Politische Macht und Computer: Sind wir nicht mehr da falsch verbunden?
Zwei pubertäre Jungs fälschen das Chat-Profil eines fiktiven gleichaltrigen Mädchens und ködern einen schüchternen Mitschüler von dort aus mit sexualisierten Bildern der Erfundenen. Er soll mit entsprechenden Selfies antworten. Als er das tut, stellen sie sein Bild ins Netz und treiben ihn so in einen Versuch, sich umzubringen.
Der Vater eines der beiden grausamen Dummköpfe ist Cyber-Detektiv, der gerade versucht, einen Fall von Identitätsklau aufzuklären: Jemand hat die Konten eines jungen Ehepaars leer geräumt; die dafür nötigen persönlichen Daten wurden wohl über eine Online-Selbsthilfegruppe gestohlen, in der die bestohlene Frau versucht hat, den Verlust ihres an plötzlichem Kindstod gestorbenen Babys zu verarbeiten. Während der Vater eines der beiden Sex-Mobbing-Täter nun also ihr und ihrem Mann hilft, hat der Vater des Mobbing-Opfers es als Anwalt mit einer Journalistin zu tun, die einen Minderjährigen, der sich per Porno-Livestream prostituiert, durch ihre Recherche in große Gefahr gebracht hat.
Sex, Mobbing, Kriminalität, tödliche Einsamkeit: Das ist der Inhalt des außergewöhnlich dichten und doch zu keinem Zeitpunkt formal oder inhaltlich überfrachteten Films „Disconnect“ von Henry-Alex Rubin, der schon 2012 wusste, wie die Menschen in den technisch am weitesten entwickelten Gesellschaften bald würden leben müssen.
Die Graphentheorie hat für sehr viele Menschen ernste Folgen
Der Titel spielt der Handlung einen Streich: Unverbunden, „disconnected“, sind die von Charakterstars wie Frank Grillo, Jason Bateman, Alexander Skarsgård und Andrea Riseborough gespielten Hauptfiguren des Dramas gerade nicht; im Gegenteil, ihre Verbindungen (deren Manifestationen als Text oder Lichteffekt der Film mit stiller Evidenz ins Bild setzt) sind für sie das, was in der antiken Tragödie „Schicksal“ hieß. Wir haben heute ein mathematisches Wort dafür: Dieser Film erzählt einen „Graphen“.
Ein Graph ist eine Struktur aus einerseits Ecken, Knotenpunkten, „Nodes“ (A, B, C: der Täter, das Opfer, der Vater, das Kind und so weiter) und andererseits verbindenden Kanten, Kurven, „Edges“ (die Tat, die Vaterschaft, die Hilfe und so fort). Die bekanntesten Graphen sind „plättbar“ oder „planar“: Wenn man sie in die Ebene legt, schneiden ihre Kanten einander nicht (man kann je nach Definition auch eine einzige Ecke in einer Schleife mit sich selbst verbinden). Erweitert man den planaren Graphen der „Disconnect“-Filmhandlung in die den Film enthaltende Realwelt der Regie, des Produktionspersonals und des Publikums, wird ein „Hypergraph“ ahnbar, bei dem eine Hyperkante beliebig viele Hyperecken in beliebig vielen Dimensionen verbinden kann (das heutige Rechnerwesen kennt im sogenannten „hypergraph computing“ dramatische Anwendungen dieser Perspektive).
Was ist ein Graph?
Verglichen mit Kätzchenfilmen auf Tiktok ist die Graphentheorie unbekannt genug, dass man sie verborgen, geheim, okkult nennen kann. Das ist nicht gut, denn etwas, das für sehr viele Menschen ernste Folgen hat, sollten auch viele Menschen kennen. Der PageRank-Algorithmus zum Beispiel, der die Firma Google groß gemacht hat, behandelt das World Wide Web als Graphen, und die „sexuelle Soziabilität“ der „heißen Verbindungen“ auf Datingplattformen ergänzt solche extensiven Anwendungen der Graphenlehre um intensive (das jüngst erschienene, drastisch Augen öffnende Buch „Hot Connections“ über drei Intim-Apps in Schweden, Estland und Finnland von Jenny Sundén, Susanna Paasonnen und Katrin Tiidenberg erzählt davon Geschichten, aus denen sich sofort eine Fortsetzung von „Disconnect“ machen ließe). Auch das Geistesleben ist betroffen, etwa das sich unter dem Einfluss von Lesemarkt-Algorithmen verändernde Lektüreverhalten (auch dazu gibt es bereits kluge Literatur, etwa einen bündigen Exkurs über Graphen in Christoph Engemanns anregendem Essay „Die Zukunft des Lesens“ aus dem letzten Jahr).
An der Wiege der Graphentheorie standen Fragen wie die nach der optimalen Route über ein System von Brücken (Wladimir Velminski hat die Quellen dazu in Gestalt einer gescheiten Auswahl von Schriften des Mathematikers Leonhard Euler unter dem Titel „Die Geburt der Graphentheorie“ 2009 herausgegeben). Das Wort „Graph“ in seiner heutigen Fachverwendungsweise hat der Gelehrte James Joseph Sylvester Ende des neunzehnten Jahrhunderts geprägt, interessanterweise im Rahmen von Überlegungen zu Chemie, das heißt, in einem wissensgeschichtlichen Resonanzraum, in dem Goethe rund hundert Jahre zuvor schon einen Roman über erotische und andere Neigungsbeziehungen, „Die Wahlverwandtschaften“ (1809), hatte spielen lassen.
Der Romantitel war ein Gruß des Dichters an den schwedischen Naturforscher Torbern Olof Bergman, Verfasser der Abhandlung „De attractionibus electivis“ (1775) und ein großer „Scheidekünstler“, wie man auf Deutsch die Chemiekundigen lange nannte. In Goethes Buch spricht sich Charlotte ausdrücklich gegen das chemisch-analytische Scheiden und Zergliedern aus, gegen Reduktionismus: „Das Vereinigen ist eine größere Kunst“, sagt sie. Da spricht sie als „Konnektionistin“, lange bevor dieser Begriff erfunden wurde, der heute unter anderem diejenigen bezeichnet, die das menschliche Denken mittels künstlicher neuronaler Netzwerke imitieren wollen, in denen Verbindungen zwischen Rechenzellen und deren Gewichte „Künstliche Intelligenz“ prozessieren sollen.
Die Kunst macht mit
Charlottes Affinität zum Verbindungsdenken erlebt in unseren Tagen auch außerhalb der Computerwissenschaften eine Hausse, oft in Gleichnissen auf das Folgern und Schließen („Inferenzen“) im Einzelnen wie im (sozial) Allgemeinen; aber die Computerseite der Sache ist gewiss die sensationellste, etwa wenn Anfang 2026 Donald E. Knuth, ein Informatiker, der als Verfasser des mehrbändigen Kompendiums „The Art of Computer Programming“ (1997 bis 2022) das Triftige mit dem Schönen zusammenzudenken gewohnt ist, sich bis zum ungläubigen Staunen („Shock! Shock!“, schreibt er selbst) beeindruckt zeigt vom Vermögen des KI-Systems Claude, ein verzwicktes graphentheoretisches Problem zu lösen.
Die Kunst macht mit – von den öffentlich „aktiven Räumen“ der Installationskünstlerin Janet Echelman bis hin zu Christina Kubischs Cloud-Klang-Experimenten. Und die Lebenswissenschaften behandeln unser Hirn neuerdings sehr gern als ein „Konnektom“, also einen Graphen und somit ein Abbild (oder umgekehrt: Urbild) des Sozialen mitten im Biologischen. Aus der Logopädie heißt es derweil anekdotisch, ein Mensch mit intaktem Sprachvermögen, den man mit einem anderen zusammensperrt, dessen verbale Kommunikation stark beeinträchtigt ist, verlerne rasch, was zur Verständigung nötig ist.
Das mag man kurzschließen mit der Binsenweisheit, dass in einem herkömmlichen Klassenzimmer mit Frontal- oder Gruppenunterricht „die Langsamen das Lerntempo aller bestimmen“ – die Einzelnen, die sprechen oder lernen, leben in Graphen, und der Aufnahmefähigkeit eines Kinderkopfs ist nicht nur eine heimische Umgebung abträglich, in der Armut oder Enge das Üben erschweren bis verhindern, sondern auch das allzu fürsorgliche Elternhaus mit privilegierter Verzärtelung, in dem die Kleinen lernen, dass sie nichts zu lernen brauchen, weil für sie eh gesorgt ist.
Graphen zerren und drücken, strecken und stauchen ihre Punkte sogar geopolitisch: Lenin dämmerte schon im Vorfeld des Ersten Weltkriegs die hohe Umsturzempfänglichkeit der jeweils „schwächsten Kettenglieder“ transnationaler Beziehungen im imperialistischen Weltwirkungskreis; noch die Zerstörung imperialer Kolonien-Netze nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigte den Einfall.
Heute aber interessiert sich keine linksrevolutionäre, sondern eine auf ganz andere Art disruptive Intelligenz für Ecken- und Kanten-, für Knoten- und Kurvengedankenspiele, vom Bannkreis des Wagniskapitals bis zur intellektuell ehrgeizigeren Lieferketten-Spekulation, wo man graphentheoretisch informierte Texte wie „Allocation in Networks“ (2018) von Jens Leth Hougaard studiert.
Auch Kryptowährungen und Blockchain-Technik hat Graphenaspekte
Auch die Diskussion um Kryptowährungen und die Blockchain-Technik hat ihre tiefen Graphenaspekte – das Peer-to-Peer-Transaktionswesen, das staatliche Geldpolitik unterlaufen soll, ist eine technologische Killer-App für Vertrauensprobleme bei der Verknüpfung von Wirtschaftssubjekten, die manchen Liberalen so süß im Ohr klingt wie der Satz des Digitalwirtschaftsexperten Arun Sundararajan: „Historisch war jede große Erweiterung wirtschaftlicher Aktivität von der Erschaffung einer neuen Sorte Vertrauen geprägt.“ Es geht um Rechen-Voreinstellungen, die der Wirtschaftsethiker Kevin Werbach in seiner Untersuchung „The Blockchain and the New Architecture of Trust“ (2018) dargestellt hat.
„Blockchain Governance“, Computerverwaltung als neue Regierungsform, wird im Umfeld dieser Ideen als eine Spielart der „technologischen Republik“ debattiert, auf die ruchlose Gestalten wie der Palantir-Mitbegründer Alex Karp hinauswollen – etwas, das sich dem ideologiekritischen Tranchiermesser weniger leicht öffnet als abgedrehtes Geschwätz von Schreckensmännern wie Curtis Yarvin oder Peter Thiel.
Was Karp und sein Ko-Autor Nicholas W. Zamiska mit dem Titel ihrer Abhandlung „The Technological Republic“ meinen, erschließt sich erst, wenn man es als Verschärfung einer Rhetorik entschlüsselt, die im Feld der US-Republikaner schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat: „Die USA sind eine Republik und keine Demokratie.“ Das soll heißen, es herrschen „keine Mehrheiten, sondern Gesetze und Repräsentationsinstanzen“. Deren Sache ist die „res publica“, und der Ersatz eben dieser Gesetze und Instanzen durch Software ist das Ziel von Karp und Konsorten, damit nicht der Pöbel an die Macht kommt, der im zwölften Kapitel des besagten Buches, „The Dis- approval of the Crowd“, als bescheuerter Mob dargestellt wird.

Diese brutale Elitenperspektive wird häufig „Faschismus“ genannt, aber das könnte sie bei ausreichend unklarem Faschismusbegriff geradezu verharmlosen; denn der historische Faschismus verwirklichte sich noch über (zum Beispiel rassistische) Gesetze und bewaffnete Verbände, die sie durchsetzten, nicht über alternativlose technische Einrichtungen, denen alle ausgeliefert sind, die arbeiten, verwaltet werden, etwas kaufen oder verkaufen müssen und so weiter. Die von den Techno-Irren erstrebte Administration privateigentümlicher Produktion per Computer opfert Flexibilität und Granularität (Rücksicht aufs Besondere), die in einer bedürfnisorientierten Gesellschaft vorkommen müssen, der abstrakten Akkuratesse autokratischer Algorithmen.
Granular und flexibel müssen in dieser Dystopie dafür dann die zahlreichen Besitzlosen sein. Schaffen sie das nicht, dann mäht der Digi-Darwinismus sie weg. Würde das Wirklichkeit, so schlösse sich ein arbeitshistorischer Kreis (oder: ein planarer Graph mit nur einer Ecke und nur einer Kante zöge sich zu wie eine Schlinge). An dessen Anfang standen Halseisen und Peitsche in direkter Sklaverei, dann kam abstraktere Machtausübung auf der Basis von Land- und anderem Ressourceneigentum, und endlich schuf das kapitalistische Vertragswesen die rein abstrakte Arbeit (du gibst mir deine Arbeitskraft, ich lenke sie ins Konkrete) – und jetzt? Alles auf Anfang, als Griff der Sklavereimaschine in den buchstäblichen Leib; sogar in den Kopf.
Der Sozialwissenschaftler James Flynn, nach dem der Effekt der allmählichen Steigerung von Intelligenztest- Ergebnissen in hoch entwickelten Gesellschaften benannt ist, hat den Unterschied zwischen traditionsgebundenen Gemeinwesen einerseits und funktional ausdifferenzierten modernen Gesellschaften andererseits einmal als Zuwachs des durchschnittlichen Abstraktionsvermögens bestimmt – wenn man die Alten fragte, was Hasen und Hunde gemeinsam haben, sagten sie „die Jagd“, weil Hunde konkret Hasen jagen, während die Modernen antworten können: „Beide sind Säugetiere“ (eine abstrakte Sortierleistung).

Man kann von der modernen Abstraktionshöhe aber leicht abstürzen und nur noch innere Bündel von Erregungen und Emotionen als Sortierkriterien der Welterfahrung gelten lassen; dann verwandeln sich die beiden Schauspieler Frank Grillo und Jason Bateman, eben noch in Intellektuellenrollen, auf dem grausigen Höhepunkt von „Disconnect“ in Höhlenmenschen, und die Spannung ihrer falschen Verbindung entlädt sich in Gewalt.
Verblödung ist ein sicherer Weg dahin, das fürchten jetzt viele und misstrauen ihren Smartphones und ihrer KI-Software. Recht so, aber bei der Technikkritik darf man nicht stehen bleiben; das wäre, als wollte man die negativen Sozialkosten der klassischen Großindustrie aus Gebrauchsanweisungen von Dampfmaschinen, Fließbändern oder Stechuhren herauslesen, ohne sich die Arbeitsverhältnisse zwischen Schicht und Sozialgesetzgebung, Kreditwesen, Gewerkschaften und Massenkonsum anzuschauen.
Was menschliche Potenzen fesselt oder befreit
Als die amerikanische Wissenschaftlerin Elizabeth Dworak 2023 die Ergebnisse ihrer Studie zum Nachlassen des Flynn-Effekts in den USA bekannt gab, erzeugte das eine Menge Aufsehen; fast unbeachtet blieb daneben eine bereits im September 2022 publizierte Arbeit namens „Learning in Networks – An Experiment on Large Networks with Real-world Features“ von Syngjoo Choi, Sanjeev Goyal und anderen, die sich mit den Informationsverarbeitungsfähigkeiten nicht von klugen oder dummen Individuen, sondern von Gruppen auseinandersetzte.
Dabei hatte sich ergeben, das je nach Beschaffenheit der internen Vernetzung (in drei Varianten: Zufall, Neigungsblöcke und Einfluss-Autoritäten) ein Kollektiv entweder ziemlich smart oder fürchterlich verblendet sein kann (mehr dazu lernt man aus Sanjeev Goyals Hauptwerk „Networks – An Economics Approach“ aus dem Jahr 2023). Soll heißen: Wer Kommunikationsgraphen festlegt und implementiert, fesselt oder befreit menschliche Potenzen.
Das ist natürlich ein anspruchsvollerer Gedanke als dumpf sozialdarwinistische Parolen wie „Die Intelligenten haben zu wenig Kinder“, gegen die nicht nur logisch-liberal, sondern auch empirisch mancherlei vorzubringen wäre. (Haben Sie schon einmal das Nachlassen des Flynn-Effekts innerhalb von Familien beobachtet? Und dass man geistig fordernde Jobs nicht unbedingt sorglos den Nachkommen derer zuschanzen kann, die diese Jobs einmal gemeistert haben, lehrt jedenfalls die Mittelstandsüberlieferung.)
Angenommen, jemand fände eine wirtschaftliche Graphenordnung (a fancy word für „Produktionsverhältnis“), die der gedeihlichen Selbstbestimmung einer größtmöglichen Personenzahl entgegenkäme. Dann ließe sich immer noch fragen: Sind Menschen tatsächlich dimensionslose Punkte ohne innere Beschaffenheit? Oder steckt was drin, was womöglich „computationally irreducible“ ist, wie Stephen Wolfram alles nennt, was sich durch keinen Algorithmus abkürzen lässt? Man muss nicht auf den Leib-Seele-Dualismus („Gefühl ist etwas anderes als ein elektrochemischer Vorgang“) vereidigt sein, um zu argwöhnen, dass einiges von dem, was „Big Tech“ jetzt wegdrängt, Bewahrung verdient. Wer an den Menschen wegdenkt, was sie nicht auf den Punkt bringt, hat sie theoretisch vernichtet. Dann fehlt nur noch ein Teufel, der dazu rät, das in die Praxis umzusetzen.
Source: faz.net