Supermarkt-Kette mit Umsatzrekord: Rewe-Chef: „Wir zeugen uns nicht die Taschen voll“

Die Angst vor stark steigenden Lebensmittelpreisen ist zurück. Viele Deutsche denken mit einem mulmigen Gefühl an die Zeit nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs zurück. Infolgedessen stiegen die Preise für Nahrungsmittel überdurchschnittlich. Durch den Irankrieg könnte ein ähnliches Szenario drohen.
Kurzfristig gibt Rewe-Chef Lionel Souque Entwarnung: „Bisher sind vor allem Rosinen, Safran und Pistazien betroffen“, sagte er im Gespräch mit der F.A.Z. Aber: „Sollte der Konflikt länger andauern, könnten mittelfristig wegen steigender Transport- und Verpackungskosten auch Lebensmittel teurer werden.“
Rewe-Gruppe macht Rekordumsatz
Die unsichere politische und wirtschaftliche Weltlage macht Rewe nach eigenen Angaben zu schaffen. Angesichts dieser Herausforderungen freute sich Souque über ein Wachstum von vier Prozent. Damit erwirtschaftet die Rewe-Gruppe (mit Penny und Tourismus-Sparte) einen Rekordumsatz von etwas mehr als 100 Milliarden Euro. Das löst aber längst nicht bei jedem Begeisterung aus. Kritiker sehen in den steigenden Umsätzen und entsprechenden Marktanteilen der vier großen Supermarktketten einen wichtigen Grund für die höheren Lebensmittelpreise der vergangenen Jahre.
Aktuelle Übernahmepläne befeuern diese Kritik. Mit Migros zieht sich der bisherige Eigentümer der Tegut-Märkte aus Deutschland zurück und will die rund 300 Filialen bis Ende des Jahres verkaufen. Der deutsche Marktführer Edeka möchte rund 200 Filialen übernehmen, die Rewe-Gruppe 40. Souque spricht im F.A.Z.-Gespräch von drei Tegut-Filialen, die an Penny gehen sollen, und der Rest an Rewe.
Kritiker befürchten steigende Marktmacht der Supermärkte
Der Marktanteil von Tegut betrug zuletzt weniger als ein Prozent. Dennoch fürchten Kritiker, dass die Marktmacht der Supermärkte weiter wachsen könnte. „Wir sehen die aktuell geplante Übernahme von Tegut-Filialen durch Edeka und Rewe kritisch“, teilte die Monopolkommission mit. Sie ist ein Beratergremium der Bundesregierung, das den Wettbewerb hierzulande beobachtet und Empfehlungen gibt. 2024 sei der Marktanteil von Rewe (mit Penny), Edeka (mit Netto), Lidl (mit Kaufland) sowie Aldi Süd und Nord auf 87,7 Prozent gestiegen.
Ist diese Konzentration problematisch? Die Monopolkommission sieht einen Hinweis dafür im relativ starken Anstieg der Lebensmittelpreise in Deutschland. „Wir können nicht einerseits die hohe Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel der vier großen Konzerne beklagen und andererseits zusehen, wie die letzten kleineren Wettbewerber von genau diesen Unternehmen übernommen werden“, heißt es weiter.
„Wir machen uns nicht die Taschen voll“
Rewe-Chef Souque entgegnet: „Wenn Sie sich unsere Umsatzrendite anschauen, kann man wirklich nicht behaupten, dass wir uns die Taschen vollmachen.“ Tatsächlich erzielte die Rewe-Gruppe schon mal bessere Ergebnisse. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) ging 2025 um 25 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro zurück. Noch deutlicher ist der Rückgang des Jahresüberschusses von fast 50 Prozent auf 525 Millionen Euro. Auch der Anteil des Jahresüberschusses gemessen am Gesamtumsatz nahm ab: Diese Marge betrug 2025 rund 0,6 Prozent nach 1,2 Prozent (2024) und 0,9 Prozent (2023). 2025 drückten nach den Angaben von Rewe vor allem die Ausgaben für die neue Rewe-App die Gewinnzahlen.
Von Souque heißt es auf F.A.Z.-Nachfrage: Auch die Marge der einzelnen Sparten von Rewe und Penny sei gesunken. Die hohe Marktkonzentration führe zu einem Preiskampf, der die Preise drückt – und eben nicht steigen lässt. Widerspruch kommt von Rainer Lademann, Honorarprofessor an der Universität Göttingen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Marktmacht der Supermärkte – und macht sich Sorgen über die langfristige Entwicklung. Nach seinen Berechnungen konnte der Handel seine Verkaufspreise Jahr für Jahr im Durchschnitt um etwa 0,5 Prozent über der eigenen Kostensteigerung erhöhen.
Eigenmarken von Supermärkten und Discountern kosten exakt gleich viel
Sven Reuter, Chef der Preisvergleichsplattform Smhaggle, hat kein Problem mit den Gewinnen der Supermärkte. Er stört sich an einer anderen Entwicklung: Nach seiner Analyse kosten die vergleichbaren Eigenmarken-Artikel überall auf den Cent genau gleich viel – völlig egal, ob bei Rewe, Aldi, Lidl oder Edeka. Mit Ausnahme von Obst und Gemüse gilt das aus seiner Sicht auch für Markenartikel. Diese Aussagen beziehen sich auf die Regalpreise, Unterschiede bestünden lediglich durch Aktionspreise. Von „Tiefpreisen“ und einem „Preiskampf“ zu sprechen, wie es zum Teil auch Rewe tut, hält er deswegen für „Verbrauchertäuschung“.
Darauf angesprochen, lächelt Souque zunächst: „Ich finde es erst mal schön, dass anerkannt wird, dass unsere Eigenmarken nicht teurer sind als jene von Aldi oder Lidl.“ Das wüssten die meisten Deutschen gar nicht. Dann wandern seine Mundwinkel wieder nach unten: „Wir prüfen die Preise der Mitbewerber und wollen genauso günstig sein“, sagt er. „Was soll daran schlecht sein?“ Auch die Kritik von Reuter, dass die Preise der Eigenmarken in den vergangenen Jahren ähnlich stark gestiegen sind wie jene der Markenartikel, will Souque nicht stehen lassen. „Der durchschnittliche Preis unserer Eigenmarken ist 2026 überhaupt nicht gestiegen.“
Zumindest hinsichtlich der Übernahme der Tegut-Filialen dürfte es in diesem Jahr mehr Klarheit geben. Den Verkauf der Standorte prüft derzeit das Bundeskartellamt. Dessen Präsident Andreas Mundt versprach am Mittwoch auf dem Karrierenetzwerk Linkedin, unter anderem die Margenentwicklung und die Erhebung von Preisdaten in den Märkten zu prüfen. Ergebnisse sind in fünf Monaten zu erwarten.