Mercosur lässt wünschen: Brasilien ist mehr wie nur ein Rohstofflieferant

In mehreren Werkshallen summen und rattern 450 Maschinen und Roboter. Sie werden mit Stahlbolzen unterschiedlichster Größe gefüttert und spucken glänzende, hochpräzise Komponenten aus. An anderer Stelle bauen Roboter verschiedene Teile zusammen. Hauseigene Ingenieure und Techniker überwachen die Produktion, erledigen die notwendigen Set-ups oder entwerfen und verfeinern die Programme. Neben einer Maschine füllt sich eine Schachtel mit Läufern für Elektromotoren, die in Reih und Glied nebeneinanderliegen. Auf der Schachtel steht in dicken Lettern: Made in Brazil.

Die Szene spielt bei SEW Eurodrive in Indaiatuba, einer Stadt mit rund 270.000 Einwohnern im Industriegürtel der Metropole São Paulo. Hier hat das deutsche Familienunternehmen mit Sitz in Bruchsal im Jahr 2010 ein hochmodernes Werk eröffnet. Es ist heute das Herzstück von SEW in Brasilien, wo das Unternehmen seit 1978 präsent ist und neben der Fabrik in Indaiatuba landesweit zwei Montagewerke sowie 16 Verkaufs- und Servicestandorte mit insgesamt rund 1700 Direktangestellten betreibt. Das Werk in Indaiatuba ist den Kinderschuhen längst entwachsen.

Mehr als 270 Ingenieure, von denen zahlreiche im Betrieb ausgebildet worden sind, arbeiten an der Weiterentwicklung des Standorts. Einige Produkte von SEW wurden und werden hier entwickelt. Andere werden von Brasilien aus in die ganze Welt exportiert, selbst nach Deutschland. Das Geschäft entwickelt sich gut. In diesem Jahr soll der Umsatz die Marke von zwei Milliarden Reais knacken, rund 360 Millionen Euro, was einer Vervierfachung in den vergangenen zehn Jahren entspricht. Auch die Investitionen zeigen steil nach oben. SEW plant den Ausbau des Werks, das überdies laufend modernisiert wird.

80 Prozent erneuerbare Energieträger

Dass ein deutscher Antriebsspezialist in Brasilien so stark wächst, hat mit der Struktur der dortigen Wirtschaft zu tun. Brasilien macht längst nicht mehr dieselben Höhenflüge wie noch vor 20 Jahren. Das Wachstum der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas ist in den vergangenen Jahren abgeflacht und dürfte nach 2,3 Prozent im Vorjahr in diesem Jahr knapp unter zwei Prozent liegen. Auch die Industrie wächst nur moderat. Einer der stärksten Wachstumstreiber ist seit Jahren der Agrarsektor, der im vergangenen Jahr zweistellig zugelegt hat. Wer diesen Antriebsmotor der brasilianischen Wirtschaft sucht, wird unweit von Indaiatuba fündig.

Dort, im fruchtbaren Hinterland von São Paulo, werden in rauen Mengen Zuckerrohr und Ethanol sowie andere Agrarprodukte wie Orangen oder Kaffee produziert. Weiter im Westen befindet sich die brasilianische Getreidekammer. Knapp 60 Prozent des weltweit exportierten Sojas stammen aus Brasilien. Beim Zucker sind es 65 Prozent, beim Kaffee 31 Prozent, beim Orangensaft 74 Prozent. Der Anbau und die Verarbeitung dieser Produkte sind hochindustrialisiert. Und wo Bewässerungsanlagen, Lagersilos, Mühlen oder andere Geräte gebraucht werden, kommen die Motoren und Getriebe von SEW ins Spiel.

Die Agrarwirtschaft sei das wichtigste Standbein von SEW in Brasilien, sagt der Geschäftsführer Alexandre dos Reis. Doch sie ist längst nicht das Einzige. Neben dem Agrarsektor beliefert SEW in Brasilien beispielsweise auch Bergbaukonzerne sowie Unternehmen der Metall- oder der Zelluloseindustrie.

Von zunehmender Bedeutung ist der Energiesektor, der in Brasilien zu mehr als 80 Prozent auf erneuerbarer Energie beruht. Gerade im Bereich der Windenergie hat SEW einen wichtigen Markt gefunden, der durch die Nachfrage nach grünem Wasserstoff weiter wachsen könnte. „Brasilien ist wie ein Kontinent“, sagt Dos Reis. Hier gebe es eine Vielzahl von Anwendungen, für die SEW Lösungen anbietet oder direkt am Standort entwickelt.

Produktion in Brasilien: Das Land ist vielfach  auch Entwicklungsbasis und Sprungbrett in andere Länder Südamerikas.
Produktion in Brasilien: Das Land ist vielfach  auch Entwicklungsbasis und Sprungbrett in andere Länder Südamerikas.Deutsche Messe AG/Rainer Jensen

Von dieser Breite profitieren direkt und indirekt auch viele der mehr als 1200 deutschen Unternehmen, die in Brasilien präsent sind, 900 davon allein im Bundesstaat São Paulo. Sie bilden eines der dichtesten deutschen Industrienetzwerke außerhalb Europas. Viele sind seit Jahrzehnten im Land, manche deutlich länger, und haben sich in Branchen wie Automobil, Maschinenbau, Chemie, Pharma oder Elektrotechnik fest etabliert. Brasilien ist für sie nicht nur ein Absatzmarkt, sondern vielfach auch Produktionsstandort, Entwicklungsbasis und Sprungbrett in andere Länder Südamerikas. Wer hier über lokale Präsenz, Service und langfristige Kundenbeziehungen verfügt, kann Vorteile ausspielen, die sich aus Deutschland allein kaum erschließen lassen.

Rund eine Fahrstunde von Indaiatuba entfernt befindet sich der Sitz von De Marchi. Das Unternehmen hat sich über drei Generationen von einem Landwirtschaftsbetrieb zu einem Lebensmittelhersteller mit 4000 Mitarbeitern entwickelt, der die gesamte Produktionskette vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Vertrieb einer breiten Produktpalette abdeckt. In einer der Fabrikhallen werden gerade Karotten zu kleinen Würfeln verarbeitet und abgepackt. Sie landen später im Tiefkühlregal von Supermärkten. Wer sich mit Automatisierungstechnik auskennt, erkennt in einigen der Verpackungsmaschinen die computergesteuerten „Mover“ von Beckhoff Automation, einem der weltweit führenden Unternehmen in der Automatisierungstechnik mit einem Jahresumsatz von 1,25 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Schwerpunkt Energiewende: „Hier ist eine grüne Produktion möglich“, sagt Marcia Nejaim, Regionalvertreterin von Apex.
Schwerpunkt Energiewende: „Hier ist eine grüne Produktion möglich“, sagt Marcia Nejaim, Regionalvertreterin von Apex.Deutsche Messe AG

Lediglich etwas mehr als elf Prozent davon erwirtschaftet Beckhoff in Nord- und Südamerika. Brasilien, wo Beckhoff sich vor 20 Jahren niedergelassen hat und heute 32 Mitarbeiter beschäftigt, sei das „Tor zu Südamerika“, hält Landesmanager Marcus Giorjiani fest. Das Geschäft in Brasilien sei vergleichsweise klein in Zahlen, doch es sei wichtig, hier zu sein. Etliche Unternehmen aus der Lebensmittel- und Kosmetikbranche sowie aus dem Energiesektor setzen auf die Technologie des deutschen Unternehmens, darunter auch ganz große wie der Fleischproduzent JBS oder der brasilianische Kosmetikhersteller Natura. Das Wachstum in Brasilien liegt bei zehn bis 15 Prozent, wobei Raum nach oben besteht. Brasilien sei breit aufgestellt, habe stabile Verhältnisse, zudem gebe es gute Signale, sagt Giorjiani.

Die Agrarwirtschaft ist das wichtigste Standbein von SEW in Brasilien.
Die Agrarwirtschaft ist das wichtigste Standbein von SEW in Brasilien.Deutsche Messe AG/Rainer Jensen

Mit den guten Signalen ist zum einen eine Steuerreform in Brasilien gemeint, die die Besteuerung von Unternehmen vereinfacht und damit konkrete Entlastung bringen soll. Gemeint ist aber vor allem das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur, das mittelfristig die Importe nach Brasilien günstiger machen und dadurch europäischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte. Das Abkommen ist nicht mehr nur eine ferne Perspektive. Nach der Unterzeichnung im Januar und den anschließenden Ratifikationsschritten soll der Handelsteil des Abkommens bereits ab Mai vorläufig gelten – jedenfalls für jene Mercosur-Staaten, die ihre Verfahren fristgerecht abgeschlossen haben. Für europäische Unternehmen ist das relevant, weil Einfuhrzölle auf mehr als 91 Prozent der EU-Warenausfuhren in Mercosur-Länder schrittweise entfallen sollen. Besonders interessant ist das für Branchen wie Maschinenbau, Chemie, Pharma sowie Auto- und Autoteileindustrie. Hinzu kommen Erleichterungen bei Dienstleistungen, öffentlicher Beschaffung und Zollverfahren. Politisch unumstritten ist der Deal damit freilich nicht. Im Europaparlament und in mehreren Mitgliedstaaten gibt es weiterhin Widerstand.

„Wir sollten davon profitieren“, sagt Guillaume Dupont, CEO Americas beim Kabelhersteller Lapp. Das Stuttgarter Unternehmen, das seit über 20 Jahren in Brasilien präsent ist, importiert den größten Teil seiner Produkte und entrichtet dafür von Tür zu Tür Zollabgaben von rund 25 Prozent. „Das Abkommen dürfte vor allem auch der lokalen Industrie Impulse geben, wovon wir indirekt profitieren“, sagt Dupont, der wenige Minuten zuvor das Band zur Eröffnung des neuen Lagers von Lapp am Rande von São Paulo durchgeschnitten hat. Brasilien ist der einzige Vertriebsstandort von Lapp in Südamerika. Von hier aus bedient der Kabelhersteller eine ganze Palette von Kunden aus der Industrie, von Lebensmittelproduzenten über die Autoindustrie bis hin zu Herstellern von Windturbinen. Im vergangenen Jahr hat Lapp den lokalen Hersteller und früheren Vertriebspartner Eurocabo übernommen und damit seine Marktposition in Brasilien gestärkt. Eines der Ziele von Lapp sei, stärker außerhalb Europas zu wachsen. Brasilien, wo Lapp im vergangenen Jahr mehr als 10.000 Kilometer Kabel verkauft hat – ungefähr die Distanz zwischen Brasilien und Deutschland –, soll dabei eine immer wichtigere Rolle spielen.

Schilder heißen Besucher auf der Hannover Messe 2026 willkommen.
Schilder heißen Besucher auf der Hannover Messe 2026 willkommen.Picture Alliance

Das Freihandelsabkommen dürfte vielen deutschen Unternehmen in Brasilien und im restlichen Mercosur-Raum entgegenkommen. Doch die Konkurrenz ist damit nicht weg. „Wie viel dieses Abkommen bringen kann, muss sich noch zeigen“, sagt Marius Meiß, Pressereferent des Verbandes der Elektro- und Digitalindustrie. Alle wüssten, dass die Deutschen gute Produkte machen. Doch die Chinesen seien nicht einfach nur billig, sondern immer besser. Das sei eine echte Konkurrenz, gerade auch in Märkten wie Brasilien, sagt Meiß. Brasilien werde in Deutschland sehr unterschiedlich wahrgenommen. Einige Unternehmen der Branche hätten eine dezidierte Strategie hier, die Mehrzahl jedoch nicht. „Wir müssen diesen Wettbewerb annehmen, und wir sind überzeugt, dass wir uns behaupten können.“

Auch die Maschinenbauer müssen sich in Brasilien gegen die billige Konkurrenz aus China behaupten, dem größten Maschinenlieferanten nach Brasilien. „Wir haben gute Wachstumsraten im Export nach Brasilien“, sagt Holger Paul, Leiter Kommunikation beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Doch das Geschäft sei stark abhängig von einigen Sektoren wie der Agrar- und Bergbauindustrie und zusehends auch dem Energiesektor. In anderen Bereichen sei Brasilien keine große Nummer. „Wir sehen zum Beispiel, dass sich die Automatisierung für viele Betriebe in Brasilien gar nicht lohnt, weil das Lohnniveau derart tief ist.“ Paul glaubt, dass das Freihandelsabkommen das ändern könnte – nicht von heute auf morgen, aber über die nächsten zehn Jahre. „Das Szenario verändert sich. Die Märkte öffnen sich, hinzu kommen die Schwierigkeiten mit China und den USA. Da öffnet sich gerade ein Fenster“, sagt Paul. Es sei offensichtlich, dass Brasilien und die Unternehmen hier sich modernisieren und verbessern wollten. „Dieser Spirit, dass man nun auch mit dem Mercosur-Abkommen die Geschäftschancen nutzen will, ist viel stärker als in Europa“, sagt Paul.

Diesen Geist will Brasilien als Gastland auf die Hannover Messe tragen. Mehr als hundert Aussteller aus Brasilien werden dort präsent sein, dazu Dutzende Start-ups. Man habe lange nicht genau gewusst, was man auf der Messe zeigen wolle, gesteht Márcia Nejaim, die Regionalvertreterin der brasilianischen Agentur für Export- und Investitionsförderung Apex. Brasilien sei ein Kontinent. Schwerpunkte wird das Gastland bei Themen wie Energiewende und Digitalisierung setzen. „Hier ist eine grüne Produktion möglich. Wir wollen ein modernes und technologisches Brasilien zeigen“, sagt Nejaim. Aber auch strategische Bereiche wie sein Reichtum an Seltenen Erden sollen in Hannover bewusst ins Zentrum gerückt werden. Brasilien hat die zweitgrößten Reserven an Seltenen Erden, die allerdings noch kaum erschlossen sind.

Eines der Merkmale der Hannover Messe ist die enge Verknüpfung von Industrie und Politik. Gemeinsam mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der sich im Rahmen der Messe mit Bundeskanzler Friedrich Merz trifft, werden rund 500 offizielle Delegationsmitglieder anreisen. „Das ist eine Zahl, die wir so selten haben“, sagt Onuora Ogbukagu, Unternehmenssprecher der Deutschen Messe. Brasilien sei ein Land mit extrem vielen Chancen, in dem viele deutsche Unternehmen schon seit langer Zeit präsent seien. Hinzu komme, dass Deutschland und Brasilien ein sehr ähnliches Wertefundament hätten, sagt Ogbukagu, der glaubt, dass auf der Hannover Messe auch auf politischer Ebene entscheidende Weichen gestellt werden könnten. Das Interesse sei groß. „Aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage könnte es im Moment vermutlich kein besseres Gastland geben.“