Apple-Vorsitzender des Vorstands tritt zurück: 15 Jahre nachher Steve Jobs hat Tim Cook Apple grundlegend verändert
Nach 15 Jahren als Apple-CEO hat Tim Cook seinen Rücktritt angekündigt. Mit 65 Jahren hinterlässt er eines der profitabelsten börsennotierten Unternehmen der Geschichte, das unter seiner Führung eine weltweite Smartphone-Revolution ausgelöst hat.
Cook, der für sein logistisches Geschick bekannt ist, kam 1998 zu Apple und leitete dort den weltweiten Vertrieb und die operativen Abläufe. Im Jahr 2009 übernahm er vorübergehend die Leitung des Tagesgeschäfts, als der legendäre Mitbegründer des Unternehmens, Steve Jobs, wegen Komplikationen im Zusammenhang mit seiner Erkrankung an Bauchspeicheldrüsenkrebs krankgeschrieben wurde. Im Jahr 2011, nur wenige Monate vor Jobs’ Tod, übernahm Cook dann die Position des CEO.
Steve Jobs’ Nachfolge galt als gewaltige Aufgabe. Cook hat diese Herausforderung trotz eines zurückhaltenderen Auftretens, insbesondere auf der Bühne, gemeistert, sagen Beobachter. „Es war nie leicht, in die Fußstapfen von Steve Jobs zu treten“, erklärte Dipanjan Chatterjee, leitender Analyst beim Marktforschungsunternehmen Forrester. „Aber Tim Cook hat Jobs Erbe weitergeführt und Apple in ein beständiges, widerstandsfähiges Finanzschwergewicht mit explosiv wachsender Marktkapitalisierung verwandelt.“
In der Mitteilung, die Apple am Montag veröffentlichte, erklärte Cook, er liebe das Unternehmen „von ganzem Herzen“ und es zu leiten sei das „größte Privileg meines Lebens“ gewesen. In einer Abschiedsbotschaft an die Apple-Fans dankte Cook diesen. Er empfinde „eine Dankbarkeit, die ich nicht in Worte fassen kann“, schrieb er weiter. Cook bleibt Apple als Vorstandsvorsitzender im Verwaltungsrat erhalten. Seinen Posten als CEO übernimmt ab September Apples derzeitiger Hardware-Chef, der 50-jährige John Ternus.
Tim Cook machte Apple zu einem Billionen-Geschäft
Während seiner Amtszeit machte Cook den ohnehin schon erfolgreichen Technologiegiganten für seine Konkurrenten nahezu unantastbar. Er führte Jobs’ Begeisterung für gut gestaltete High-End-Produkte im Bereich der Unterhaltungselektronik fort. Zudem leitete er das explosive Wachstum der Produktreihen iPhone, iPad und Mac sowie die Einführung der Apple Watch und der AirPods-Kopfhörer. Unter seiner Führung stieg das Unternehmen auch in den Dienstleistungsbereich ein, darunter Apple Pay, Apple TV und Apple Music. Außerdem baute es ein Netzwerk von Geräten mit seiner eigenen Betriebssystemsoftware aus, darunter macOS und iOS.
Unter Cooks Führung wurde Apple zum ersten börsennotierten Unternehmen, das eine Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar erreichte. Von 350 Milliarden Dollar im Jahr 2011 ist der Wert auf heute vier Billionen US-Dollar gestiegen.
„Anfangs gab es Zweifel, ob ein Mann aus dem operativen Geschäft als CEO geeignet ist. Aber Tim Cook hat Apple eindeutig in eine neue Ära geführt, die von seiner Vision geprägt ist, ein vernetztes Ökosystem aus Milliarden von Geräten aufzubauen“, erklärte Bob O’Donnell, Präsident und Chefanalyst von Technalysis Research. „Er musste nicht genau wissen, welche Produkte benötigt wurden. Er verstand die Interkonnektivität des Ganzen, und genau das hat Apple letztlich dorthin gebracht, wo es heute steht.“
Lange musste Tim Cook sich an Steve Jobs’ Charisma messen lassen
Das Apple, das Cook 2011 übernahm, war ein ganz anderes Unternehmen als der Gigant, den die Welt heute kennt. In den Jahren vor Jobs’ Tod arbeiteten die beiden Männer und andere Führungskräfte gemeinsam daran, ein finanziell angeschlagenes Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen. Ende der 1990er Jahre hatte Apple fast vor dem Bankrott gestanden.
Jobs war das Gesicht dieser Neuerfindung, die spektakuläre Live-Produktvorstellungen mit sich brachte, bei denen sich Scharen von Apple-Fans in Kongresszentren drängten, um die Enthüllung der neuen Elektronikgeräte des Unternehmens mitzuerleben. Jobs schritt auf der Bühne auf und ab, in seinem typischen schwarzen Rollkragenpullover, der in seine Bluejeans gesteckt war, während er Spannung aufbaute und die Wunder der Apple-Produkte pries.
Der Hype erreichte 2007 seinen Höhepunkt, als Jobs das erste iPhone vorstellte und sagte: „Von Zeit zu Zeit kommt ein revolutionäres Produkt auf den Markt, das alles verändert“, und es als „bahnbrechendes Gerät für die Internetkommunikation“ bezeichnete. Die Menge jubelte und johlte.
Als Cook das Ruder übernahm, erfreuten sich das iPhone ebenso wie viele andere Geräte bereits großer Beliebtheit. Jobs hatte im Jahr zuvor das iPad vorgestellt. Zwar übernahm Cook die Moderation der Live-Produktvorstellungen, die nach wie vor ein wichtiger Bestandteil von Apples Markenbildung und Produktpräsentation sind, doch strahlte er nicht dasselbe visionäre Charisma aus wie Jobs. Während seiner gesamten Zeit als CEO musste Cook sich mit Vergleichen mit dem verstorbenen Mitbegründer und dessen glamourösen Präsentationen auseinandersetzen.
Während seiner Amtszeit waren auch einige Fehltritte zu verzeichnen. Apple hat nur zögerlich in generative künstliche Intelligenz investiert und die Technologie in seine Produkte integriert – etwas, das die Aktionäre lautstark gefordert haben. Es gab auch Fehlschläge im Hardware-Bereich, darunter das unspektakuläre Mixed-Reality-Headset „Vision Pro“ für 3.500 Dollar, ein vielleicht aufgeschobenes faltbares Smartphone im Buchformat, das möglicherweise ein Problem mit der „Falte“ hat, sowie ein eingestelltes Projekt für selbstfahrende Autos, das das Unternehmen rund zehn Milliarden Dollar gekostet hat.
Im Großen und Ganzen setzte Cook jedoch fort, was er unter Jobs begonnen hatte – nämlich den Marktanteil und die Rentabilität des Unternehmens methodisch auszubauen und daran zu arbeiten, es vor Schwankungen zu schützen. In diesem Sinne hat er Apple dabei begleitet, sich von einem innovativen Start-up aus dem Silicon Valley zu einem finanziell soliden Schwergewicht zu entwickeln, das regelmäßig die Erwartungen einer weltweit stetig wachsenden Zahl von Verbrauchern erfüllt.
„Cook hat Apples Wachstumskurs in gleichbleibendem Tempo fortgesetzt. Es ist ihm aber nicht gelungen, eine bahnbrechende Innovation voranzutreiben, die Apples Wettbewerbsposition für die nächsten zwei Jahrzehnte neu definieren würde, wie es Jobs mit dem iPhone getan hat“, urteilt Chatterjee. „Cooks Vermächtnis ist von einer beständigen, disziplinierten Unternehmensführung geprägt – ein Beweis dafür, dass ein Unternehmen mehr sein kann als nur spannend und visionär. Es kann auch für alle seine Stakeholder von enormem Wert sein.“
Dara Kerr ist Tech-Reporterin des Guardian