Tanker Leckt vor Anapa: Schon wieder eine Ölpest im Schwarzen Meer

Für Anapa ist es ein bitteres Déjà-vu: Wieder werden Ölklumpen an die Strände des Badeorts an Russlands Schwarzmeerküste gespült. Wieder reinigen Helfer in weißen Schutzanzügen Strände und ölverschmierte Seevögel. Und wieder bemühen sich die Machthaber, die bevorstehende Urlaubssaison zu retten. Als Quelle der neuen Verschmutzungen gilt der russische Öltanker Sofia. Beobachter des Projekts Prosratschnyj Mir (Transparente Welt) heben anhand von Satellitenaufnahmen hervor, ein Ölteppich sei in der Nacht auf den 7. April vor der Küste von Anapa erschienen, an einem Punkt, an dem sich da gerade die Sofia aufgehalten habe.

Der Tanker gehört zur sogenannten Schattenflotte, steht unter westlichen Sanktionen und läuft nach ukrainischen Angaben auch Schwarzmeerhäfen in der Türkei und Rumänien an. Unklar ist, wo die Sofia derzeit ist. Am Sonntag wurden die Ölteppiche vor der Küste auf 117 Quadratkilometer geschätzt, 300 bis 350 Tonnen seien ausgelaufen. Am Dienstag waren es mehr als 200 Quadratkilometer, doch trieb der Wind das Öl in verschiedene Richtungen, was die Reinigungsarbeiten erschwert.

Am Samstagabend meldeten die Behörden der Region Krasnodar, in der Anapa liegt, mehr als 200 tote und ölverschmierte Seevögel an den Stränden der Stadt. Sie kommunizierten über einen Telegram-Kanal, wie schon bei der vorherigen Ölpest in der Gegend.

Die Ukrainer äußerten sich zunächst nicht zur Sofia

Im Dezember 2024 havarierten zwei Tanker, die Wolgoneft 212 und die Wolgoneft 239, im Sturm in der Meerenge von Kertsch, die das russische Festland von der annektierten ukrainischen Krim trennt. Mehrere Tausend Tonnen Masut traten aus, ein Schweröl, das in der Erdölverarbeitung entsteht und in Russland als Heizöl verwendet wird. Auch damals war Anapa besonders betroffen.

Der Umweltschützer Igor Schkradjuk war damals vor Ort und berichtete der F.A.Z. vom Kampf gegen die Verschmutzungen. Ihm zufolge herrschte in der Nacht auf den 7. April kein Sturm, „das Wetter war ruhig“. Die Krasnodarer Behörden zitierten „Spezialisten“, die als Grund für „das Erscheinen“ der Ölverunreinigungen einen ukrainischen Drohnenangriff „auf zivile Schiffe“ vermuteten; die Sofia wurde nicht genannt.

Ukrainische Drohnen haben schon die russische Schwarzmeerflotte dezimiert, aus deren Heimathafen Sewastopol auf der Krim nach Noworossijsk vertrieben und auch in dem für den Ölumschlag wichtigen Hafen dort Schäden angerichtet. Bei früheren Angriffen auf Tanker der „Schattenflotte“ im Schwarzen Meer hatten ukrainische Stellen indes hervorgehoben, die Schiffe seien unbeladen gewesen; zur Sofia und der Lage in Anapa äußerten sie sich zunächst nicht.

Russlands Behörden wirken bemüht, die Folgen der Verschmutzung kleinzureden. Der Telegram-Post vom Samstagabend wurde am Montag gelöscht, ein anderer Eintrag vom Samstagnachmittag, in dem nur von rund 50 ölverschmierten Vögeln die Rede ist und Kiew beschuldigt wird, blieb. Zugleich hieß es, die Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor habe einen Strand „positiv“ beurteilt.

Putin geht es um die Urlaubssaison

Es geht darum, die Urlaubssaison für die Region zu retten. 2025 hatte Rospotrebnadsor nach langem Zögern das Baden dort verboten, für dieses Jahr noch nicht. Der Gouverneur der Region hatte erst am Freitagabend vor Präsident Wladimir Putin die Aussicht bekräftigt, Anapa werde nun „wieder Urlauber in vollem Umfang aufnehmen“. Das sei „Ihrer Kontrolle“ zu danken, sagte der Funktionär zu Putin. Der ließ sich die Frage bejahen, dass „in diesem Jahr alle Strände der Region Krasnodar geöffnet sein werden“.

Der Umweltschützer Schkradjuk sagt, die jetzige Ölsubstanz in Anapa erinnere sehr an das Masut, das Ende 2024 freigesetzt wurde. Auch diese Gefahr ist seiner Schilderung nach noch nicht gebannt. In den Wrackteilen der beiden Wolgoneft-Tanker in der Meerenge von Kertsch lagern immer noch einige Tausend Tonnen Masut, offiziell isoliert durch sogenannte Kofferdämme.

Ein Sturm könne dazu führen, dass wieder Masut freigesetzt werde, warnt Schkradjuk. Insgesamt würden viel zu wenige Mittel bereitgestellt, um die Folgen der Ölpest zu beseitigen. Freiwillige Helfer wie er riskieren ihre Gesundheit und arbeiten meist auf eigene Kosten. Schkradjuk lebt in Jaroslawl, mehr als 1700 Straßenkilometer von Anapa. „Für mich wäre eine Fahrt dorthin jetzt schwer zu finanzieren.“

Source: faz.net