Kolumne „Zurück zur Natur“: Die neuen Helden jener Wildnis
Roald Engelbrekt Gravning Amundsen starb 1928 im Alter von nur 55 Jahren beim Absturz eines Flugzeugs, mit dem er zur Rettung eines anderen Polarforschers unterwegs war. Was dem norwegischen Helden, Abenteurer und Entdecker zwei Jahre zuvor gelungen war, ebenfalls als Pilot, sollte seine lebenslangen Entdeckungsreisen in die unwirtlichsten Gegenden der Welt krönen. Vor einhundert Jahren, Mitte April 1926, brachte er das Luftschiff „Norge“ nach Oslo. Einen Monat später, am 12. Mai 1926, erreichte Amundsen als einer der ersten Menschen den Nordpol, indem er ihn überflog.
Eine seit Amundsens Tagen gefährlich veränderte Landschaft durchquert Eric Larsen ein Jahrhundert später. „On Thin Ice“ und „Cold Love“ heißen Bücher des Amerikaners, der berühmt ist für seine Expeditionen in die Polarregionen oder zum Mount Everest. Hier beschreibt er, wie er 53 Tage lang unterwegs ist und am Ende mit Mühe den Nordpol erreicht. Wo früher verschiedene Schichten unfassbar dickes, stabiles Eis bildeten, erstrecken sich jetzt dünnere, dynamischere Eisflächen, die auseinandertreiben. Am 6. Mai 2014 erreichen er und sein Partner Ryan Waters ohne jede äußere Unterstützung tatsächlich den Nordpol. Um ans Ziel zu gelangen, mussten sie laufen, Ski fahren und sogar schwimmen. Drei Jahre später scheitert der Polarforscher, Fotograf und Aktivist Sebastian Copeland bei dem Versuch, es ihnen gleichzutun.
Diese Männer werden die Letzten sein, die sich zu Fuß auf einen bald vom Klimawandel versperrten Weg gemacht haben.
Auf den Spuren von Yak, Wolf, Gazelle
Wenige Jahre später halten sich die Filmemacherin Marie Amiguet, der Fotograf Vincent Munier und der Schriftsteller und Abenteurer Sylvain Tesson monatelang im tibetischen Hochland auf, um die letzten Schneeleoparden zu entdecken und zu filmen. Sie liegen in der fernen, endlosen Changtang-Steppe auf der Lauer – einer kalten, unwirtlichen Gegend mit spärlicher Vegetation und eisigen Winden. Wie Tesson in seinem Bericht über ihre gemeinsame Expedition schreibt, haben sie das wichtigste Buch all derer bei sich, die diese abgelegene, karge Landschaft studieren wollen: George B. Schallers „Wildlife of the Tibetan Steppe“, das 1998 erschienen und nur auf Englisch und inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich ist.
Schaller war „Director of Science for International Programs“ bei der New Yorker „Wildlife Conservation Society“. Er hatte auch über Gorillas, Löwen, und Pandas geschrieben. Als er nach Tibet kam, war das die erste westliche wissenschaftliche Expedition seit 1908. Wie in der Serengeti, berichtet er auch in Tibet genau über Zahlen und Verbreitung der dort lebenden wilden Säugetiere. Chinesische und tibetische Mitarbeiter helfen ihm, die Naturgeschichte der Gegend zu schreiben, auf den Spuren ihrer Gazellen, Schafe und Antilopen, Wölfe, Yaks und Schneeleoparden. Das Motto, das Schaller wählt, um seine Leser einzustimmen, hat ein Mann aus Amundsens Generation verfasst, der Reiseschriftsteller und Forscher Sven Hedin: „Straßen! Es gibt keine anderen Pfade als jene, die Yaks, Wildesel und tibetische Antilope in die Wildnis geschlagen haben. Wir machten unseren Weg, wortwörtlich, während ich das Land kartographierte und versuchte, in meinem Skizzenbuch so viele Ansichten der grandiosen Bergriesen mit ihren schneebedeckten Höhen und labyrinthisch verschlungenen Tälern festzuhalten wie möglich. Tiefer und tiefer drangen wir ins Unbekannte vor, eine Bergkette nach der anderen überwanden wir. Von jedem Pass aus entfaltete eine neue Landschaft ihre wilden, verlassenen Aussichten bis hin zu einem neuen, geheimnisvollen Horizont, eine neue Silhouette runder oder pyramidaler schneebedeckter Spitzen. Wer sich eine Reise in solche Einsamkeit und Öde ermüdend und herausfordernd vorstellt, liegt vollkommen falsch. Kein Anblick könnte erhabener sein. Jeder Tagesmarsch, jede Wegstunde enthüllt Entdeckungen unvorstellbarer Schönheit.“

In nur einhundert Jahren hat sich unser Verhältnis zur Natur dramatischer geändert als in den Tausenden von Jahren zuvor. Hedin und Amundsen waren Entdecker und drangen in Gegenden ein, die bis dahin unberührt geblieben waren. Das gibt es nicht mehr. Die Abenteurer, die heute in die Fußstapfen der Natureroberer des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts treten, Hedins Leser, Schallers Schüler, betrachten ihre Expeditionen und deren Dokumentationen als Versuch, auf die Naturzerstörung, Artengefährdung und den Klimawandel aufmerksam zu machen. Sie betonen dann etwa, dass das schmelzende Eis in der Arktis Folgen für die Temperaturen in Mitteleuropa haben wird. Sie unternehmen große Anstrengungen und setzen sich Gefahren aus, um Berichte aus einer Welt mitzubringen, in die sich die meisten von uns nie aufmachen werden, deren Zustand aber mit unseren Lebensbedingungen verbunden ist. Ihre Filme, wie der hinreißende „Schneeleopard“ oder Vincent Muniers neuer, großartiger Film „Das Flüstern der Wälder“ kommen in die Kinos, wenn auch manchmal für kürzere Zeit, als man sich wünschen würde. Dank der Streamingdienste und Mediatheken kann man viele jederzeit sehen.
Der Regisseur Sebastian Weis hat gerade ein brillantes neues Beispiel für diese Art von aufklärerischem Aktivismus geliefert. Nicht nach Tibet oder Skandinavien auf den Spuren heimlicher Prädatoren oder des Auerhuhns geht es in „Million Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen“. Weis zeichnet mit seinen Ko-Regisseuren Marcel Ozan Riedel und Sam Piranty vielmehr die wirtschaftlichen und kriminellen Aspekte auf, die das Verschwinden des Aals verursachen. Sebastian Weis, der schon das Leben ukrainischer Soldaten dokumentiert hat, und von nordkoreanischen Zwangsarbeitern, hat sich für diesen Film weniger den Gefahren der Natur ausgesetzt als vielmehr dem Risiko, von der Mafia in Hongkong, den Triaden, bedroht zu werden. Arte, ZDF Kultur und BBC Eye gehören zu den Produzenten dieses unglaublich spannenden Films über den Handel mit den sogenannten Glasaalen oder Babyaalen. Das Geschäft wird zum Teil von den Unternehmen der Mafia abgewickelt, weil sie sich mit illegalem Handel auskennen und das Aalgeschäft ähnlich hohe Gewinnmargen erzielt wie Kokainverkäufe. Den Ermittlern von Europol zufolge ist der Handel mit den kleinen Aalen das größte illegale Geschäft mit Wildtieren.
Weis und Riedel sind in die Dominikanische Republik geflogen und zeigen, wie Fischer ihre Beute fangen und dabei in einer einzigen Nacht einen durchschnittlichen Monatslohn verdienen. Den letzten Aalhändler Großbritanniens suchen die Filmemacher auf und begleiten ihn bei Lieferungen. Der alte Mann ist eine obskure Figur und behauptet, die Aale würden in den Zielländern ausgesetzt. Vielleicht macht Russland aber in Wahrheit mit den Lebendtieren aus England Geschäfte, deren Gewinne in die Finanzierung des Ukrainekriegs fließen. Die Ermordung des Präsidenten von Haiti und ein abgestürztes Kleinflugzeug, dessen Ladung Aale waren, kommen ebenfalls vor.
Der Film versucht, dem Geld zu folgen und sich auch vor schwierigen Fragen nicht zu drücken. Ist es wirklich verurteilenswert, sich an der Ausrottung von Anguilla anguilla zu beteiligen, wenn das die einzige Art ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und der Armut zu entkommen? Zusätzlich zum Film haben Riedel und Weis zusammen mit Lisa Ludwig den Podcast „Billion Dollar Babies – Der Aal und die Gier“ geschrieben. Hier bekommt der Aal eine Stimme, nämlich die von Katja Riemann. Naturheldenteamarbeit.
Source: faz.net