Reisners Blick aufwärts die Front: „Der Kreml hat deutsche Firmen im Visier“

Reisners Blick auf die Front„Der Kreml hat deutsche Firmen im Visier“

20.04.2026, 18:39 Uhr UnbenanntEin Interview von Frauke Niemeyer

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August 2024 – Der russische Präsident Putin besuchte mit Tschetschenenführer Kadyrow die Hochschule für russische Spezialeinheiten in Gudermes. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Die Zusammenarbeit zwischen deutscher und ukrainischer Rüstungsindustrie scheint gut zu laufen – jedenfalls wird der Kreml schon nervös, sagt Oberst Reisner ntv.de. Auch an der Front läuft es für die Russen nicht rund.

ntv.de: Die USA brauchen stetig mehr militärische Kraft im Nahen Osten. Bekommt die Ukraine das zu spüren? Schließlich sind sie unter anderem auf Patriot-Munition angewiesen, um russische Raketen und Marschflugkörper abzuwehren.

Markus Reisner: Die USA bereiten sich auf eine weitere Eskalation im Iran-Krieg vor. Sie verschieben alle Ressourcen, die sie brauchen, in den Nahen Osten. Das lässt sich sehr gut an den Flugbewegungen aus den USA in Richtung Nahost feststellen, das ist eine stete Kette von Flügen schwerer Transportmaschinen. Darunter sind womöglich auch Waffensysteme, die europäische Verbündete der Ukraine schon bezahlt haben, damit sie nach Kiew geliefert werden. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in den vergangenen Tagen wiederholt darauf verwiesen, dass es der Ukraine an Patriot-Raketen fehle, und zwar gravierend.

Zugleich haben sich die Ukrainer deutlich verbessert in ihrer Fähigkeit, vor allem russische Drohnen abzufangen. Gleicht das die Knappheit etwas aus?

Zunächst mal können wir feststellen, dass die Ukraine offensichtlich nicht mehr auf die USA setzt. Selenskyj hat das schon in mehreren Reden angesprochen. Er sagte, man brauche die USA nicht mehr wesentlich und habe neue Partner – etwa Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar. Im besten Fall spielt der Verkauf billiger ukrainischer Abfangdrohnen an die Golfstaaten nicht nur Geld ein, sondern auch Patriot-Raketen aus diesen Staaten. In dem Zusammenhang appelliert Selenskyj auch an die Europäer, gemeinsam mit der Ukraine ein eigenes Luftverteidigungssystem zu entwickeln.

Selenskyj nennt 2027 als Fertigungshorizont. Ganz schön optimistisch, oder?

Deutsche Unternehmen wie Rheinmetall oder Diehl Defence sind durchaus in der Lage, mit erhöhter Anstrengung ihre bestehenden Systeme in relativ kurzer Zeit weiter auszubauen.

Markus-Reisner
Der promovierte Historiker und Oberst Markus Reisner bildet an der Theresianischen Militärakademie in Wien Offiziere des österreichischen Bundesheers aus. Für ntv.de analysiert er jede Woche Entwicklungen im Ukraine-Krieg.

Iris-T von Diehl ist bei den Ukrainern sehr beliebt, das hört man immer wieder. Es wehrt Raketen kurzer und mittlerer Reichweite ab. Wäre da ein Upgrade denkbar?

Absolut und mit Blick darauf gibt es auch schon intensive Gespräche zwischen einigen ausgewählten europäischen Rüstungsunternehmen und den Ukrainern. Da passiert momentan sehr viel mehr, als wir uns vorstellen. Die Ergebnisse sehen wir zum Beispiel am Erfolg der ukrainischen Luftkampagne gegen Ziele in Russland. Viele der Drohnen, die gegen russische Infrastruktur zum Einsatz kommen, wurden schon in Zusammenarbeit mit europäischen Unternehmen gebaut.

Aber ist diese Kampagne gegen russische Infrastruktur wirkungsvoll? Sie beurteilen Erfolg immer recht streng.

Die Kernfrage lautet jedes Mal: Sind die Ergebnisse messbar? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Kampagne Ende März gegen den wichtigen Raffineriestandort und Hafen Ostluga hat tatsächlich zu russischen Lieferschwierigkeiten geführt. Nach dem Angriff stauten sich Tanker vor dem Hafen, vor allem, weil sie nicht beladen werden konnten. Von Ostluga aus starten Tanker der Schattenflotte mit Öl, das dann auf dem Weltmarkt verkauft wird.

Häufig greifen die Ukrainer auch Raffinerien direkt an, so wie gestern eine Anlage in Tuapse. Ist das erfolgreich? Oder sieht es nur gut aus, wenn alles in Flammen steht, und soll zeigen: Schaut her, wir können was?

Die Bilder der brennenden Raffinerie in Tuapse sind spektakulär. Wenn aber – mit immensen Rauchwolken – am Ende doch nur zwei Öltanks abbrennen, dann ist die Raffinerie noch nicht zerstört. Sicherlich kann sich die Auslieferung von Öl verzögern, aber eine nachhaltige Störung wird so kaum erreicht. Nach Erkenntnissen der CIA, die die Ukrainer in der Zielauswahl unterstützt, ist es lohnenswerter, Schlüsselbauteile der Raffinerie anzugreifen. Das kann dann zu dauerhaften Lieferengpässen führen. Allerdings zeigt der Kreml selbst, dass die ukrainischen Angriffe Russland unter Druck setzen.

Oha, wie das denn?

Der Kreml nennt gezielt europäische Unternehmen, die aus Sicht Russlands die Ukraine aktiv unterstützen, als potenzielle Angriffsziele. Die Zusammenarbeit der Unternehmen mit Kiews Armee bei der Durchführung strategischer Luftkampagnen ist für den Kreml also offensichtlich ein größeres Problem, als er erwartet hat. Darum jetzt diese zunehmende hybride Kriegsführung direkt gegen die Staaten, die Firmen, die Belegschaft und Geschäftsführung mittels offener Drohung verängstigen soll.

Sind deutsche Hersteller dabei?

Ja, der Kreml hat deutsche Firmen im Visier. Es sind mehrere Unternehmen aus Italien, aus der Türkei und Großbritannien auf der russischen Liste, dazu Dänemark, Lettland, Litauen, die Niederlande, Polen, Tschechien, und aus Deutschland zum Beispiel die Firma SWW Professional wie auch das Logistikunternehmen Da Vincia Avia. Die Unternehmen sollten sich darauf vorbereiten, dass sie Ziel hybrider Angriffe werden könnten. Das können Attacken im Cyberraum sein oder aber auch Brandstiftung. Noch ist nichts konkret, aber sie sind im Visier der Russen.

Im strategischen Luftkrieg zwischen der Ukraine und Russland scheint gerade viel mehr zu passieren als an der Front. Nur in der Region Kostjantyniwka machen die Russen spürbar Druck. Warum dort?

Die Russen haben mehrere operative Manövergruppen entlang der gesamten Front im Einsatz, aber das Schwergewicht liegt eindeutig im Donbass. Die Manövergruppe Süd versucht, einen gezielten Angriff durchzuführen, und das vor allem im Festungsgürtel bei Kostjantyniwka. Dort tobt ein urbaner Kampf um die Stadt selbst. Ansonsten sind die Russen derzeit nur unter schwersten Verlusten in der Lage, Gelände in Besitz zu nehmen. Wir haben über diese Pattsituation schon gesprochen, hervorgerufen durch die absolute Kontrolle in der Killzone mittels Drohnen und Bodenrobotern.

Im Drohnen-Segment sind die Fähigkeiten beider Seiten ähnlich entwickelt. Bei den unmanned Ground Vehicles, den UGV, haben die Ukrainer noch die Nase vorn?

Derzeit noch. Die ukrainische Armee kann dank der UGV Personal schonen und schützen. Es gehen Videos viral, wie Einberufungsbefehle mit Gewalt durchgesetzt werden, das lässt sich kaum verbergen. Die Ukraine muss darum dieses Personalproblem dringend lösen, und da übernehmen die Roboter bereits viele Logistikaufgaben, bringen etwa Nachschub an die Front. Auf russischer Seite gibt es Versuche, das nachzuahmen, aber dort hat man noch immer Soldaten verfügbar.

Sind irgendwann überhaupt keine lebenden Personen mehr am Frontgeschehen beteiligt?

Schon jetzt gibt es Situationen, in denen in der Ukraine unbemannte Systeme gegeneinander kämpfen – in der Luft und auch am Boden. Im Hintergrund steuert sie aber noch immer ein Mensch. Das begünstigt die Art der Kriegsführung, die wir gerade sehen: Man hält sich gegenseitig in Schach. Wer aber ein Gebiet in Besitz nehmen möchte, muss das mit Personal tun. Menschen vor Ort müssen eine Stellung weiter ausbauen, um sich zu konsolidieren. Sonst bleibt es eine öde, von Robotern beherrschte Wüste.

Aber wenn die Wüste von Robotern der einen Seite beherrscht wird, wäre das nicht auch eine Eroberung?

Gelände lässt sich mit unterschiedlichen Ansätzen beherrschen, zum Beispiel auch durch Artilleriefeuer. Man kann auf einen gewissen Geländeabschnitt permanent Artillerie schießen und ihn so kontrollieren. Eine russische Methode. Aber wenn man das Gelände für die eigene Versorgung nutzen möchte oder wieder bewohnbar machen, dann muss Personal vor Ort sein. Im Ukrainekrieg haben beide Seiten Linien für ihre Truppen gezogen. Die erste ist etwa fünf Kilometer von der Mittellinie entfernt. Die dort eingesetzten Einheiten bewirken alles, was sich in diesem Gürtel bewegt. In zehn Kilometern Abstand zur Mitte stehen spezielle Drohneneinheiten, die von den Brigaden eingesetzt werden, um die Logistik zu unterbrechen.. Bis zu 25 Kilometer entfernt finden sich die spezialisierten Einheiten wie Magyar bei den Ukrainern und Rubikon auf russischer Seite. Der Roboter kann dem Menschen eine Art Sicherheitszone schaffen, in der er sich nicht unmittelbar exponieren muss. Aber dann folgt der Mensch dem Roboter.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de