Endlich Freitag: Ungarn-Euphorie, Slavoj Žižek, Denis Scheck

Die Bilder aus Ungarn lösen Gefühle aus; Žižek schreibt über Trumps enthemmtes Social-Media-Posten und das deutsche Feuilleton debattiert über den Kritikerpapst Denis Scheck: Der „Freitag“-Blick auf den Tag

Hallo,

die Bilder aus dem sonntagnächtlichen Budapest nach der Wahl hatten für mich etwas Hypnotisches. Ich konnte mich nicht sattsehen an den Szenen von feiernden Menschen am Donau-Ufer, auf den U-Bahn-Rolltreppen, vom überschwänglich tanzenden Gesundheitsminister in spe. Anders als Martin Leidenfrost, der für uns mittenmang dabei war, sah ich nicht nur die „fashionable Jugend“ jubeln. In meinen Augen brach sich da eine Freude und eine Hoffnung Bahn, die für mehr stehen als nur die Abwahl eines Ministerpräsidenten.

Aber natürlich ist mein Blick eingefärbt von eigenen Sehnsüchten. Jon Stewart brachte das Gefühl in seiner Daily Showauf den Punkt: „Lass’ es der Dammbruch sein“! Das Chaos von Drohungen und sich ankündigenden Krisen hat uns alle schwer altern lassen im letzten Jahr. Dabei: „The presidency is supposed to age the president, not the people!”

Scherz beiseite. Wir wären nicht der Freitag, wenn wir nicht versuchen würden, hinter die Euphorie zu blicken und auch die skeptisch stimmenden Trends auszumachen. Das schlechte Wahlergebnis der ungarischen Linken zum Beispiel. Wolfgang Michal ordnet es in den globalen Zusammenhang ein – und bemüht sich trotzdem um einen optimistischen Ausblick.

Trump hat seinen „Beef“ mit Leo XIV; im deutschen Feuilleton streitet man sich unterdessen über Kritikerpäpste wie Denis Scheck. Mein Kollege Philipp Haibach rekapituliert den Schlagabtausch und ruft ganz richtig zur Rettung der Literaturkritik jenseits davon auf. Zusätzlich hat er fünf der schönsten Entgleisungen aus vergangenen Debatten dieser Art herausgesucht: Vom „Rolltreppendickerchen“ bis zur „Feuilletonschlampe“ – hätten Sie gewusst wer’s war?

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Eine Baustelle nach der anderen. Nicht alles in den sozialen Medien ist schlecht. Gestern stieß ich beim Doomcrolling auf das Phänomen des „Umarell“ und noch bevor ich nachschlagen konnte, woher das Wort kommt – Bologneser Dialekt für „Männchen“ –, hatte mich das zugehörige kleine Video von der Realität schon überzeugt. Wer kennt sie nicht, die Männer reiferen Alters, die mit hinter dem Rücken verschränkten Armen um Baustellen herumstehen und von Zeit zu Zeit die dort Arbeitenden mit Kommentaren nerven. Was soll ich sagen: That’s exactly how i feel about life.

Zum Video-Link ➜

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu sehen: Apropos „Beef“. Drei Jahre ist es her, dass Netflix die Serie Beef veröffentlichte, die zu den vielen unterschätzten Perlen ihrer Art gehört. Präzise und mitreißend wurde darin von einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen (Steven Yeun und Ali Wong) erzählt, die ihren Anfang mit einer Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr nimmt und (fast) mit Mord und Totschlag endet. Das Großartige, ja fast Unheimliche daran war, wie gut man die sich steigernde Wut nachvollziehen konnte.

Heute startet nun die zweite Staffel, mit völlig neuer Besetzung: Diesmal spielen Carey Mulligan und Oscar Isaac ein Paar in einer Art White Lotus-Setting. Streit bricht aber wohl nicht nur zwischen den Eheleuten aus, sondern auch mit ihrem jüngeren, von Charles Melton (May December) und Cailee Spaeny (Priscilla) gespielten Gegenübern. Ich freue mich schon aufs Wochenende, um die acht Folgen bingen zu können.

Zur Serie ➜

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4. Lese-Empfehlung

➜ Gutes Altern ist doch kein Kampf ums Jungbleiben: Christiane Rösinger war genervt von den üblichen Ratgebern für die „Goldenen Jahre“ und hat ihr eigenes Buch zum Thema geschrieben. Darin bürstet sie so manche gängige These gegen den Strich, wie die zur vermeintlichen Unsichtbarkeit der älteren Frau. Sonia Eismann hat für den Freitag mit ihr gesprochen – lesen Sie das wirklich tolle Interview!

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Die Kreuzberger Sängerin und Theatermacherin Christiane Rösinger bleibt auch im Alter Punk – und hat mit The Joy of Ageing (Rowohlt) einen humorvollen (Anti-)Ratgeber geschrieben, der klarmacht: Das Einzige, was den Alterungsprozess stoppen kann, ist der Tod. Ein Gespräch unter feministischen Weggefährtinnen – weshalb Rösinger und die Autorin Sonja Eismann sich duzen.

der Freitag: Was hat dich an Altersratgebern so genervt, dass du deinen eigenen schreiben wolltest?

Christiane Rösinger: Eigentlich alles. Entweder sie sind bemüht lustig oder sie springen in letzter Sekunde auf diesen Longevity-Zug auf.

Langlebigkeitskonzepte sprechen dich gar nicht an?

Überhaupt nicht. Natürlich freue ich mich nicht, wenn ich eine neue Falte entdecke. Aber das Augenmerk nur noch auf den Verfall und seine Bekämpfung zu richten, geht mir total auf die Nerven. Das hat mich an anderen Ratgebern immer gestört. Die Frauen in diesem Segment beziehen sich ständig auf Äußerlichkeiten: Es geht ums „jünger werden“, „jugendlich aussehen“, ums „begehrenswert bleiben“. Daher finde ich es wichtig, zu sagen: Schluss damit, fertig! Da machen wir nicht mehr mit. Die Kreuzberger Sängerin und Theatermacherin Christiane Rösinger bleibt auch im Alter Punk – und hat mit The Joy of Ageing (Rowohlt) einen humorvollen (Anti-)Ratgeber geschrieben, der klarmacht: Das Einzige, was den Alterungsprozess stoppen kann, ist der Tod. Ein Gespräch unter feministischen Weggefährtinnen – weshalb Rösinger und die Autorin Sonja Eismann sich duzen.

➜ zum ganzen Text

Das wär’s für heute. Schauen Sie mal bei der nächsten Baustelle vorbei. In Berlin hat man reichlich Auswahl.

Viele Grüße,

Ihre Barbara Schweizerhof

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