Galicien | Im wabernden Nebel des Verbrechens: Ledicia Costas’ Thriller „Schande“

Ein Thriller, der unter die Haut geht: „Schande“ von Ledicia Costas untersucht die tiefen Wunden männlicher Macht und das Versagen des Rechtssystems. Ein packendes Drama um Vertuschung, Trauma und die verzweifelte Suche nach Gerechtigkeit
Jeder Mensch weiß, dass Kinder untersterblich sind. Nein, natürlich nicht, ein Wunschdenken ist das. Das der Kinder – und das der Erwachsenen. Doch was passiert, wenn der Tod unschuldiger Kinder nicht gesühnt wird, das erkundet Ledicia Costas’ neuer Thriller Schande, der von männlichem Machtmissbrauch erzählt.
Insgesamt 25 Jahre sind vergangen, seit Emmas sechsjährige Schwester Marina beim Spielen auf der Straße von einem Auto überfahren wurde und starb. Inzwischen ist Emma Cruz Professorin für Strafrecht und fängt noch einmal neu an in einem abgelegenen Dörfchen namens Merlo in Galicien. Ein wenig ist sie eine Flüchtende, muss sie doch der Amour fou mit ihrem Ex- und Immer-wieder-Liebhaber entkommen.
Da trifft es sich gut, dass sie an der örtlichen Universität Studentinnen und Studenten im Strafrecht unterweisen soll. Dabei will sie für die Unzulänglichkeiten des Sexualstrafrechts sensibilisieren. Doch die Studenten sind wenig brillant, und so wendet sich Emma schon bald einem 25 Jahre alten Vermisstenfall zu, dem Verschwinden der Schwestern Sofia und Blanca Giraud. Es scheint, als seien die Mädchen im wabernden Nebel des Verbrechens versunken.
Die Mutter wird zur Anklägerin eines Verbrechens, für das es keine Spuren gibt
Merlo ist ein Ort der Grabesstille, hängt über ihm doch ein undurchdringlicher Nebel, den man, als deutscher Leser, nicht zwingend mit Spanien assoziieren will. Grabesstill, wie es auch sein mag: Die Toten finden keine Ruhe. Dass die beiden verschwundenen Mädchen tot sind, davon ist deren Mutter Sara fest überzeugt. So wird sie zur Anklägerin eines Verbrechens, für das es keine Spuren gibt, außer der Leerstelle, die das Verschwinden der Töchter in ihrem Leben hinterlassen hat. Saras Trauma rührt an Emmas Trauma, den Tod der Schwester, und lässt sie nicht mehr los.
Wie es sich für einen guten Thriller gehört, stößt Emma nicht nur auf Vertuschung, sondern auch auf einen aktiven Widersacher: Kriminalkommissar Arias, mit dem sie das Büro teilt, sieht es nicht gerne, dass sie bereits kurz nach ihrer Ankunft ihre Nase in seine Angelegenheiten steckt. Er lässt Emma beschatten, bedroht sie gar.
Nun muss jeder Thriller die Gratwanderung zwischen der Erfüllung von Genre-Konventionen und dem Umgehen von Klischeefallen meistern. Die Falle, die der Text nicht umgeht, ist die Holzschnittartigkeit des Widersachers. Dass sich Kommissar Arias zu einem Widerling entwickeln wird, steht von der ersten Seite an fest – ist also kein Spoiler im Rahmen dieser Rezension.
Auch die Schwierigkeiten in Emmas Liebesleben decken sich mit den Genre-Konventionen, wo dem „Hardboiled Detective“ des alten Schlages, der typischerweise geschieden und mindestens ein Alkoholiker ist, die emotional dissoziierende Ermittlerin mit vermeidendem Bindungstyp entgegengesetzt wird. Über diese Formelhaftigkeit muss man beim Lesen einfach hinweggehen.
Ledicia Costas’ Roman ein Buch mit einem starken Gegenwartsbezug
Dafür gibt es auf sprachlicher Ebene nichts auszusetzen. Veronika Kurbanova hat den Text tadellos ins Deutsche übertragen. Nüchtern ist die gewählte Sprache, unumwunden, aber mit Gespür für Rhythmus und Geschwindigkeit ausgestattet, dabei stets stilsicher.
Schande ist kein Thriller, der nach den Tätern sucht oder sie psychologisch zu ergründen sucht. Rasch wird klar, wer das Verschwinden der Mädchen zu verantworten hat und was wirklich geschehen ist. Costa geht es um die Macht der Männer, oder umgekehrt: die Männer als Verkörperung der Macht. Männer, die Frauen und Kinder sexuell missbrauchen und unterwerfen. Männer, die ein Netz aus Lügen und Abhängigkeiten zwischen sich sowie Mitwissern und Mittätern spinnen. Männer, die Täter decken müssen, um sich nicht selbst zu belasten.
Was bleibt, ist die verzweifelte Wut der Mütter, die die Schuldigen identifizieren können, und denen doch nie Gerechtigkeit widerfahren wird. In diesem Sinne ist Ledicia Costas’ Roman Schande ein Buch mit einem starken Gegenwartsbezug, ist der staatliche Umgang mit Sexualstraftätern und der Macht der Männerbünde, Strafverfolgung systematisch zu verhindern, doch ein brennendes Thema für Frauen in ganz Europa.
Schande Ledicia CostasVeronika Kurbanova (Übers.), Merlin 2026, 280 S., 26 €