Jan van Aken hört wie Linken-Parteichef hinaus: Wie unübertroffen ist Ines Schwerdtner?

Jan van Aken zieht sich aus gesundheitlichen Gründen als Linke-Parteichef zurück. Die ohnehin nervöse Partei steht damit vor Personaldebatten. Eine Bundestagsabgeordnete aus Berlin fordert auch Ines Schwerdtners Rückzug von der Parteispitze


Heidi Reichinnek und Sören Pellmannn bleiben Fraktionsvorsitzende im Bundestag, den Parteivorstand aus Ines Schwerdtner und Jan van Aken wird es hingegen nicht mehr lange geben. Hier beim Bundesparteitags am 10. Mai 2025 in Chemnitz

Foto: Chris Emil Janßen/Imago



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Jan van Aken wird nicht mehr lange Co-Vorsitzender der Linkspartei sein. Was zu Wochenmitte als Nachricht eine Überraschung war, ist intern offensichtlich zuletzt keine mehr gewesen: Zeitgleich feuerte Die Linke aus allen Social-Media-Rohren ihre Botschaft.

Demnach erklärt der 64-jährige Jan van Aken, er werde aus gesundheitlichen Gründen beim bevorstehenden Parteitag im Juni in Potsdam nicht erneut für den Parteivorsitz kandidieren. Geplant und gesetzt war, dass die Doppelspitze aus Ines Schwerdtner und van Aken, die erst im Oktober 2024 in ihre Ämter gewählt worden ist, in Potsdam erneut antreten würde.

Von Ines Schwerdtner bekam van Aken sein erstes „Tax the Rich“-Shirt

Van Aken erklärte, er müsse sich verstärkt um seine Gesundheit kümmern. Es bestehe „kein Grund zu größerer Sorge um mich, es ist keine lebensbedrohliche Krankheit.“ Aber er müsse auf sich aufpassen. Ganz werde er sich nicht zurückziehen – sein Bundestagsmandat will van Aken bis zum Ende der Legislatur ausüben.

Der Biologe, der unter anderem als UN-Biowaffeninspekteur tätig war, ist 2025 erneut für Die Linke in den Bundestag eingezogen. Van Aken hatte ihm bereits von 2009 bis 2017 angehört, danach aber – als Befürworter einer Mandatszeitbegrenzung – auf eine erneute Kandidatur verzichtet. Auch mit der Deckelung seines Gehalts auf einen Durchschnittslohn machte van Aken (für die Partei positive) Schlagzeilen.

Viele Menschen dürften zudem sein „Tax the Rich“-T-Shirt kennen, das der Hamburger seit dem Bundestagswahlkampf 2025 als Spitzenkandidat bei öffentlichen Auftritten trägt. Seiner Co-Chefin Ines Schwerdtner zufolge hat er das T-Shirt einst von ihr erhalten – und inzwischen 20 davon im Schrank. Van Aken gilt im Übrigen als Experte für zivile Konfliktlösungen.

Auch in seiner eigenen Partei standen die vergangenen anderthalb Jahre, in denen van Aken und Schwerdtner als Parteivorsitzende sowie Heidi Reichinnek und Sören Pellmann als Fraktionsvorsitzende wirkten, im Zeichen ziviler Konfliktlösung, im Gegensatz zur den offenen Linke-Feldschlachten vorheriger Jahre. Allerdings: Manche Konfliktlösung hat sich inzwischen als vorübergehende Einhegung entpuppt. Hinter der neuen und betont fröhlichen Einigkeit brodelt es auch, immer wieder brechen Streits neu auf. Zuletzt wurde das deutlich an der scharf geführten Debatte um einen antizionistischen Beschluss des niedersächsischen Landesparteitages der Linken.

Schwerdtner, Reichinnek, alle Seit‘ an Seit‘

Der Nahostkonflikt ist nicht das einzige Feld, auf dem die Parteiführung sehr unterschiedliche Positionen moderieren musste – und muss. Neben inhaltlich-programmatischen Differenzen gehen auch die Vorstellungen über die Parteiaufbaustrategie und die Frage, was für eine Partei Die Linke überhaupt sein soll, auseinander. Dem Vernehmen nach durchaus auch in der Parteiführung selbst.

Mit dem jetzigen Rückzug hat dies angesichts der Begründung van Akens offenkundig nichts zu tun. Auffällig ist allerdings, wie bemüht die am Tag des Rückzugs zeitgleich auf allen Kanälen verbreiteten Erklärungen darauf abzielten, Einigkeit zu demonstrieren – von Ines Schwerdtner über Heidi Reichinnek bis zu den Partei-Accounts. Als solle präventiv jeder Zweifel zerstreut werden, am Bild der endlich versöhnten, wieder handlungsfähigen Linken sei irgendetwas schief.

‚Mit diesem Schritt ergibt sich nun auch die Einladung zur kompletten Neubesetzung der Spitze‘, sagt die Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg

Unwahrscheinlich, dass die Partei in ruhigen Gewässern und trauter Einigkeit dem Potsdamer Parteitag entgegengeht. Ein neuer Vorsitzender oder eine neue Vorsitzende muss ohnehin gefunden werden. Oder sogar zwei? Ist Ines Schwerdtner unangefochten?

Nicht, wenn es nach der Linken-Bundestagsabgeordneten Katalin Gennburg geht. Die in Berlin-Marzahn-Hellersdorf als Direktkandidatin unterlegene, aber über die Landesliste in den Bundestag gewählte Gennburg sagte dem Freitag, sie wünsche vor allem Jan van Aken gute Besserung. Und weiter: „Mit diesem Schritt ergibt sich nun auch die Einladung zur kompletten Neubesetzung der Spitze.“

Wie verbreitet diese Auffassung in der Partei ist, wird sich zeigen. Von 19. bis 21. Juni tritt der Parteitag in Potsdam zusammen. Der sorgt ohnehin für Nervosität in der Partei: Denn seit der Auferstehung der Linken bei der Bundestagswahl bei Verdoppelung ihrer Mitgliedschaft ist dies der erste Bundesparteitag, bei dem sich diese gewachsene und neue Mitgliederstruktur in der Zusammensetzung der Delegierten niederschlagen wird. Denn die Delegierten für Bundesparteitage werden nach dem Statut der Partei alle zwei Jahre neugewählt.

Luigi Pantisano will Nachfolger von Jan van Aken werden

Die Neumitglieder sind nach wie vor eine Blackbox – entsprechend sind die Kräfteverhältnisse auf dem kommenden Parteitag überhaupt nicht vorhersehbar. Das war in der Vergangenheit anders – Delegierte ließen sich Lagern zuordnen, so ließen sich Mehrheiten zu Themen oder Kandidat*innen gut abschätzen. Was für eine Chance für die innerparteiliche Demokratie also nun in Potsdam!

Für eine Parteiführung, die oft divergierende Positionen mühsam ausbalancieren muss und der immer die Sorge im Nacken sitzt, dass Konflikte offen ausbrechen könnten, sind solche Unwägbarkeiten indes eine große und längst nicht die einzige Herausforderung. So wirkte die Partei zuletzt öffentlich seltsam abwesend inmitten von Krieg, Inflation und Sozialstaatsabbau. Dass bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz der erhoffte Einzug in die Parlamente misslungen ist, kommt erschwerend hinzu. Misserfolge bei Wahlen waren bei der Linken stets Katalysatoren für Konflikte.

Für die Nachfolge Jan van Akens hat der erste Kandidat seinen Hut in den Ring geworfen: Der Vize-Fraktionschef der Linken im Bundestag, Luigi Pantisano, will Parteichef werden. Der frühere wissenschaftliche Mitarbeiter des damaligen Linkspartei-Vorsetzenden Bernd Riexinger gehört dem Bundestag seit 2025 an und ist Leiter des Arbeitskreises für Wohnen, Mobilität und Klimaschutz bei der Linken.