Geschichtsvermittlung: So wird dasjenige Altertum multinational und zukunftsträchtig

Jeder Orientierungsversuch beginnt naturgemäß am eigenen Standort. Als Georg Mercator sich vor rund 450 Jahren daranmachte, die Erdkugel auf flaches Papier zu übertragen, hätte er seinen Globus drehen und einen beliebigen Punkt für die Zentrierung seiner Zylinderabbildung wählen können. Aber der flämische Kartograph saß in Duisburg. Für seine Ordnung der Welt, die trotz der Mängel der winkeltreuen Darstellung auch im digitalen Zeitalter noch als Grundlage für die Kartierung der Erdoberfläche dient, war nicht nur der Ausgangspunkt bestimmend. Die Mercator-Projektion spiegelt freilich auch das damalige Selbstbild des Abendlandes als Nabel der Welt, Wiege der Kultur und des Fortschritts.

Mit dem Standort wechselt auch die Perspektive. Eine auf Indien zentrierte Projektion der Erdkugel drängt den amerikanischen Doppelkontinent und den pazifischen Raum an die Peripherie. Aus dieser Warte bildet der indische Subkontinent als Schnittstelle zwischen Atlantik und Pazifik das Zentrum der Erde. Diese ungewohnte Sichtweise öffnet Möglichkeiten für ein anderes Verständnis der Welt. Einen solchen Perspektivwechsel stößt das Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya Museum (CSMVS) in Mumbai an: mit dem bahnbrechenden Ausstellungsprojekt „Networks of the Past“, das Indien in den Mittelpunkt einer interkulturellen Ausstellung über den Austausch von Gütern, Wissen, Technologien und Ideen über die weitverzweigten See- und Landwege des Altertums rückt.

Der zeitliche Rahmen umfasst die dreitausend Jahre von den Anfängen der Urbanisierung in der bronzezeitlichen Indus-Zivilisation (nach dem ersten Ausgrabungsort im heutigen Pakistan auch Harappa-Kultur genannt) bis zum Ende der Gupta-Herrschaft im sechsten Jahrhundert nach Christus. Der vor hundert Jahren mehr oder weniger gleichzeitig mit dem Grab von Tutanchamun und den sumerischen Königsgräbern von Ur identifizierten Kultur des Indus-Tales im Nordwesten des Subkontinents stellt „Networks of the Past“ Ägypten, Mesopotamien und China gegenüber, die anderen drei großen, auf Flüsse ausgerichteten Hochkulturen der Bronzezeit. Das Projekt bezieht aber auch die späteren Einflusssphären der Griechen, Römer und Perser mit ein.

Die Studiengalerie setzt nicht nur auf Originale

Anhand von dreihundert Objekten werden die Verflechtungen zwischen den Kulturen in thematisch gegliederten Abschnitten auf eine Weise visualisiert, die immer wieder auf Indien und dessen jetzige Erfahrungswelt Bezug nimmt. So wird die altrömische Massenunterhaltung mit Zirkusspielen, für die exotische Tiere aus Indien eingeführt wurden, dem dortigen Publikum durch einen Vergleich mit der nationalen Leidenschaft für Cricket nahegebracht. Grundlegend ist auch die Hervorhebung der Landwirtschaft als Basis jenes Zivilisationsprozesses, der vom Entstehen der Städte und Verwaltungsstrukturen bis zur Entwicklung von Schriftsystemen zur Dokumentation von Viehbesitz, Ernteerträgen und Verkäufen reichte. Mehr als die Hälfte der indischen Bevölkerung lebt heute noch vom Ackerbau. Modelle von harappischen, ägyptischen und römischen Pflügen, die sich seit Tausenden von Jahren kaum verändert haben, erleichtern einem Publikum, dessen nationale Identität eng mit dem Agrarsektor verbunden ist, gleich zu Beginn den Einstieg in die Vergangenheit.

Das Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya in Mumbai macht das Neben- und Miteinander der alten Kulturen zum Ausstellungsprinzip
Das Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya in Mumbai macht das Neben- und Miteinander der alten Kulturen zum AusstellungsprinzipCSMVS

Ähnliche Erkennungsmomente werden durch Replikate von Kunstwerken erzeugt, die Studenten aus ihren Lehrbüchern vertraut sind, darunter die Nofretete, das Ost-Tor des Stupas von Sanchi als eines der bedeutendsten Denkmäler des Buddhismus oder die Bronze-Figurine eines tanzenden Mädchens aus dem Nationalmuseum in Neu Delhi, das belegt, dass die Harappa-Kultur schon das Wachsschmelzverfahren beherrschte. „Networks of the Past“ ist primär als Studiengalerie konzipiert. Damit erklärt sich die ungewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren, die Leihgeber, insbesondere die Berliner Museen, wegen deren strengen Vorgaben im Umgang mit archäologischem Kulturgut vor enorme rechtliche, administrative und logistische Probleme gestellt hat.

Es geht um eine andere Art des Sehens und Verstehens

Die Beteiligung von 25 indischen Museen und des Global Humanities Network der Universität Cambridge, das Studierende und Lehrende aus aller Welt zusammenführt, um über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Ideen für die Bewältigung der gemeinsamen Zukunft zu entwickeln, ist integraler Bestandteil des Vorhabens. Zusammen mit diesen Partnern will das CSMVS eine praktische Kurseinheit für das Geschichtsstudium gestalten, unterstützt durch andere Lernmaterialien und Aktivitäten, die große Breitenwirkung versprechen. Emblematisch dafür sind die zwei großen Bildungszentren der Antike: das buddhistische Universitätskloster Nalanda im heutigen Bihar und die Bibliothek von Alexandria. Sie werden im letzten Raum vorgestellt, um den Besuchern zum Abschied einen Begriff von der Kontinuität menschlichen Lernens zu vermitteln.

Das Lehrprogramm soll neu definieren, wie Geschichte erforscht, gelehrt und wahrgenommen wird. Dabei geht es nicht um Entdeckungen und Narrative, sondern um eine andere Art des Sehens und Verstehens. Das Museum wird zum Klassenzimmer, in dem das Lernen am Objekt praktiziert wird. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen ideologischen Debatten um die Deutungshoheit über die indische Geschichte ist der Wert des unmittelbaren Herangehens an die materielle Kultur schwer zu überschätzen.

Ziel der Verortung Indiens in einem globalisierten Weltgefüge ist es, den Beitrag des Landes im Wechselspiel mit anderen Kulturen des Altertums zu beleuchten und zugleich darzulegen, wie wichtig die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und das Nachdenken über die Zukunft ist. Das CSMVS preist sich denn auch als eine Institution an, „in der die Vergangenheit immer gegenwärtig ist“. Als einziges indisches Museum mit enzyklopädischem Anspruch ist es eine Ausnahmeerscheinung in der desolaten öffentlichen Museumslandschaft des Landes. Als regierungsunabhängige Institution, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von engagierten Patriziern der Wirtschaftsmetropole Bombay ins Leben gerufen wurde, finanziert sich das CSMVS durch öffentlich-private Partnerschaft.

„Wir waren schon vor fünftausend Jahren global“

Sabyasashi Mukherjee spricht gern von einem Museum „des Volkes für das Volk“. Der Generaldirektor des CSMVS hat es in seinen achtzehn Jahren an der Spitze des Hauses zu seiner Mission gemacht, eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen. Da Reisen für den Großteil der indischen Bevölkerung unerschwinglich sind, macht sich das CSMVS zur Aufgabe, seinem Publikum die „Weltkulturen bis vor die Haustür“ zu bringen. „Networks of the Past“ hebt diesen Bildungsauftrag mit großzügiger Förderung durch die amerikanische Getty-Stiftung auf ein neues Niveau.

Dem Projekt liegt die Frage zugrunde, weshalb Indien von der auf den Mittelmeerraum fokussierten Altertumsforschung vernachlässigt worden ist, obwohl die Zivilisation des Indus-Tals eine technisch versierte, fortschrittlich organisierte Gesellschaft von Händlern und Handwerkern mit einheitlichen Maß- und Gewichtseinheiten war, die weitreichende Handelsbeziehungen unterhielt. Mukherjee bringt es auf diesen Nenner: „Wir waren schon vor fünftausend Jahren global.“ Er will die „koloniale Fehldeutung“ widerlegen, wonach Indien bloß „passiver Empfänger“ der vielen fremden Einflüsse gewesen sei, die das Land geprägt haben.

Aus diesen Überlegungen ging das Modell für eine gemeinsam mit dem Getty Institute, dem Britischen Museum und den Staatlichen Museen zu Berlin kuratierte Galerie des Altertums hervor, die indischen Besuchern durch internationale Leihgaben einen direkten Kontakt mit originalen Zeugnissen der mediterranen Zivilisationen ermöglichen soll. Maßgeblich an der Konzeption und Realisierung dieses Projektes beteiligt sind Neil MacGregor, der ehemalige Direktor des Britischen Museums, dessen assoziative Befragung von Objekten als Zeugen der Geschichte in der Präsentation spürbar ist, und Mahrukh Tarapor, eine Kennerin der islamischen Kunst, die ihre langjährige Erfahrung als Ausstellungsleiterin am New Yorker Metropolitan Museum einbringt.

Den Anfang machte vor drei Jahren die augenöffnende Nebeneinanderstellung von Skulpturen der im heutigen indischen Alltag noch präsenten Gottheiten mit den toten Göttern der antiken Mittelmeerkulturen. Für die jetzt eröffnete Galerie der „Networks of the Past“ ist im Laufe des vierjährigen Entstehungsprozesses die Partnerschaft um neun indische und vier ausländische Institutionen (das Zürcher Museum Rietberg, das Dar al-Athar al-Islamiyyah mit der Al-Sabah-Sammlung in Kuwait, das Benaki Museum in Athen und die Athener Ephorie für Altertümer) erweitert worden. Eine derartige internationale Kooperation hat es in Indien noch nie gegeben.

Traditionen, die bis heute fortleben

Bezeichnend ist, dass die Hälfte der Objekte, die das CSMVS aus dem eigenen Bestand beigesteuert hat, bislang ungesehen im Depot lagerte, weil es an einem Kontext für deren Ausstellung fehlte. Wie schon bei der ersten Projektetappe war ausschlaggebend, dass das CSMVS bei der Zusammenarbeit mit den Leihgebern die Federführung behielt, um die eigenen Kompetenzen zu stärken und indische Empfindlichkeiten zu berücksichtigen. Es ist jedoch berührend zu hören, wie bewegt alle Mitwirkenden davon berichten, den jeweils fremden Perspektiven tiefgreifende Einsichten abgewonnen zu haben. Selbst Katherine Fleming, die Präsidentin der Getty-Stiftung, die das von ihrem Vorgänger begonnene Projekt anfangs skeptisch beurteilt hatte, schien im Gespräch mit dieser Zeitung von der olympischen Haltung der Förderin abzurücken und zu erkennen, dass der globale Ansatz von „Networks oft he Past“ auch der Getty-Stiftung frische Impulse bieten kann.

Die Reise ins Altertum beginnt mit der Rekonstruktion eines Teils der harappischen Stadt Dholavira im heutigen indischen Bundesstaat Gujarat. Mit geometrischem Straßenraster, gemauerter Kanalisation und hoch entwickelter Regenwasserspeicherung gehört sie als Beispiel einer der frühsten städtischen Zivilisationen zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten der Indus-Kultur. In der Eingangshalle wird ein plastisches Bild von Dholaviras technischen und handwerklichen Errungenschaften gezeichnet – und von seinem Handel mit fremden Kulturen, der sich in den rätselhaften Indus-Siegeln mit ihrer Verschmelzung harappischer und sumerischer Eigenschaften artikuliert.

Eine 4500 Jahre alte Halskette aus Schmucksteinen, die 1929 in den königlichen Grabanlagen von Ur im heutigen Irak ausgegraben wurde, führt vor Augen, wie vernetzt die Welt damals war. Das Gold dürfte aus Ägypten, Anatolien oder Iran stammen, das Lapislazuli auf dem Landweg aus Afghanistan gekommen sein und das Karneol aus dem Industal, dessen Zivilisation für Geschick bei der heiklen Durchlöcherung solcher langen Steinperlen bekannt war. Wie zwei Handwerker aus Gujarat im Museum vorführen, leben diese Traditionen bis heute fort.

Was alle Kulturen von Beginn an verbindet

Dank ihrer Lage am Arabischen Meer waren die harappischen Häfen ein Zentrum des internationalen Seehandels, der den halbjährlichen Richtungswechsel der Monsunwinde nutzte, um die Schiffe im Sommer vom Persischen Golf an die indische Westküste treiben und im Winter mit neuer Fracht wieder zurücksegeln zu lassen. Später bauten die Römer das Handelsnetzwerk aus: Sie brachten Wein, Olivenöl, Metalle und derart viel Gold zur Bezahlung von Textilien und Gewürzen (allen voran des kostbaren Pfeffers), dass Plinius der Ältere, der sich nichts daraus machte, über diesen Kapitalabfluss schimpfte. Ein massiver silbervergoldeter römisch-britischer Pfefferstreuer in der Form einer Edelfrau zeugt vom Wert des aus Indien importierten „schwarzen Goldes“.

Exquisites Kunsthandwerk wie eine ins vierte Jahrhundert vor Christus datierte mittelasiatische Gürtelschnalle mit einem goldenen Elch (eine von mehreren prachtvollen Leihgaben aus Kuwait) und die den zentralasiatischen Handel mit China repräsentierende Steinzeug-Figur eines baktrischen Packkamels mit Treiber aus der Tang-Zeit (aus dem Museum Rietberg) wird zusammengebracht mit Schrifttafeln, Kinderspielzeug, Münzen, Gefäßen und Devotionalien, die das Altertum suggestiv vergegenwärtigen. Im Nebeneinander dieser Objekte werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Versorgung, Lebensalltag, politischen, wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Strukturen und den Glaubensmechanismen beleuchtet, die jede Zivilisation entwickelt, um dem Rätsel des Daseins Sinn zu verleihen. Das alle Kulturen und Epochen verbindende Menschsein – von der Geburt, wie sie die kleine zyprische Kalksteindarstellung einer Niederkunft aus hellenistischer Zeit darstellt, bis zum Tod und den Vorstellungen vom Nachleben – macht die dokumentierten Querverbindungen für das breite Publikum zugänglich.

Oft geben die Fundstellen Aufschluss über die Bilderwanderung, so bei einem in Ägypten gefundenen Textilfragment mit einer sasanidischen Jagdszene oder bei einem verzierten Spiegelgriff aus Elfenbein, der östlich von Mumbai in Ter ausgegraben wurde, einem antiken Handelszentrum, das Elfenbeinprodukte für den römischen Luxusmarkt herstellte. Eine Aneinanderreihung von vier buddhistischen Figuren macht eindringlich deutlich, wie die skulpturale Darstellung des Buddha bei der Ausbreitung der Religion über die Seidenstraße lokale Züge annahm, sodass der Erleuchtete in China dann auch wie ein Chinese aussah.

Im Lichte der gegenwärtigen geopolitischen Entwicklungen wirken die Anregungen zu einem Perspektivwechsel bei der Betrachtung des Altertums umso zeitgemäßer. Der finnische Staatspräsident Alexander Stubb hat jüngst in Neu Delhi seine Gedanken über eine fundamentale Verschiebung von der 1945 etablierten westlich dominierten Weltordnung zu einem stärker vom Globalen Süden bestimmten System ausgeführt, bei der Indien eine Schlüsselrolle zukomme.

In seinem Plädoyer für einen wertebasierten Realismus in der internationalen Politik berief sich Stubb auf das „Arthashastra“, ein altindisches Lehrbuch der Staatskunst, das schon vor Jahrtausenden erkannt habe, dass das internationale System wettbewerbs- und interessenorientiert sei, doch bei allem Pragmatismus von Werten und ethischen Grundsätzen nach dem Prinzip des Dhama geleitet werden müsse. Einen triftigeren Beweis für die Relevanz des Altertums für Gegenwart und Zukunft hätte sich das CSMVS kaum wünschen können.

Source: faz.net