„Freiheit schlechthin, nicht nur Freiheit von dieser Regierung“
Niemand hatte damit gerechnet: Mitte Juni 1953 erhoben sich erst die Arbeiter in Ost-Berlin, dann das halbe Volk in der DDR gegen die SED-Diktatur. Sowjetische Panzer walzten den Aufstand nieder. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.
Ausgerechnet die Arbeiter des sowjetisch besetzten Sektors von Berlin – und noch dazu jene, die am wichtigsten Renommierprojekt der SED-Herrschaft arbeiteten, an der Stalinallee. Für Walter Ulbricht war es der schlimmste denkbare Unfall: Tausende Männer (und relativ wenige Frauen) versammelten sich am 16. Juni 1953 vor dem Haus der Ministerien, dem Regierungsgebäude des vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaates. Hier forderten sie die Senkung ihrer Normen sowie freie Wahlen.
Am Abend dieses Dienstags hatte die SED-Funktionäre in den Friedrichstadtpalast in Berlins Mitte eingeladen. Doch der völlig übermüdete Ulbricht konnte seinen Zuhörern trotz der dramatischen Lage lediglich die üblichen Aufforderungen mitgeben: „Morgen tiefer in die Massen. Morgen in jeder Betriebsversammlung auf jede Frage antworten. Morgen klar und deutlich auf die Fragen der Werktätigen antworten. Ihnen klar und eindeutig sagen, was wir wollen, was falsch gemacht wurde – und wie es weitergeht.“
Am folgenden Morgen ging nichts mehr weiter, jedenfalls für die SED. Es war Mittwoch, der 17. Juni 1953. Schon um sechs Uhr war in zahlreichen Ost-Berliner Betrieben die Nachtschicht nicht wie üblich nach Hause gegangen, sondern Richtung Stalinallee, dem viel gefeierten Leuchtturmvorhaben des Wiederaufbaus in Ost-Berlin. Fast überall trat die Frühschicht ebenfalls in den Ausstand.
Um 9.05 Uhr erging der Befehl an die Volkspolizei der DDR, den Regierungssitz gegen das protestierende Volk zu schützen. Ulbricht, Ministerpräsident Otto Grotewohl und weitere SED-Spitzenfunktionäre saßen zu dieser Zeit schon im Amtssitz des sowjetischen Statthalters in Berlin-Karlshorst, geschützt von zwei Divisionen Soldaten.
Sie sollten aus der Schusslinie sein, sobald die Panzer der Besatzungsmacht den Ausstand niederwalzten. Gegen 9.50 Uhr tauchte der erste sowjetische T-34 am Potsdamer Platz auf. Als Jugendliche die rote Fahne vom Brandenburger Tor holten, wurde auf sie geschossen. Regimetreue Polizisten sperrten die U- und S-Bahnlinien zwischen West und Ost.
Um 13.05 Uhr machten die Rotarmisten auf dem Potsdamer Platz ernst: Mit Schüssen trieben sie die wohl mehr als hunderttausend Protestierenden allein hier auseinander. Nach drei Stunden war der Verkehrsknotenpunkt geräumt. Mindestens zwei Menschen starben am Berliner Wahrzeichen, mehr als 40 Schwerverletzte wurden von Demonstranten über die Demarkationslinie nach West-Berlin und dort in Krankenhäuser gebracht.
Gegen 19.30 Uhr hatten sowjetische Soldaten den am Morgen verhängten Ausnahmezustand in ihrem Sektor durchgesetzt. Eine gefährliche Ruhe ergriff vom Ostteil der Stadt Besitz – gefährlich, weil SED-Kommandos unterwegs waren, um „Rädelsführer“ zu verhaften.
Der Aufstand beschränkte sich jedoch keineswegs auf Ost-Berlin. In der ganzen DDR standen die Menschen auf gegen die verhasste Gewaltherrschaft der SED, und überall – in Halle, Görlitz und Bitterfeld, aber auch auf dem platten Land – gab es Massendemonstrationen. Mehrere Millionen DDR-Bürger versuchten am 17. Juni 1953, Freiheit und Einheit zu erreichen, und überall wurden sie von sowjetischen Panzern zum Aufgeben gezwungen.
Es war ein spontaner Volksaufstand, von niemandem gesteuert oder ideologisch vorbereitet. Die Menschen gingen auf die Straße, um erst bessere Lebensverhältnisse, dann freie Wahlen und schließlich die Einheit Deutschlands zu erreichen. „Die mutigen Demonstranten forderten Freiheit schlechthin, nicht nur Freiheit von dieser Regierung“, kommentierte WELT im Leitartikel vom 18. Juni 1953: „Und sie drohten selbst wahrzumachen, was man ihnen so lange vorenthielt.“
Der Aufstand war übrigens für alle Seiten überraschend gekommen – es hatte keinerlei irgendwie geartete Vorbereitung aus dem Westen gegeben. Im streng geheimen Wochenbericht für Reinhard Gehlen, den Gründer, Chef und Namensgeber der OG (Organisation Gehlen), des damaligen westdeutschen Nachrichtendienstes, war am 10. Juni 1953 zwar die Rede davon, dass „größere Änderungen des Staats- und Parteiwesens sowie der Spitzenbesetzung“ in der DDR bevorstehen könnten. Aber auf den breiten Volksaufstand nur eine Woche später fand sich kein Hinweis.
Erst ein Bericht des SED-kritischen Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen vom 16. Juni über Ereignisse in der DDR in den vergangenen drei Tagen enthielt konkrete Hinweise auf die explosive Stimmung: „Die Bevölkerung, insbesondere die Frauen, meutern vor den HO-Geschäften (Einzelhandelsorganisation in der DDR, die für hohe Preise und schlechtes Angebot berüchtigt war, die Red.) ziemlich offen und kritisieren ohne Zurückhaltung die gegenwärtige Misswirtschaft.“ Die Zurückhaltung der Polizei sei „auffallend“.
Die SED und ihre Funktionäre konnten sich ihres eigenen Sicherheitsapparates nicht mehr sicher sein. Deshalb suchten Ulbricht, Grotewohl und Genossen schließlich Schutz und Hilfe in Karlshorst – die Panzer rollten los.
Beinahe hilflos kommentierte WELT am 23. Juni 1953: „Ein Regime, das nicht davor zurückschreckt, auf verzweifelte Arbeiter zu schießen, muss auch den Mut aufbringen, vor der gesamten Welt genau Rechenschaft darüber abzulegen, was es getan hat.“ Diesen Mut jedoch brachten bis zu ihrem Untergang 1989/90 weder die SED-Diktatur noch ihre sowjetische Schutzmacht auf.
2013 bilanzierten Historiker, dass im Zuge des Volksaufstandes 34 Demonstranten, Passanten und Zuschauer von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten erschossen wurden oder an den Folgen von Schussverletzungen starben. Sieben Menschen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Vier Personen starben in Folge menschenunwürdiger Haftbedingungen und weitere vier begingen in der Haft Selbstmord. Dutzende weitere Verdachtsfälle konnten nicht aufgeklärt werden. So forderte der Volksaufstand mindestens 49 unschuldige Todesopfer.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
Source: welt.de