Vier Jahre Ukrainekrieg: So leben ukrainische Flüchtlinge heute in Europa
Die russische Großinvasion in der Ukraine hat die größte Fluchtbewegung in der jüngeren Geschichte Europas ausgelöst. Nach UN-Angaben leben derzeit fast sechs Millionen ukrainische Kriegsflüchtlinge im Ausland. Und in der Ukraine selbst leben rund 3,7 Millionen Binnenvertriebene.
Wie kommen die Menschen zurecht, die in der Ukraine geblieben sind – und wie diejenigen, die in andere europäische Länder flohen? Gerade bei der Integration in den Arbeitsmarkt zeigt sich, wie unterschiedlich die Ansätze sind. Und wie tiefgreifend sich das im Alltag der Menschen auswirkt.
Ukraine: Viele Binnenvertriebene bleiben nun in Frontnähe
In den ersten Wochen nach dem russischen Großangriff am 24. Februar 2022 kam es zu einer großen Fluchtwelle in den russlandfernen Westen der Ukraine. In der Großstadt Lemberg (Lwiw) und auch im nah an der Grenze zu Ungarn und der Slowakei gelegenen Uschhorod hielten sich kurzzeitig doppelt so viele Menschen auf wie zuvor. Zum damaligen Zeitpunkt war noch nicht abzusehen, dass die ukrainischen Verteidiger einen Großteil des Landes unter ihrer Kontrolle halten konnten.
Hunderttausende sind rasch weitergezogen. Entweder in Richtung Westen in die Länder der Europäischen Union – oder gen Osten in vermeintlich sichere Gebiete in der Ukraine. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) zählt aktuell neben den rund 3,7 Millionen Binnenvertriebenen auch etwas mehr als 4,5 Millionen Heimatrückkehrer. Die UN-Organisation schlüsselt dabei nicht zwischen denjenigen auf, die aus dem Ausland heimgekehrt sind, und jenen, die sich vorübergehend in der Westukraine aufgehalten hatten.
Mittlerweile hat sich sowohl das Kriegsgeschehen als auch das Fluchtverhalten der Bevölkerung verändert. Die russischen Invasoren rücken an der Front im Osten der Ukraine langsam, aber allmählich vor. Und die Binnenvertriebenen suchen häufiger in Heimatnähe Schutz. Mittlerweile halten sich mehr Flüchtlinge in den ostukrainischen Gebieten Charkiw und Dnipropetrowsk als in der Hauptstadt Kiew auf. Fast 30 Prozent der Binnenflüchtlinge stammen aus dem Gebiet Donezk, von dem nur noch ein kleiner Teil ukrainisch kontrolliert ist.

Binnenflüchtlinge erhalten einen staatlichen Mietzuschuss von monatlich umgerechnet 50 Euro pro Person, die Regierung in Kiew führte jüngst auch einen Zuschuss von rund 60 Euro pro Kind wieder ein. Die Leistung ist allerdings auf höchstens sechs Monate befristet. Nicht nur deswegen haben die Binnenflüchtlinge großes Interesse, wirtschaftlich schnell auf eigenen Beinen zu stehen. Manche von ihnen leben noch immer eher prekär in temporären Unterkünften. Andere haben sich am neuen Ort längst etabliert. Auch westukrainische Städte wie Uschhorod profitierten davon, dass ganze Firmen vom Osten in den Westen des Landes zogen.
Deutschland: Nur mit Qualifizierung in den Arbeitsmarkt
Aufnahmeland Nummer eins für ausgereiste Ukrainer ist Deutschland. Aktuell halten sich hierzulande mehr als 1,3 Millionen Kriegsflüchtlinge auf. Damit stellt sich in Deutschland besonders zugespitzt die Frage, wie Integration gelingt. Erhebungen haben ergeben, dass je länger der russische Krieg gegen die Ukraine dauert, umso größer der Anteil derer ist, die ihren Aufenthalt nicht mehr als provisorisch ansehen. Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) wollen gut 60 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge auch nach einem Kriegsende, das weiter nicht in Sicht ist, in Deutschland bleiben.
Bei der Arbeitsmarktintegration entschied sich Deutschland früh für einen Sonderweg. Die Ampelregierung öffnete Ukraineflüchtlingen ab dem 1. Juni 2022 den Zugang zur Vermittlung über die Jobcenter und zu Sozialleistungen. Das war zunächst das Arbeitslosengeld II, seit 2023 das Bürgergeld. Erklärtes Ziel war es, Ukrainer sprachlich und beruflich so zu qualifizieren, dass sie nicht in prekären Helferjobs landen. Eine wesentliche Motivation für diese Lösung war zudem, dass damit der Bund und nicht, wie bei Asylbewerbern, Länder und Kommunen den Hauptteil der Kosten tragen.
Im Vergleich zu anderen Aufnahmestaaten gelangen ukrainische Flüchtlinge hierzulande später in Beschäftigung. Eine Erwerbstätigenquote von 50 Prozent wurde Erhebungen zufolge erst im Laufe des Jahres 2025 erreicht. Die Unionsparteien sahen in der Aufnahme der Ukrainer in das Bürgergeld schon zu Oppositionszeiten einen falschen Anreiz.

Einer raschen Arbeitsaufnahme von Ukraineflüchtlingen stehen in Deutschland auch andere Hürden im Weg. Die Anerkennung ausländischer Qualifikationen wird hierzulande restriktiv gehandhabt. Erst mit nachgewiesenen Deutschkenntnissen auf dem Sprachniveau B2 ist die Anerkennung eines ukrainischen Krankenpflegediploms möglich. Und auch jenseits sprachlicher Defizite werden „Anpassungsqualifizierungen“ verlangt. Busfahrer aus der Ukraine müssen gar die ganze Fahrausbildung wiederholen. Zugleich berichten Flüchtlinge, sie lernten im Berufsalltag schneller als im Integrationskurs.
Polen und Tschechische Republik: Erst einmal unten anfangen
Zur schnellstmöglichen Arbeitsaufnahme gibt es in den Nachbarländern Polen und Tschechische Republik kaum eine Alternative. Beide Länder stehen bei der Zahl aufgenommener Kriegsflüchtlinge direkt hinter Deutschland und nehmen pro Kopf sogar mehr Ukrainer auf. Die sozialen Leistungen sind deutlich knapper bemessen.
In der Tschechischen Republik erhält ein nicht als „vulnerabel“ eingestufter Flüchtling monatlich höchstens 200 Euro für den Lebensunterhalt und umgerechnet höchstens 170 Euro Mietzuschuss. Polen verschärft den Kurs weiter: Auf Druck von Präsident Karol Nawrocki wird Kindergeld für ukrainische Familien ab März nur noch fließen, wenn die Eltern arbeiten.
In beiden Ländern liegt die Erwerbstätigenquote unter Ukraineflüchtlingen schon seit 2024 bei mehr als zwei Dritteln. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt verläuft deutlich anders als in Deutschland. Viele der Flüchtlinge fangen in klassischen Hilfsjobs als Putzkraft, Kurier oder Kellner an und arbeiten sich in der Folge die wirtschaftliche und soziale Leiter hoch. Außerdem gab es in Polen und in der Tschechischen Republik schon vor dem 24. Februar 2022 einen von Ukrainern geprägten Niedriglohnsektor. Diese Ausgangslage unterscheidet sich von der in Deutschland.
Längst bringen die ukrainischen Kriegsflüchtlinge dem polnischen und tschechischen Staat mehr Einnahmen, als sie ihn kosten. Und doch weht ihnen aus der Politik ein rauerer Wind entgegen als zu Beginn der russischen Großinvasion. In Polen gewann der Nationalkonservative Nawrocki mit dem Slogan „Die Polen zuerst!“ die Präsidentenwahl und setzt im Amt eine restriktive Politik durch.
Dagegen verzichtet der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš auf harte Schritte. Der radikale Koalitionspartner SPD kann seine Forderung, den Zugang zu Daueraufenthaltsgenehmigungen zu erschweren, nicht durchsetzen. Zu offenkundig ist das wirtschaftliche Interesse, dass möglichst viele Arbeitskräfte im Land bleiben.
Source: faz.net