Kritik an hohen Abgaben: Ryanair streicht in Deutschland 24 Strecken und 800.000 Sitze

Normalerweise trumpfen Manager von Fluggesellschaften groß auf, wenn sie nur ein paar neue Strecken anzukündigen haben. Beim irischen Billigflieger Ryanair ist das anders. Der schickt mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit Manager nach Deutschland, damit die erklären, dass Ryanair abermals das Angebot von und nach Deutschland kürzt. Nun war es wieder soweit.
„Schlechte Nachrichten für Deutschland“ habe er mitgebracht, sagte Dara Brady, der Marketing-Chef von Ryanair während eines Termins in Berlin. Ryanair setze seine Kürzungen hierzulande fort. Für das Winterhalbjahr streiche die Gesellschaft 24 Strecken komplett, auf weiteren werde gekürzt. Insgesamt fielen im Deutschland-Verkehr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 800.000 Sitzplätze weg.
Die Begründung für diese Kürzung ist dieselben wie bei den vorangegangenen. Brady beklagt zu hohen staatliche Abgaben. Unter der Ampel-Regierung von Kanzler Olaf Scholz war sie zuletzt im Mai 2024 um 24 Prozent herausgesetzt worden, die Gebühren für Sicherheitskontrollen und Fluglotsen steigen ebenso. Der mögliche Höchstbetrag für die Kontrollen war von 10 auf 15 Euro je Passagiere herausgesetzt worden, an einer Vielzahl von Flughäfen schnellste er direkt deutlich über die bisherige Obergrenze.
„Woanders können wir mehr verdienen“
Ryanair zieht abermals Konsequenzen. „Wir könnten in Deutschland mehr Flugzeuge stationieren, aber warum sollen wir das machen, wenn wir woanders mehr verdienen können?“, fragte Brady. In Deutschland zu wachsen, ergebe für Ryanair einfach keinen Sinn mehr. Die Zahl der hierzulande stationierten Flieger sinke zum Winter nun um zwei auf 29 der insgesamt mehr als 600 Ryanair-Jets.
Stattdessen expandiere man in Skandinavien, vor allen in Stockholm, nachdem Schweden die Ticketsteuer abgeschafft habe. Auch Marokko ist für den Billigflieger ein Wachstumsfeld. Insgesamt bleibe Ryanair ein „Wachstumsbusiness“, mehr als 300 Flugzeuge seien bestellt, um ältere zu ersetzen und um zusätzliche Angebote zu schaffen. Binnen knapp eines Jahrzehnts solle die Passagierzahl um 50 Prozent auf dann 300 Millionen im Jahr erhöht werden.
In Deutschland geht es aber abwärts. In absoluten Zahlen werde der Flughafen Berlin am stärksten von Kürzungen betroffen sein, dort fielen fünf Strecken unter anderem nach Krakau, Brüssel und Riga und 231.000 Sitze weg. Prozentual treffe es den Airport im bayerischen Memmingen am stärksten, wo für den Winter gegenüber dem Vorjahreszeitraum 20 Prozent des Angebots wegfalle. Reduziert wird aber auch an den Flughäfen Köln/Bonn, Hahn, Weeze, Hamburg, Bremen, Nürnberg und Baden-Baden. Aus Dortmund, Dresden und Leipzig hat sich Ryanair zurückgezogen, allerdings Lübeck zurück ins Streckennetz geholt und auch Saarbrücken als neuen Standort angekündigt.
Langsamere Erholung als im Rest Europas
Brady kritisierte den die neue Bundesregierung, sie habe angekündigte Entlastungen nicht auf den Weg gebracht. Das Unternehmen spricht von einem „anhaltenden Unvermögen der Bundesregierung, die hohen Zugangskosten in Deutschland zu senken“. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte Ende September im Bundestag gesagt: „Wir müssen auch den deutschen Luftverkehr von übermäßigen Belastungen entlasten, sodass auch der gewerbliche Luftverkehr in Deutschland eine gute Chance hat, sich im internationalen Wettbewerb zu bewähren.“ Die Branche, nicht nur Ryanair, vermisst aber konkrete Maßnahmen.
Brady sagte, Ryanair habe sich an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) gewandt, aber bislang keine Antwort erhalten. Der Billigflieger beförderte nach eigenen Angaben 2019 noch 25 Millionen Passagiere auf Deutschland-Strecken, nun seien es 19 Millionen. „Die Regierung muss handeln, sonst verliert Deutschland weiter an Kapazität und an Verbindungen.“ Zugleich bekräftigte Brady, nach einer Senkung staatlicher Abgaben das Angebot hierzulande zu verdoppeln.
Auch der deutsche Branchenverband BDL beklagt hohe Abgaben und sieht darin den Hauptgrund, warum sich der Flugverkehr hierzulande nach Corona schleppender erhole als anderswo. Das Sitzplatzangebot auf Flügen von und nach Deutschland erreiche in den kommenden sechs Monaten bloß 92 Prozent des Vor-Pandemie-Niveaus, im Rest Europas seien es 111 Prozent. Besonders groß sei der Unterschied bei den sogenannten Punkt-zu-Punkt-Airlines wie Ryanair, die anders als Konzerne wie Lufthansa keine Fernreise-Umsteigeverbindungen über Drehkreuze anbieten. Die Punkt-zu-Punkt-Airlines erreichten laut BDL-Zahlen in Deutschland 86 Prozent früherer Werte, im Rest Europas seien es hingegen 134 Prozent.