Trettls öffentliche Attacken – und welcher Schaden für jedes die Branche
Die Gastronomie kämpft ohnehin genug – umso unverständlicher findet es unser Kolumnist, Dreisternekoch Christian Bau, wenn ausgerechnet ein Ex-Koch mit fragwürdigen, öffentlichkeitswirksamen Thesen zusätzlich Öl ins Feuer gießt.
Die deutsche Gastronomie hat aktuell keinen Mangel an Herausforderungen. Die Punkte sind bekannt. Was wir nicht brauchen können, sind zusätzliche Probleme, die wir uns selbst machen. Etwa durch unüberlegte, uninformierte und erkennbar nur auf öffentliche Wirkung angelegte Polemiken aus unberufenem Munde – wie sie Roland Trettl kürzlich in einem Podcast von sich gegeben hat.
Da die meisten Leser dieser Kolumne ihn vermutlich nur als Moderator einer Dating-Show bei VOX und als früh ausgeschiedenen Teilnehmer von „Let’s Dance“ kennen, sei der Vollständigkeit halber erwähnt: Roland Trettl war in einem früheren Leben Koch – als Küchenchef auf Mallorca und im „Ikarus“ in Salzburg vorübergehend sogar mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Konsequenterweise wird er rund anderthalb Jahrzehnte später noch als „Sternekoch“ angekündigt. Wogegen er sich nicht wehrt – was insofern überrascht, als er dem „Guide Michelin“ erklärtermaßen wenig abgewinnen kann.
Auch sonst scheint er, seit er das Feld der professionellen Gastronomie verlassen hat und seinen Lebensunterhalt als Unterhaltungskünstler bestreitet, ein Stück weit den Kontakt zur Realität seiner früheren Kollegen verloren zu haben. Vielleicht auch das Interesse. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, produzieren wir seiner Meinung nach im Wesentlichen fürs Abwassersystem. Alles also nicht so wichtig. Außerdem ist er wohl der Meinung, alle Köche, die mehr als drei Komponenten auf den Teller legen, seien im Grunde Idioten. Und 14 deutsche Drei-Sterne-Restaurants hält er auch für inflationär – was daran liegen könnte, dass es tatsächlich nur elf sind (nach Schließung des „Aqua“ im März, Anm. d. Red.).
Ich gestehe: Das alles hat mich beim Hören des Podcasts beim Fischfiletieren ziemlich genervt. Ich musste mich zwingen, diese eitle Selbstinszenierung durchzuhalten, habe es aber getan. Denn ich weiß sehr genau, dass Roland Trettl mit solchen Aussagen zahlreiche Menschen erreicht, Vorurteile bestätigt und seine eigene Position auf dem Rücken vieler Kolleginnen und Kollegen stärkt.
Menschen, die sich mit Leidenschaft, handwerklichem Anspruch und oft unter erheblichen persönlichen Belastungen für einen Beruf entschieden haben, den ich nach wie vor für den schönsten der Welt halte. Und von dem ich mir wünsche, dass ihn auch künftig viele ergreifen. Was sicher nicht dadurch befördert wird, dass Aussteiger im Jahr 2026 immer noch die alten Kamellen von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der Küche erzählen, ohne zumindest zu erwähnen, dass sich vieles (wenn auch noch längst nicht genug!) verändert hat. Zumal mit Blick auf den dringend gesuchten weiblichen Nachwuchs, der sich von Trettls hingebungsvoll gepflegter Macho-Sprache, die ich hier nicht wiedergeben will, eher abgestoßen fühlen dürfte.
Wir sollten uns alle bewusst machen, wie wichtig es ist, was wir öffentlich sagen. Gerade mit Blick auf die vielen Kolleginnen und Kollegen, die in kleinen Betrieben unter schwierigen Bedingungen Tag für Tag ihr Bestes geben, um die kulinarische Vielfalt in Deutschland zu fördern. Für die ist es wenig hilfreich, wenn sie nach einem langen Service von Gästen mit unreflektierten Thesen konfrontiert werden und sich plötzlich in einer Verteidigungshaltung wiederfinden. Ich verstehe die PR-Mechanik dahinter. Aber ich halte sie für unkollegial.
Wer jetzt einwendet, Kollegialität gegenüber der deutschen Spitzengastronomie könne Roland Trettl egal sein, schließlich gehe es ihm um seine mediale Wirkung und er fühle sich Österreich vermutlich stärker verbunden – der hat wohl recht. Sei aber daran erinnert, dass das bei Eckart Witzigmann ganz ähnlich ist. Der Unterschied: Witzigmann hat sich bei öffentlichen Äußerungen stets zurückhaltend, differenziert, gut informiert und solidarisch gezeigt. Ein begnadeter Koch war er übrigens auch.
Source: welt.de