtung, die das türkische Bildungssystem unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan eingeschlagen hat. An den Schulen werden konservativ-islamische und autoritäre Werte vermittelt, Rektoren- und Professorenstellen an den Universitäten nach politischer Loyalität besetzt.
Die geplante Verkleinerung des İEL, das schon Bundeskanzler Willy Brandt und Bundespräsident Richard von Weizsäcker besucht haben, passt zur aktuellen politischen Stoßrichtung in Ankara. Seit seiner Amtsübernahme vor drei Jahren erhöht Bildungsminister Yusuf Tekin den Druck auf fremdsprachliche Schulen im Land. Die drei deutschen Botschaftsschulen und die zwei französischen Gymnasien in der Türkei dürfen seit zwei Jahren keine Schüler mit türkischer oder doppelter Staatsangehörigkeit mehr aufnehmen. Auslandsschulen wie das İEL müssen dem Ministerium ihre Lehrbücher zur Prüfung vorlegen.
Mit dem Druck auf die fremdsprachigen Schulen will die türkische Regierung auch ihrer Forderung nach Reziprozität Ausdruck verleihen. Ankara möchte eigene Auslandsschulen in Deutschland eröffnen – in Frankfurt, Berlin und Köln. Die Diskussion darum gibt es seit Jahren. Bislang stemmen sich die zuständigen Bundesländer dagegen, wohl auch aus Sorge vor Medienberichten über „Erdoğans langen Arm in Deutschland”.
Just in dieser Woche tagt in Ankara erstmals seit Jahren wieder die deutsch-türkische Expertenkommission, dem Vernehmen nach mit Beteiligung der Bundesländer. In den Gesprächen dürfte es auch um die türkische Forderung nach eigenen Schulen gehen. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es dazu, derzeit gebe es „Verhandlungen über ein bilaterales Schulabkommen“. Die Vermutung liegt nahe, dass das Bildungsministerium die Zukunft des İstanbul Erkek Lisesi als zusätzliches Druckmittel in den Gesprächen einsetzen könnte.
Schlägerei im Jungenschlafsaal war ein Skandal
Vielleicht wäre das İEL unter dem Radar geblieben, wenn es nicht im November eine heftige Schlägerei im Jungenschlafsaal des schuleigenen Internats gegeben hätte. Eine Gruppe von Neuntklässlern hatte sich zuvor in einer Chatgruppe sexuellen Phantasien zulasten von Mitschülerinnen hingegeben. Als das herauskam, wurden sie zur Strafe von Elftklässlern verprügelt. Türkische Medien bekamen Wind davon. Die Sache wuchs sich zum Skandal aus. Das Bildungsministerium schaltete sich ein und entsandte einen Inspektor.
Der ließ keinen Stein auf dem anderen. Der türkische Schuldirektor und vier seiner türkischen Stellvertreter wurden versetzt und gehaltsmäßig herabgestuft. Sechs weiteren ebenfalls türkischen Lehrern wurde ein Aufsichtsverbot für Internatsschüler auferlegt. Zwei Schüler wurden von der Schule verwiesen, elf Schüler an andere Schulen versetzt, sieben weitere kurzfristig vom Unterricht suspendiert. Gegen zwei Mitglieder des Alumni-Vereins İELDER wurden Untersuchungen wegen möglicher Straftaten eingeleitet. Alle älteren Schüler wurden aus dem Internat auf andere Unterkünfte verteilt.
Auch das könnte dazu beitragen, dass der „Geist“ des İEL künftig nicht mehr ganz so inbrünstig gelebt wird. Er äußerte sich in der Vergangenheit in Protestgesten, etwa 2015 gegen die Entlassung eines Geschichtslehrers wegen des Vorwurfs der Respektlosigkeit gegenüber dem Islam oder 2016 gegen einen vom Ministerium ernannten Schulleiter. Dem türkischen Bildungsministerium ging zwischenzeitlich auch der Umgang mit Weihnachtsbräuchen an der Schule gegen den Strich.
Starke Alumninetzwerke in Deutschland und der Türkei
Die Schultraditionen werden auch in den Alumninetzwerken in Deutschland und der Türkei hochgehalten. Dazu gehören eine Stiftung, zwei Absolventenvereine und etliche Whatsapp-Gruppen. Die „Camia“ nennen sie das – die Gemeinschaft. Allein die Ärztegruppe der Ehemaligen hat in der Türkei rund 300 Mitglieder, davon 50 Hochschulprofessoren. Dem Ehemaligen-Netzwerk in Deutschland gehören mehr als 1700 Menschen an, vor allem Ingenieure und Mediziner.
Sie alle verbindet eine starke Identifikation mit den Schulfarben Gelb-Schwarz, der von Atatürk geehrten schuleigenen Pfadfindergruppe und der Erzählung, dass sich ein ganzer Jahrgang der Schule 1915 freiwillig für den Dardanellenfeldzug meldete und nicht zurückkehrte. Schon damals unterrichteten zwischenzeitlich deutsche Lehrer an der Schule.
Das İEL fußt auf einer komplexen rechtlichen Struktur mit Graubereichen, die es verwundbar machen. Es ist zugleich ein staatliches türkisches Gymnasium und eine Deutsche Auslandsschule. Die rechtlichen Grundlagen bilden ein Kulturabkommen von 1957 und ein Förderabkommen mit der ZfA von 2012. An der Schule kann man sowohl einen türkischen als auch einen deutschen Schulabschluss erwerben. Die meisten Schüler machen beides.
Der frühere deutsche Schulleiter Schopp sieht in der geplanten Verringerung der Klassenzahl „einen Angriff auf das Herz der Schule“. Sein Schulverein hat eine Petition mit mehr als 1000 Unterschriften an das Auswärtige Amt übersandt, in der Hoffnung, dass die Bundesregierung sich für einen Erhalt des Status quo „der historisch gewachsenen Bildungskooperation“ einsetzt. Doch im Auswärtigen Amt heißt es, man habe „bislang keine offizielle Mitteilung der türkischen Seite zu einer Verkleinerung erhalten“.
Source: faz.net