Kooperation mit Kiew: Moskau droht Europa mit Angriffen hinauf konkrete Ziele

Nach ukrainischen Erfolgen im Drohnenkrieg gegen die russischen Angreifer droht der Kreml Kiews europäischen Unterstützern mit Anschlägen auf konkrete Ziele in ihren Ländern. Das Verteidigungsministerium in Moskau veröffentlichte am Mittwochabend zwei Aufstellungen. Eine listet elf „Filialen ukrainischer Unternehmer in Europa“ auf, die demnach Angriffsdrohnen oder Bestandteile dafür produzieren, die zweite nennt zehn „ausländische Unternehmen“, die Komponenten für solche Waffen herstellten.
Genannt sind jeweils auch Adressen, unter anderem in den britischen Städten London und Leicester, im lettischen Riga, im tschechischen Prag, im italienischen Venedig sowie in den deutschen Städten Hanau und München; indes gehört eine der dortigen Adressen ausweislich des Onlinedienstes Google Streetview zu einem Wohnhaus, und die andere führt nach Feldkirchen im Landkreis München.
Rüstungskooperation bei Konsultationen in Berlin vertieft
Das Ministerium reagierte damit womöglich auf die deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen, bei denen am Dienstag in Berlin auch die Zusammenarbeit im Kampfdrohnenbereich eine Rolle gespielt hatte. Aus Moskau hieß es dazu, „eine Reihe europäischer Länder“ habe „vor dem Hintergrund wachsender Verluste“ der ukrainischen Streitkräfte Ende März entschieden, der Ukraine mehr Drohnen „für Angriffe auf Russlands Staatsgebiet“ zu liefern. Das werte man als „vorsätzlichen Schritt, der die militärisch-politische Lage auf dem gesamten europäischen Kontinent jäh verschärft und die Länder schleichend ins strategische Hinterland der Ukraine verwandelt“.
Das Ministerium wiederholte die Kreml-Darstellung, auf solche Weise würden die europäischen Länder „in einen Krieg mit Russland hineingezogen“, und hob hervor, die „europäische Öffentlichkeit“ müsse „nicht allein die wahren Gründe der Bedrohungen ihrer Sicherheit verstehen, sondern auch die Adressen und Standorte“ der Drohnenunternehmen kennen.
Jetzt hob Putins Stellvertreter im Vorsitz des Nationalen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedjew, klar hervor, die Ministeriumsveröffentlichung sei „eine Liste potentieller Ziele für die russischen Streitkräfte“. Auf seinem für englische Posts vorgesehenen Profil auf der Plattform X (die in Russland nur noch durch VPN-Dienste nutzbar ist) schrieb Medwedjew weiter: „Wann Angriffe Realität werden, hängt davon ab, was als Nächstes kommt. Schlaft gut, europäische Partner!“
Kiew hatte zuletzt Erfolge mit Drohnen
Davon ist derzeit auch in den sogenannten Z-Kanälen der Angriffskriegsunterstützer die Rede; einer von ihnen, der Blogger Wladimir Romanow, hob vorige Woche hervor, der Gegner dominiere auf diesem Gebiet. Dazu berichtete Romanow, indes ohne Quellenangabe, Putin sei von Verteidigungsminister Andrej Beloussow unterrichtet worden, dass die neuen ukrainischen Drohnen gegenüber den russischen einen „ernsthaften Vorteil“ hätten. Sie seien bis zum Angriff kaum zu hören und zu entdecken, man müsse eigene Systeme entwickeln; Putin habe versprochen, sich um die Lage zu kümmern.
Zur verschärften Kreml-Drohkulisse zählt auch ein neues Gesetz, dessen Entwurf die Duma, das russische Unterhaus, am Dienstag in erster Lesung angenommen hat. Es soll Putin ermächtigen, zum „Schutz“ russischer Staatsbürger, die im Ausland inhaftiert sind oder anderweitig festgehalten werden, „Maßnahmen“ zu ergreifen, etwa die Armee extraterritorial einzusetzen. Die Regelung dupliziert bisherige Ermächtigungen; Beobachter vermuten, es könne etwa darum gehen, westliche Staaten davon abzuhalten, Tanker der sogenannten Schattenflotte aufzubringen.
Source: faz.net