Deutsche Demokratische Republik | „Keine besonderen Auffälligkeiten“: Sophie Sumburane extra Gewaltverbrechen in dieser Deutsche Demokratische Republik

Kurz vor dem Mauerfall – Ende Oktober 1989 – wurde in Deetz, einem kleinen Dorf in Brandenburg, eine 51-jährige Frau ermordet und vergewaltigt – wie sich später herausstellte, war dies der Beginn einer Serie mit weiteren Morden und Übergriffen, die sich bis in den Sommer 1991 zog.

Sophie Sumburane greift diesen tatsächlichen Fall auf, um ihn auf zwei unterschiedliche Weisen in den Blick zu nehmen: in einem Kriminalroman und in einem dreiteiligen TV-Feature für die Reihe Crime Time der ARD (unter dem Titel Rosa Riese in der ARD-Mediathek abrufbar bis Februar 2028). Ein Fernsehteam hatte Sumburane bei ihren Recherchen für den Roman begleitet. Herausgekommen sind zwei bemerkenswerte Auseinandersetzungen mit Gewalt mit je unterschiedlichen Schwerpunkten.

Die dreiteilige Doku konzentriert sich stärker auf den Zusammenhang von Taten und Aufklärung mit den Zeitumständen: die Auflösung der staatlichen Strukturen, die daraus resultierende Unsicherheit, die auch die Volkspolizei überforderte – wie einer der Zeitzeugen berichtet: Es sei manchmal nicht mehr klar gewesen, welche Gesetze eigentlich noch galten.

Gewalt passte nicht in das sozialistische Weltbild

Hinzu kam die Konfrontation mit einer Gefahr, die bis dahin in der DDR nicht thematisiert wurde: Über Gewaltverbrechen wurde nicht berichtet, das passte nicht in das sozialistische Weltbild. Wie mehrere Zeitzeugen erzählen, kannte man Morde und Vergewaltigungen nur aus dem Westen, im Osten hätten sie sich stets sicher gefühlt. Mit dem Fall der Mauer war auch dies weg, und zum ersten Mal hätten sie Angst verspürt.

Der Roman nimmt stärker den Aspekt der Angst auf: Was machen die Gewaltverbrechen mit denen, die damit in irgendeiner Form in Kontakt kommen? Im Zentrum stehen die Freundinnen Hedi und Gabi aus dem Dorf Deetz, zwei junge Frauen, deren Leben durch die Maueröffnung und die Morde aus den Fugen gerät.

Während Hedi vor Angst zunächst kaum noch das Haus verlässt – und darin von ihrem Verlobten massiv bestärkt, geradezu eingesperrt wird –, beginnt Gabi ein Praktikum bei der Bild-Zeitung, später dann ein Volontariat, um über die Morde zu recherchieren und zu berichten. Das Buch folgt in den Grundzügen den historischen Ereignissen, betrachtet diese aber durch die Augen von fiktiven Figuren.

Jeder wird verdächtigt, das treibt Keile in Dorfgemeinschaften

Anhand von Gabi wird die Rolle der Medien, insbesondere der Boulevardpresse, in den Blick genommen: deren Zynismus und Sexismus, die Abgebrühtheit, das Ausschlachten von Verbrechen, um die Verkäufe zu steigern. So sind die Morde für die Presse erst in dem Moment interessant, in dem eine junge Mutter und ihr Kind ermordet werden.

Die beiden älteren Frauen, die zuvor umgebracht wurden, waren der Presse keine Meldung wert gewesen. Auch die Frage, wie es der Boulevardpresse gelingen kann, an Informationen zu kommen, die von der Polizei offiziell nicht freigegeben worden sind, wird thematisiert – Bestechung, Mauscheleien, auch dies wird ins Bild gesetzt.

Die reißerische Berichterstattung wie auch die nur schleppend vorankommenden Ermittlungen schüren das Misstrauen in der Region. Jeder wird verdächtigt. Das treibt Keile in Dorfgemeinschaften, bricht vermeintliche Idyllen auf, zerstört (Liebes-)Beziehungen wie Freundschaften, treibt Menschen in den Selbstmord – in der Realität wie auch in der Fiktion.

Die Autorin macht den Mörder nicht zum Monster. Er bleibt ein Mensch

Im Roman entwickelt jeder andere Bewältigungsstrategien: Gabis kleine Schwester spricht kein Wort mehr seit dem ersten Mord, die Mutter hingegen saugt jedes Wort aus den Zeitungen auf und driftet immer stärker gen Rassismus ab. Hedi versteckt und verliert sich in der Panik vor der Bedrohung, die nicht nur von außen zu kommen scheint.

Sophie Sumburane lässt in ihrem Roman Menschen zu Wort kommen, die sonst eher wenig Beachtung finden, die mehr am Rand stehen: die Opfer, aber auch ihre Angehörigen und auch diejenigen, die mit der Gewalt mittel- wie unmittelbar in Berührung kommen. Dies macht sie mit Respekt und Achtung. Anders als andere True-Crime-Formate schlachtet die Autorin nicht das Leid der Betroffenen aus, setzt nicht auf blutige Details. Sie macht stattdessen die Angst spürbar, die in alles hineinkriecht und so viel zerstört.

Der Täter spielt eine nur untergeordnete Rolle. Im Roman bekommt er nicht einmal einen Namen. Zwar werden manche Passagen aus seiner Sicht geschildert, doch ist seine Perspektive in keiner Weise dominant. Sumburane verzichtet darauf, über Motive und Auslöser zu spekulieren. Und trotz der Grausamkeit der Taten macht sie den Mörder nicht zum Monster. Er bleibt ein Mensch, der Unverzeihliches, Unfassbares begeht, dessen Taten die Menschen der Region noch auf Jahrzehnte prägen und zeichnen, aber er bleibt eben das: ein Mensch.

Sophie Sumburane hat ein beeindruckendes Buch geschrieben

Es ist eine Gratwanderung, an die Sophie Sumburane sich wagt: Wie kann man über Gewalt schreiben, über Femizide, ohne ins Voyeuristische abzugleiten? Die Taten klar und ohne Beschönigung benennen, ohne Menschen – Opfer, Täter – an den Pranger zu stellen? Wie über Leid schreiben, ohne es zu vergrößern? Der Autorin gelingt dieser Spagat auf beeindruckende Weise.

Sie verankert die Taten in den unruhigen Wendejahren – neben der Unsicherheit jener Zeit werden auch der Aufbruch, die neuen Möglichkeiten greifbar –, macht aber auch das Überzeitliche, die grundlegende Frage nach dem Umgang mit Mord, Misogynie und dem angemessenen Sprechen darüber, die persönlichen wie gesellschaftlichen Folgen von Gewalt insbesondere gegen Frauen fassbar.

Dieser Kriminalroman bedient keine altbekannten Muster. Es gibt keine Ermittler, denen wir folgen können, und die Taten sind nicht hübsch abgezirkelt von unserem Alltag. Stattdessen sind wir als Leser:innen wie die Betroffenen im Roman und die Zeitzeug:innen in der Dokumentation mit dem Misstrauen und der Angst konfrontiert, dass der Täter in allernächster Nähe agiert, dass es jeder sein könnte – und dass Misogynie nicht das Problem der anderen ist.

Keine besonderen Auffälligkeiten Sophie Sumburane Edition Nautilus 2026, 296 S., 20 €