Daniel Gerlachs Buch: Warum es so schwergewichtig ist, den Nahen Osten zu befrieden

Wer sich mit dem Nahen Osten befasst, sollte ein arabisches Wort im Ohr behalten: Intabih, pass auf! Denn das Bild der Region ist geprägt von Kriegen und Gewalt. Die Stichworte lauten: Iran, Gaza, Libanon. Dabei zeichnet diese krisengeplagte Region mehr aus als Traumata und Narben, Verwüstungen und Leid, Wut und Hass. Hier setzt der Nahostwissenschaftler Daniel Gerlach mit seinem Buch „Die Kunst des Friedens“ an. Darin seziert er die Widersprüche, die die Geschichte des Nahen Ostens „so vielschichtig und faszinierend“ machen – und so manchen Beobachter, wie auch die Akteure selbst, „buchstäblich in den Wahnsinn treiben“.

Der Chefredakteur des Nahost-Fachmagazins „zenith“ gilt als kundiger Fachmann, spricht Arabisch und bereist die arabische Welt regelmäßig. In dieser Region, schreibt Gerlach, seien lokale und globale Fragen sehr eng miteinander verflochten: „Weltmächte betreiben im Nahen Osten Lokalpolitik, lokale Stämme, Familien und charismatische Anführer Geopolitik.“ Demnach würden Gewalt, Fanatismus und Kompromisslosigkeit einer „Kultur der Ränkespiele, geheimer Absprachen und geradezu tabuloser Diplomatie“ begegnen. Wer politische Macht ausüben wolle, müsse seine Investition absichern können und einen Plan B haben, „um manchmal mit völlig gegensätzlichen Methoden auf dasselbe Ziel zuzusteuern“. Das mache es mitunter so schwer, das politische Handeln der Akteure zu entschlüsseln.

Diplomatie bedeutet nicht automatisch Frieden

Der Autor hat einen originellen Zugang gewählt. Er geht bis in die Geschichte des Alten Orients zurück und beschreibt, was sich aus einer in Akkadisch verfassten Tontafel, auf der sich der erste bekannte völkerrechtliche Vertrag befinde, lernen lässt. Pharao Ramses II. von Ägypten und Hattusili III., Großkönig der Hethiter, gelobten darin, „guten Frieden und gute Brüderschaft zwischen dem Lande Ägypten und dem Lande Hatti für immer zu stiften!“ Zwei Könige fassten nach jahrelangen Kriegen den Entschluss, Brüder zu sein. „Eine schöne Geschichte vom Frieden“, meint Gerlach, die allerdings eine realpolitische Seite habe. Denn bis zum Vertrag, der im Jahr 1259 vor Christus abgeschlossen worden sei, hätten die beiden Reiche um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum gekämpft.

Daniel Gerlach: „Die Kunst des Friedens“. Eine andere Geschichte des Nahen Ostens
Daniel Gerlach: „Die Kunst des Friedens“. Eine andere Geschichte des Nahen OstensC. Bertelsmann

Der ägyptisch-hethitische Friedensvertrag wurde angesichts der großen Symbolik und romantischen Verklärung auch kritisiert. Es liegen verschiedene Textfassungen des Paktes vor, und das nur in Fragmenten. Ob sie aufeinander Bezug nähmen, darüber werde in der Forschung gestritten. Gleichwohl könnte das „Kleingedruckte“ dabei helfen, das „wahre Motiv“ zu dechiffrieren: „Sie sichern sich gegenseitig unter anderem Militärhilfe zu, wenn einer von einer dritten Partei angegriffen werden sollte. Sie versprechen einander, dass sie niemandem Asyl gewähren, der versucht hat, gegen den jeweils anderen zu putschen – also eine Art Auslieferungsabkommen.“

Hiernach entwickelt Gerlach seine These: „Die Gleichsetzung von Frieden und Diplomatie hat nicht nur in der Geschichte des Nahen Ostens großen Schaden angerichtet; sie tut es bis heute.“ In dessen Lesart können Frieden und Diplomatie zwar zusammenhängen, sie seien aber nicht dasselbe. Diplomatie möge manchmal dem Frieden dienen, sofern sie als nicht gewaltsame Methode zur Beilegung von Konflikten angesehen werde. Oftmals diene Diplomatie jedoch der Bildung von Allianzen, um strategische und taktische Vorteile gegenüber Dritten zu gewinnen und gegen diese besser und erfolgreicher zuzuschlagen.

Vom Alten Orient, über das Osmanische Reich bis zur Palästinafrage

Unter den Hunderttausenden schriftlichen Quellen des Alten Orients würden Friedensverträge die Ausnahme darstellen. „Vermutlich“, schreibt Gerlach, „dachte der Mensch des Alten Orients viel über den Krieg nach. Aber befasste er sich auch mit dem Frieden?“ Demnach unterscheidet sich der Alte Orient diesbezüglich nicht von seinen Nachfahren der heutigen Zeit. Für Gerlach ist klar, dass es wieder salonfähig geworden zu sein scheint, „dass sich Staatschefs nicht nur mit ihrer Fähigkeit rühmen, Frieden und Ordnung zu verbreiten, sondern auch damit, dass sie brutale Gewalt ausüben können und legitimiert sind, dies zu tun.“

In zwölf dicht geschriebenen und gehaltvollen Kapiteln bietet Gerlach dem Leser einen Parforceritt: vom Krieg und Frieden im Alten Orient, dem Haus des Islams, den Kreuzzüglern und Diplomaten, dem osmanischen Zeitalter hin zu Europas Rolle im Nahen Osten, den Geheimverhandlungen um Palästina zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, den Friedensverhandlungen im palästinensisch-israelischen Konflikt und schließlich zur jüngsten Vergangenheit: dem Abraham-Abkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten, der Rolle des kleinen Qatars als großer Vermittler, dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien und der Rückkehr der „Palästinafrage“. Der Autor will mit den Schlaglichtern verdeutlichen, wie Mediation ein Schlüssel sein könne, um Kriege zu beenden.

Dabei unterscheidet er – dem Friedensforscher Johan Galtung folgend – zwischen zwei Arten von Frieden: „Ohne den negativen Frieden, die Abwesenheit von Krieg, lassen sich die strukturellen Ursachen von Kriegen nicht ausräumen. Ohne den positiven Frieden, die Herstellung würdiger, gerechter Lebensverhältnisse, lassen sich Kriege nicht nachhaltig verhindern.“

Die Geschichte der Diplomatie des Nahen Ostens lege nahe, dass sie vor allem auf den „negativen Frieden“ zielte. Zudem zeige sie, dass Konfliktparteien zu allen Zeiten bereit waren, auf einen Dritten zuzugehen, der half und hilft, diesen zu verhandeln. Beispielsweise könne Europa die Rolle eines Mediators übernehmen. Es schulde dem Nahen Osten, und sich selbst, „strategische Aufmerksamkeit“, fordert Gerlach zu Recht.

Das Buch wurde vor dem Beginn des Irankrieges geschrieben. Doch es hält der Wucht der Aktualität stand. Gerlachs analytischer Scharfsinn und sein Interesse an den Menschen in der Region sind – angesichts der hiesigen unnachgiebigen wie polarisierten Nahostdebatte – wohltuend. „Das Bedürfnis“, bekräftigt er hellsichtig, „in die Geschichte des Nahen Ostens einzugehen, scheint Konjunktur zu haben. Nur verlangt der Frieden oft mehr Mut als der Krieg.“

Daniel Gerlach: „Die Kunst des Friedens“. Eine andere Geschichte des Nahen Ostens. Deals, Friedensverhandlungen und Geheimdiplomatie. C.Bertelsmann Verlag, München 2025.352 S., geb., 25,– €.

Source: faz.net