Berichte mehr als Siedlergewalt: „Wir sollen Angst haben“

Häuser der israelischen Siedlung Karmel im von Israel besetzten Westjordanland

Stand: 17.04.2026 • 22:41 Uhr

Die israelische Regierung treibt den Siedlungsbau im Westjordanland voran: Fast täglich gibt es Berichte von Übergriffen. Einige Israelis machen sich stark für die Palästinenser – und kommen dabei selbst in Gefahr.

Ghassan Ilayan besitzt ein Stück Land in der Nähe von Bethlehem – im von Israel besetzten Westjordanland. Als er im vergangenen September wieder auf sein Land wollte, kamen Siedler und israelische Soldaten. Auf einem Video sieht man, wie Ghassan angegriffen wird und auch drei israelische Aktivisten, die ihm beistehen wollen. Waffen werden direkt auf den Kopf gerichtet, es gibt Schläge.

„Seit diesem Tag ist es nicht leicht für mich, da hinzugehen“, berichtet Ilayan. „Sie wollen uns wehtun, uns überfallen, damit wir nicht auf unser Land kommen.“ Das sei ihr Ziel: „Wir sollen Angst haben, auf unser Land zu gehen.“

Kaum Einschreiten der Behörden

Mehr als 3.700 Fälle von Siedlergewalt wurden seit dem 7. Oktober 2023 bis Ende März dieses Jahres im Westjordanland dokumentiert. Das sind vier bis fünf Angriffe pro Tag. Es gibt zahllose Videos von Plünderungen und Zerstörung, immer wieder werden Palästinenser getötet – allein zwölf Tote gibt es schon in diesem Jahr.

Die Siedler wollen Palästinenser von ihrem Land und aus ihren Häusern vertreiben. Verfolgt werden ihre Taten in aller Regel nicht. Israelische Polizei und Militär stehen oft daneben. Wenn, dann werden meist Palästinenser festgenommen.

Auf einer Demo in Tel Aviv protestieren Menschen gegen die Gewalt von Siedlern im Westjordanland.

Demo gegen Siedlergewalt in Tel Aviv

Den allermeisten Israelis ist es wohl relativ egal, was im Westjordanland passiert. Das erklärt vielleicht, warum zu einer Demonstration gegen die Siedlergewalt nur etwa 1.000 Menschen gekommen sind. Aber sie stehen mitten in Tel Aviv, auf dem Platz vor dem großen Theater. Dabei ist auch Alon-Lee Green, einer der Direktoren von „Standing together“, einer Bewegung, in der jüdische und palästinensische Israelis gemeinsam für Frieden kämpfen.

„Wir setzen uns aktiv dafür ein, die israelische Gesellschaft davon zu überzeugen, dass der Siedlerterrorismus im Westjordanland nicht nur den Palästinensern schadet, sondern auch der israelischen Gesellschaft selbst.“ Es verschlechtere die Sicherheit. „Diese Terroristen im Westjordanland kümmern sich nur um sich selbst und nicht um unsere Gesellschaft.“ Sie gehörten ins Gefängnis, so Green.

Tatsächlich sitzen die Vertreter der radikalen Siedler in Schlüsselpositionen der israelischen Regierung. Mehr als 100 völkerrechtswidrige Siedlungen wurden zusätzlich allein seit Ende 2022 legalisiert, seitdem die Regierung unter Premier Benjamin Netanjahu im Amt ist. Auch Waffen bekommen die Siedler von der israelischen Regierung.

„Sie warfen große Steine“

Odet Yedaya geht regelmäßig dorthin, wo es wehtut. Ein- bis zweimal in der Woche ist der 75-Jährige bei bedrohten Palästinensern im Westjordanland. Protective Presence, schützende Anwesenheit, nennen sie das. Dabei gerät er selbst in Gefahr: Es gibt Fotos von Oded vom letzten November, die zeigen ihn blutüberströmt. Er berichtet, passiert sei das in der Nähe von Ramallah:

Auf einmal kamen zehn Siedler mit Stöcken und Steinen. Sie haben uns zusammengeschlagen. Wir rannten das Tal hinunter. Sie warfen große Steine. Der erste traf mich in den Rücken. Der zweite hier, zwischen Auge und Ohr. Ich war voller Blut. Ich verlor das Bewusstsein. Ich hätte dort sterben können, so viel Blut hatte ich verloren. Palästinenser haben mich in die Klinik gebracht. Jetzt kann ich die Augenbraue nicht mehr heben. Aber ich bin wieder auf zwei Beinen und mache weiter mit der Protective Presence.

Hier auf dem Platz mitten in Tel Aviv wollen sie beweisen, dass den Israelis die Siedlergewalt nicht egal ist. Sie machen sich Mut, sie hoffen, dass sie mehr werden. Und Oded Yedaya will am nächsten Tag wieder ins Westjordanland. Er will den Palästinensern dort beistehen – auch wenn es für ihn selbst wieder gefährlich werden kann.

Source: tagesschau.de