Irankrieg: Ein Starökonom soll Südkoreas Währung stabilisieren

Immerhin, um Südkoreas Aktienmarkt muss sich der neue Notenbankchef des Landes, Shin Hyun-song, vorerst keine Sorgen machen. Rechtzeitig zu seiner Amtsübernahme am Dienstag hat der wichtigste Aktienindex des Landes, der Kospi, nach einem starken Lauf seit Anfang April den Dämpfer durch die Irankrise wieder ausgestanden. Die Sorge um ausbleibenden Nachschub an Energie und anderen Rohstoffen in Asiens viertgrößter Volkswirtschaft hatte das Börsenbarometer vom Ausbruch des Irankriegs an bis Ende März von 6300 auf 5000 Punkte absacken lassen. Doch die Nachricht, dass erstmals wieder ein koreanischer Öltanker durch die Straße von Hormus fahren konnte, gepaart mit ausgesprochen starken Exportdaten, ließ den Kospi wieder steigen und am Dienstag mit 6360 Punkten sogar das höchste Niveau seiner Geschichte erreichen.

Zumindest die Aktienanleger haben den Glauben an die Erfolgsgeschichte Koreas mit seinen großen Chip- und Hightechkonzernen wie Samsung Electronics, SK Hynix und LG, Autogrößen wie Hyundai und Kia sowie einigen der größten Hersteller von Kriegs- und Handelsschiffen der Welt nicht aufgegeben. Seit Jahresbeginn steht der Kospi mehr als 50 Prozent im Plus. Die gesamte Marktkapitalisierung der Börse in Seoul hat jene des deutschen Aktienmarkts inzwischen übertroffen.

Sorgen vor einer tiefgreifenden Krise

Doch auf den neuen Gouverneur der Bank von Korea, der vor allem in seiner Rolle als Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel zu einem der bekanntesten Finanzwissenschaftler auf der Welt aufgestiegen ist, kommen dennoch große Aufgaben zu. Der Irankrieg hat manche wichtige Wirtschaftsindikatoren so stark ausschlagen lassen, dass Sorgen vor einer tiefgreifenden Krise in dem Land aufgekommen sind.

So ist der koreanische Won gegenüber dem Dollar unter heftigen Schwankungen zeitweise auf den niedrigsten Stand seit der internationalen Finanzkrise vor 17 Jahren gerutscht. Die Importpreise sind dadurch und durch den Wegfall wichtiger Rohstofflieferungen durch die Straße von Hormus im vergangenen Monat sogar so stark gestiegen wie zuletzt in der Asienkrise vor 30 Jahren.

Vor allem die geringe Markttiefe des Won führt laut einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie der Bank von Korea dazu, dass die Wechselkursausschläge in Krisenzeiten weit stärker ausfielen als etwa die des japanischen Yen. Die koreanische Währung wird schlicht weniger gehandelt als die japanische. Eine entsprechende Messzahl der Ökonomen verortet Südkorea eher unter den Schwellenländern als den Industrienationen. Seoul versucht schon länger, ganz offiziell in den Regeln der großen Indexanbieter wie MSCI von der einen in die andere Gruppe aufzusteigen, was den koreanischen Finanzmarkt für ETF-Anleger in aller Welt interessanter machen würde.

Hoffen auf den Aufstieg bei MSCI

Shin kündigte am Dienstag verschiedene Maßnahmen an, um den Won-Kurs widerstandsfähiger zu machen. So sollten die Handelszeiten am Devisenmarkt ausgeweitet werden und im Ausland eine bessere Infrastruktur für die Abwicklung von Won-Geschäften geschaffen werden. Diese Maßnahmen würden den Zugang und die Widerstandsfähigkeit an den Devisenmärkten verbessern und zugleich die breitere Finanzstabilität unterstützen, sagte Shin.

Zugleich warnte er vor der weiterhin hohen Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Krise im Nahen Osten sowie die in der ganzen Welt gestiegenen Energiepreise. „Die Unsicherheit über die Pfade von Inflation und Wachstum hat sich aufgrund von Angebotsschocks infolge des Konflikts im Nahen Osten erheblich erhöht“, sagte der neue Notenbankchef. Er wolle darauf mit einer „umsichtigen und flexiblen“ Geldpolitik reagieren, um Preis- und Finanzstabilität zu gewährleisten. Dabei will sich der in Oxford ausgebildete Finanzwissenschaftler offenbar nicht an erprobte Theorien klammern. „Die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, verlangen gleichermaßen, dass wir Antworten durch Praxis finden und unterwegs neue Rahmenwerke entwickeln“, sagte Shin.

Niedrige Geburtenraten sollen in Geldpolitik einfließen

In seiner Antrittsrede am Dienstag signalisierte der Finanzwissenschaftler zudem, dass er die Rolle der Zentralbank angesichts der strukturellen Herausforderungen, vor denen Südkorea stehe, neu bewerten wolle. Demographische Veränderungen, Ungleichheit und der Immobilienmarkt sollten seiner Ansicht nach nicht mehr als externe Randbedingungen der Geldpolitik betrachtet werden, sondern seien „ein wesentlicher Teil des Umfelds, in dem sie wirkt“.

Südkorea hatte in den vergangenen Jahren regelmäßig die niedrigsten Geburtenraten der Welt, mit rechnerisch gerade einmal 0,72 Babys pro Frau. Auch wenn in den vergangenen zwei Jahren wieder etwas mehr kleine Koreaner zur Welt gekommen sind, altert die Gesellschaft rapide, mit dramatischen Folgen für die Sozialsysteme.

Der 66 Jahre alte Shin hat lange in Princeton gelehrt und wurde vor allem in der großen Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 zu einem der besten Forscher und Erklärer der internationalen Finanzbeziehungen, die aus der amerikanischen Krise eine weltumfassende machten. Seit Mai 2014 arbeitet Shin für die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die auch als Zentralbank der Zentralbanken bezeichnet wird.

Source: faz.net