In jener Cloud verloren: Droben die Metaphern jener digitalen Transformation

Wer Dirk Baeckers hervorragende Untersuchung zur Soziologie der Digitalisierung gelesen hat, weiß, dass Digitalisierung immer analog in einer Gesellschaft stattfindet. Dass Digitalisierung die Selbstbeschreibung der Gesellschaft verändert, aber nicht ersetzt, ist auch klar.

Wie also können wir Dirk Baecker weiterdenken? Wenn die Digitalisierung, wie immer wieder behauptet wird, Transformation bedeutet und ein Versprechen auf die nächste Gesellschaft ist, in der alles besser, effizienter, weniger bürokratisch sein soll, dann müssen wir uns die Worte anschauen, mit denen die Digitalisierung sich selbst beschreibt.

Begriffe der Digitalisierung können sie noch nicht sein, weil eine Wolke in anderen Zusammenhängen – etwa in der Meteorologie oder in der Lyrik – etwas anderes ist als eine „Cloud“. Ein Server ist ein Rechner, der für andere Rechner, die seine Kunden (Clients) sind, Dienstleistungen übernimmt. Ein subalterner Diener ist er also und dann wieder nicht. Diese Ausdrücke haben sich im Rahmen der Digitalisierungsdebatte verselbstständigt, aber mit ihrer ursprünglichen Bedeutung haben sie wenig zu tun.

Metaphern mit eigenem „Wahrheitsanspruch“

Digitalisierung ist also wesentlich metaphorisch oder arbeitet mit Metaphern. „Metapher“, heißt es schon beim alten Griechen Aristoteles, „ist die Übertragung eines fremden Nomens nach Maßgabe der Ähnlichkeit.“ Jeder kennt das klassische Beispiel aus der Schule: „Achill ist ein Löwe“. Der Satz bedeutet eben nicht, dass der griechische Held Achill ein Tier ist, sondern überträgt eben vermutliche Eigenschaften des Löwen (Mut, Stärke und andere) auf einen Menschen.

Metaphern, so kann man es zumindest sehen, sind sprachliche Mittel, die eine Dimension jenseits der Logik von Aussagessätzen eröffnen. Wenn sich aber Digitalisierung, die man nicht sieht, in einem Feld von Metaphern bewegt, dann ist das zunächst einmal interessant.

Es gibt allerdings auch absolute Metaphern, also Metaphern, die mehr sind als eine Übertragung und einen eigenen „Wahrheitsanspruch“ haben – so zum Beispiel Licht als Metapher für Wahrheit, die sich noch in Begriffen wie „Aufklärung“ findet.

Die Welt und die Sprache der Digitalisierung sind durchzogen von Metaphern

Wenn man an die ursprüngliche Metapher denkt, dann besteht hier eben keine Ähnlichkeitsbeziehung mehr. Absolute Metaphern haben sich, so gesehen, auf eine gewisse Art und Weise verselbstständigt, weil eine Ähnlichkeit mit der Wahrheit erst einmal nicht gegeben ist, trotzdem aber jeder den Weg zur Wahrheit als Aufhellung des Dunklen beschreiben würde.

„Absolute Metaphern“, so der Philosoph Hans Blumenberg, beantworten „jene vermeintlich naiven, prinzipiell unbeantwortbaren Fragen, deren Relevanz ganz einfach darin liegt, daß sie nicht eliminierbar sind, weil wir sie nicht stellen, sondern als im Daseinsgrund gestellte vorfinden.“

Die Sprache und die Welt der Digitalisierung sind durchzogen von solchen absoluten Metaphern, die sich, wie Blumenberg an anderer Stelle schreibt, „der Logizität“ entziehen. Wenn Digitalisierung eine, wie manche sagen, abstrakte Wahrheit ist, die sich niemand vorstellen kann, dann braucht man Metaphern, eben absolute Metaphern, damit man sich Digitalisierung vorstellen kann.

Das Smartphone ist eben kein Telefon, sondern ein Computer

Das Interessante ist nun, dass offenbar immer mehr Geräte zu absoluten Metaphern geworden sind – wie zum Beispiel das Smartphone. Es ist nicht nur ein Gerät, sondern eben eine absolute Metapher der Digitalisierung. Mit dem alten Telefon teilt es die Eigenschaften der Distanzkommunikation im Medium gesprochener Sprache, hat sich aber längst davon entfernt.

Es unterscheidet sich von ihm durch eine spezifische Haptik, nämlich der des Touchscreens. Indem wir von solchen Maschinen reden, übertragen wir gleichsam Eigenschaften des alten Telefons auf ein ganz anderes Gerät, das eben kein Telefon ist, sondern ein Computer.

Mit der Hand „steuern“ wir dieses Gerät, macht man uns glauben. Ein sensorisch reagierender Bildschirm bietet die Möglichkeit, Objekte zu animieren, sie zu bewegen, zu verändern. Ein Smartphone ist also zu einem guten Teil die Übertragung alter magischer Technologien ins Digitale.

Jede Annäherung an eine Wolke bringt die Wolke zum Verschwinden

Die Bedeutung hat sich also auf eine bestimmte Art und Weise verselbstständigt. Was bedeutet dies für unsere mediale Gegenwart der Digitalisierung? Nehmen wir die unterschiedlichen Arten der Speicherung von Daten. Jeder IT-Service in Universitäten oder Redaktionen empfiehlt, Daten nicht auf der materiellen Oberfläche der „Festplatte“ abzulegen, sondern eben in der Wolke, in der Cloud.

Auf dem Signet meiner Cloud-Applikation findet sich entsprechend eine Wolke. Aber was ist eine Wolke, und was hat sie mit der Digitalisierung zu tun? Wie Joseph Vogl in Meteor. Versuch über das Schwebende (C. H. Beck 2025) gezeigt hat, ist die Wolke eine „ontologische Seltsamkeit und Gegenstand einer besonderen Verwirrung oder Sinnesverwirrung“, weil sie gar nicht als Ding existiert, sondern eben schwebt.

Jede Annäherung an eine Wolke bringt die Wolke zum Verschwinden. „Wer sich ihr nähert“, schreibt Vogl weiter, „wird umhüllt von Nebel und Dunst“. Eine Wolke bildet sich, sie ballt sich oder, wie im Falle der Cumulus-Wolke, eben nicht, dunkle Wolken ziehen auf. Gilt dies auch für digitale Wolken?

Wir brauchen die Meteorologie der Digitalisierung

Clouds sind schwebende Archive, ihre Ordnung ist im Gegensatz zu analogen Archiven volatil und wird ständig ‚synchronisiert‘: Die Wolke von gestern ist nicht mehr die von heute, sie ist ständig im, um noch einmal Vogl zu zitieren, „im Werden“.

Das trifft auch auf die digitalen Wolken zu. Wenn digitale Wolken durch die Luft schweben, dann sind die Daten prekäre Wissensobjekte. Die Cloud ist die absolute Metapher der ansonsten unsichtbaren Digitalisierung, weil sie uns darüber aufklärt, dass unsere digitale Ordnung eine schwebende ist, die Digitalisierung uns eine gebrochene Wirklichkeit beschert, die sich jederzeit ändern kann. Wir brauchen somit eine Art Meteorologie der Digitalisierung, die sich als eine Wissenschaft vom Schwebenden jener Wirklichkeit begreift, die Digitalisierung schafft.