F.A.Z.-Konjunkturbericht: Droht dem Euroraum die Stagflation?

Den befristeten Waffenstillstand und das Hin und Her zwischen Iran und den Vereinigten Staaten über die Öffnung der Straße von Hormus für den Schiffsverkehr deuten viele Beobachter als Zeichen, dass der Irankrieg sich dem Ende nähert. Damit gewinnen die Szenarien an Plausibilität, nach denen einige Wochen des Krieges und der Verspannungen an den Öl- und Gasmärkten die Weltwirtschaft nicht aus dem Gleis werfen werden. Doch die Unsicherheit bleibt groß, solange die Kontrahenten sich nicht endgültig auf Frieden geeinigt haben.
Bislang sind die Folgen des Energiepreisschocks und von Versorgungsengpässen vor allem in Asien zu spüren. Aber auch für Europa steht wirtschaftlich viel auf dem Spiel. Je nach Dauer und Ausmaß des Krieges könnte die Wirtschaft in der Europäischen Union in diesem Jahr um 1,3 Prozent, im schwerwiegenden Fall aber auch nur um 0,5 Prozent wachsen. Diese Spanne zeigt eine Risikoanalyse, die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) gerade vorgelegt haben.
Die Szenarien unterscheiden sich in den Inflationsfolgen und im unterstellten Anstieg der langfristigen Zinsen, vor allem aber in den angenommenen Energiepreisen. Im Basisszenario unterstellt der IWF einen Anstieg des Ölpreises aufs Jahr gesehen um etwa 20 Prozent, der sich, beginnend in diesem Quartal, binnen zwölf Monaten normalisiert haben werde. Im schweren Szenario wird angenommen, dass der Ölpreis sich verdoppelt, der Gaspreis in Europa sich verdreifacht und dass es bis 2028 dauern wird, bis die Energiepreise wieder auf Vorkriegsniveau gesunken sein werden.
Die bisherige Entwicklung deutet eher in Richtung Basisszenario, das der IWF seiner aktuellen weltwirtschaftlichen Vorausschau unterlegt. Nach dem Preissturz am Freitag lag der Brent-Ölpreis bei etwa 90 Dollar je Barrel (zu 159 Litern) oder etwa 30 Prozent höher als vor Beginn des Krieges. In Europa fiel der Terminkurs für Gas auf knapp 39 Euro je Megawattstunde und lag 22 Prozent über dem Vorkriegsniveau.
Das ist weit entfernt von dem schweren Szenario, in dem Europa so etwas wie eine Stagflation, eine Zeit der wirtschaftlichen Stagnation mit hoher Inflation, drohen würde. In diesem Krisenszenario des IWF steigt die Inflationsrate in der Europäischen Union im kommenden Jahr auf fast fünf Prozent. Im Basisszenario dagegen, das der IWF derzeit für am wahrscheinlichsten hält, steigt die Inflation in Europa in diesem Jahr zwar deutlich an, gäbe im kommenden Jahr aber schon wieder nach.
Für den Euroraum prognostiziert der IWF einen Anstieg der Inflation von 2,1 auf 2,6 Prozent in diesem und einen Fall auf 2,2 Prozent im kommenden Jahr. Es wäre ein kurzfristiger Energiepreisschock, den Notenbanken gerne „durchlaufen“ lassen. Doch warnt der IWF auch, dass nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre das Risiko von Zweitrundeneffekten höher sei als normal. Gemeint ist damit zum Beispiel, dass die Gewerkschaften in den Tarifrunden Inflationsaufschläge verlangen, die den Preisdruck erhöhen könnten. Im März stieg die Inflationsrate im Euroraum auf 2,6 Prozent. Die Europäische Zentralbank, so vermuten die IWF-Ökonomen, werde den Leitzins in diesem Jahr in zwei Schritten um je 0,25 Prozentpunkte anheben.
Für europäische Verhältnisse ist das erwartete Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Basisszenario mit 1,1 und 1,2 Prozent in diesem und im kommenden Jahr für den Euroraum nicht außergewöhnlich niedrig. Dabei ist eingerechnet, dass der Energiepreisschock gemäß der IWF-Prognose jedoch in beiden Jahren zusammen etwa 0,5 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kostet. Der Irankrieg brächte demnach eine Wachstumsdelle.
Zwischen den Eurostaaten sind die Auswirkungen des Irankriegs ungleich verteilt, je nach Grad der Abhängigkeit von importierter Energie. Auch die Weltwirtschaft wird wegen des Energiepreisschocks schwächer wachsen, sodass Länder, die wie Deutschland stärker am Export hängen, stärker getroffen werden. Für Deutschland kalkulieren die IWF-Ökonomen ein Wachstumsminus als Folge des Energiepreisschocks über beide Jahre von 0,6 Prozentpunkten, für den Gegenpol Frankreich von nur 0,3 Prozentpunkten.
Als Folge der schuldenfinanzierten steigenden Staatsausgaben in Deutschland würde der hiesige Zuwachs des BIP sich von zuletzt 0,2 über 0,8 in diesem auf 1,2 Prozent im kommenden Jahr beschleunigen. Für Frankreich erwarten die Ökonomen dagegen bis 2027 nur ein konstantes Wachstum von 0,9 Prozent. Dabei spielt hinein, dass es um die finanzpolitische Lage jenseits des Rheins schlechter steht als hierzulande.
Die verfügbaren harten Konjunkturdaten aus dem Euroraum reichen bis Februar. Sie zeigen nach Einschätzung der Ökonomen von Oxford Economics, dass die konjunkturelle Dynamik im europäischen verarbeitenden Gewerbe schon vor dem Irankrieg schwach war. Die Industrieproduktion legte im Februar um 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat zu; ohne die stark verzerrten irischen Daten schrumpfte die Industrieproduktion um 0,1 Prozent. In den großen Eurostaaten Deutschland, Frankreich und Spanien ging die Produktion zurück, Italien wies ein kleines Plus aus. Als treibende Kraft der Industrie im weiteren Jahresverlauf gilt der deutsche fiskalpolitische Nachfrageimpuls.
Die Umfrage von S&P Global unter Einkaufsmanagern der Industrie im März – nach Beginn des Irankriegs – zeigte einen drastischen Anstieg der Einkaufspreise und deutlich gesunkene Erwartungen für die künftige Entwicklung. Das deutet auf mögliche inflationäre Zweitrundeneffekte des Energiepreisschocks hin, aber auch auf die vom IWF prognostizierte konjunkturelle Verlangsamung. Die Länge des Irankriegs wird letztlich entscheiden, welche Kraft in diesem Jahr stärker sein wird: der deutsche Fiskalimpuls, der die Eurokonjunktur nach oben zieht, oder der Energiepreisschock, der die Wirtschaft belastet.