Der Grönlandhai wird solange bis zu 500 Jahre betagt, dies gefährdet sein Überleben
Grönlandhaie sind die weltweit ältesten Wirbeltiere und wachsen extrem langsam. Viele von ihnen sterben – oft unbemerkt durch den Menschen. Doch vor dem Aussterben sind sie aus einem anderen Grund bedroht.
Irgendwo vor Grönland könnte ein Hai seine Bahn ziehen, der 1626 geboren wurde. Da tobte in Europa der Dreißigjährige Krieg. Der deutschstämmige Händler Peter Minuit kaufte Indigenen für Waren von geringem Wert die Insel Manhattan ab, und Galileo Galilei wurde bald darauf von der römischen Inquisition für die Lehre angeklagt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. „Nach Altersbestimmungen können Grönlandhaie 400, vielleicht sogar mehr als 500 Jahre alt werden“, sagt Matthias Schaber vom Thünen-Institut für Seefischerei.
Sehr schnell wäre der Hai-Methusalem nicht unterwegs – und das nicht wegen der in vier Jahrhunderten angehäuften Zipperlein. Grönlandhaie (Somniosus microcephalus) gelten als die langsamsten Haie überhaupt: Sie bummeln Analysen zufolge üblicherweise mit etwa 1,2 Kilometern pro Stunde durchs Meer.
Im Magen solcher auch Eishai genannten Tiere wurden neben Fischen unter anderem Robben, Eisbären und wohl auch mal ein Menschenbein gefunden. Allerdings vertilgen die bedächtigen Riesen Aas, wann immer sie es finden – also auch auf den Grund sinkende Bärenkadaver oder Leichen. Zu Ende erzählt ist die Geschichte damit aber noch nicht: „Man hat lebende Robben und Belugawale mit schweren Bissverletzungen gefunden, die Grönlandhaien zugeschrieben wurden“, sagt Fischereibiologe Schaber.
Wie sie es schaffen, die viel flinkeren und wendigeren Tiere zu schnappen, sei unklar. Unwahrscheinlich ist der Studie eines japanischen Forschungsteams zufolge, dass sie für die Jagd in eine Art Sprintmodus schalten können. „Es gab keine größeren Ausreißer bei den aufgezeichneten Geschwindigkeiten verschiedener Eishaie“, so Schaber. Die derzeit gängige Theorie sei, dass die Haie schlummernde Tiere überraschten: Arktische Robben schlafen häufig im Wasser, um Eisbären zu entgehen.
Wie andere Haiarten orientieren sich die in nahezu völliger Dunkelheit lebenden Grönlandhaie mit dem Geruchssinn und mithilfe spezieller Elektrorezeptoren, mit denen sie schwache elektrische Felder wahrnehmen können. Lange Zeit nahm man an, dass sie auf ihren Sehsinn nicht angewiesen und zudem ohnehin oft blind sind, weil die von Ruderfußkrebsen besiedelten Augen der Tiere milchig trüb wirken.
„Die einzigartige Kombination aus extremer Langlebigkeit, anhaltend niedrigen Temperaturen, hohem Druck und mit Parasiten besiedelten Augen stellt beispiellose Herausforderungen für ihr Sehvermögen dar“, heißt es in einer kürzlich im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlichten Studie zum Thema. Den Analysen zufolge sind Netz- und Hornhaut aber selbst bei sehr alten Tieren nicht degeneriert. Das Sehsystem bleibe dank hochaktiver DNA-Reparaturmechanismen jahrhundertelang funktionsfähig und sei offenbar gut an extrem schwaches Licht angepasst.
Wie wird man so alt?
Höchstleistung bieten die mehr als zweieinhalb Kilometer tief tauchenden Haie auch an anderer Stelle: Mit einer Studie zufolge mindestens 270, womöglich aber mehr als 500 Jahren Lebensspanne sind sie die mit Abstand langlebigsten Wirbeltiere der Welt. Ein zentraler Grund für die extrem hohe Lebenserwartung ist der langsame Stoffwechsel der Tiere.
Ein weiterer Faktor ist einer Analyse des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena und der Ruhr-Universität Bochum zufolge wohl eine Hochleistungs-DNA-Reparatur: Mit 6,5 Milliarden Basenpaaren sei der genetische Code des Grönlandhais doppelt so lang wie der des Menschen und das umfangreichste aller zurzeit bekannten Hai-Genome. Er enthalte ungewöhnlich viele Kopien von Genen, die an der Reparatur von Erbgutschäden beteiligt sind. Alterungsprozesse und Krankheiten würden dadurch verlangsamt.
Das Leben in Zeitlupe ist der Eiseskälte im Lebensraum geschuldet: Grönlandhaie sind die einzigen Haie, die ganzjährig bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt ausharren. Ihr langsamer Stoffwechsel ist perfekt an die arktische Tiefsee angepasst, der Energieverbrauch der Tiere gering. Trotz des Lebens auf Sparflamme erreichen die Tiere üppige Ausmaße: Sie können mehr als sechs Meter lang und über eine Tonne schwer werden und sind damit die mit Abstand größten Fische des Arktischen Ozeans.
Bis es so weit ist, zieht allerdings ein Jahrhundert ums andere ins Land: Nur einen bis zwei Zentimeter jährlich legen die bei Geburt etwa einen halben Meter messenden Tiere zu. Weibliche Eishaie erreichen erst nach etwa 150 Jahren die Geschlechtsreife – erneut ein Rekord unter Wirbeltieren. Sie sind dann rund vier Meter lang.
Grönlandhaie sind lebendgebärend: Die Jungtiere schlüpfen noch im Mutterleib aus den Eiern. Schaber zufolge bringen sie möglicherweise nur alle paar Jahre Nachwuchs zur Welt – wie viel genau, sei bisher unklar. Erst mit 150 Nachwuchs bekommen und dann womöglich auch noch wenig – ein höchst riskantes Fortpflanzungskonzept. „So eine Rechnung geht evolutionär nur dann super auf, wenn sich die Umweltbedingungen kaum verändern“, sagt Schaber. Es dauert eine Ewigkeit, bis sich eine solche Art von einem Bestandsrückgang wieder erholt, wenn sie das überhaupt schafft. „Grönlandhaie sind darum sehr anfällig für Überfischung.“
Sonderlich hoch ist sie wohl nicht. So intensiv bejagt wie einst, als ihr Leberöl begehrt als Lampenbrennstoff war, werden Eishaie zwar nicht mehr – als Beifang gehen aber noch immer mehrere Tausend Tiere jährlich ins Netz, wie Schaber sagt. Großskalige Fischereien im Verbreitungsgebiet der Haie sind zwar verpflichtet, die Haie wieder ins Meer zu werfen – vielen dürfte das allerdings nichts mehr bringen.
Unklare Zahlen zur Sterblichkeit
Grönlandhaie gingen an die Köder, die an Grundlangleinen etwa für den Heilbutt-Fang hängen, erklärt der Biologe. Dabei überlebt ungefähr eines von fünf gefangenen Tieren nicht. Bei der Fischerei mit Schleppnetzen auf Schwarzen Heilbutt oder Eismeergarnele sei die Beifangsterblichkeit nochmals deutlich größer. „Ungefähr 40 Prozent der Haie sind schon tot, wenn sie an Deck kommen.“ Viele andere seien durch den immensen Druck im Netz, oft über Stunden, schwerst verletzt.
„Es gibt bisher keine umfassenden und robusten Daten zur Beifangsterblichkeit, aber Hinweise darauf, dass sehr viele von ihnen sterben, auch nachdem sie wieder ins Meer geworfen wurden“, sagt Schaber. Das Thünen-Institut untersucht mit dem Projekt „Tot oder lebendig? Beifang des ältesten Wirbeltiers der Welt“ die Todesraten derzeit im Detail. Geklärt werden soll laut Projektleiter Schaber, wie viele lebend über Bord geworfene Haie dennoch sterben. Daraus ließe sich ableiten, ob zu viele der Haie als Beifang sterben und der Bestand dadurch abnimmt.
Prinzipiell gäbe es die Haie schützende Hilfsmittel: siebartige, Separatoren genannte Gitter, an denen entlang die Haie aus dem Netz geleitet werden, wie Schaber erklärt. Verpflichtend seien sie bisher in vielen Fischereien nicht. Für die Untersuchung werden als Beifang an Bord geratene Eishaie mit einem Sender versehen. Lassen die nach 30 Tagen via Satellit übermittelten Daten darauf schließen, dass das Tier zu dem Zeitpunkt noch aktiv war, gilt es als Überlebender. Langzeitfolgen wie eine verringerte Fitness werden also nicht erfasst.
Bisher ist allerdings sogar unklar, wie viele Grönlandhaie es derzeit überhaupt noch gibt, wie Schaber sagt. Auch die Weltnaturschutzunion (IUCN) hat dazu keine Schätzung, geht aber von einem schwindenden Bestand aus. Von der Deutschen Stiftung Meeresschutz heißt es, dass die Aussterbewahrscheinlichkeit für den Grönlandhai in den nächsten Jahren zunehmen dürfte.
Der Arktische Ozean ist überdurchschnittlich stark von der Erderhitzung betroffen – und der Grönlandhai hat keine Möglichkeiten, ihr zu entkommen: Es gibt keine weiteren kalten Regionen, in die er abwandern könnte. Die Art lebt schon am Limit. Hinzu kommt, dass Fischerei- und Handelsschiffe über die vermehrt eisfreie Nordost- und Nordwestpassage in vormals nicht beschiffbare Regionen des Ozeans vordringen.
„Man kann davon ausgehen, dass die Fischerei im Zuge sinkender Eisbedeckung auf weitere Gebiete ausgeweitet wird“, meint auch Schaber. „Das Beifang-Problem wird sich dadurch verstärken.“
Umso absurder wirkte ein Plan der Gemeindebehörde von Avannaata Kommunia vom Februar, über den die Stiftung Meeresschutz berichtete: Grönländische Fischer, denen Eishaie ins Netz gehen, sollten eine Art Kopfgeld von umgerechnet knapp 40 Euro erhalten. Insgesamt 40.000 Euro würden bereitgestellt – Prämien für 1000 tote Eishaie also.
Hintergrund seien die Verärgerung über von den Tieren beschädigtes Fanggerät und weggefressene Fische, hieß es weiter. Als Nachweis sollten das angelandete Herz oder der Kopf dienen. Nach Protesten von Naturschützern stoppte das zuständige Ministerium das Vorhaben kürzlich.
Annett Stein, dpa/lkl
Source: welt.de