Céline Dions Comeback: Lasst uns tanzen – trotz dieser Trauer

Es gibt eine Sorte „großer“ Popmusik, bei der man sofort begreift, dass sie unkritisierbar ist. Weil sie darauf angelegt ist, Trauernde zu erreichen. Zum Beispiel „I Have A Dream“ von ABBA, „Time To Say Goodbye“ von Andrea Bocelli oder „Miss Sarajevo“ von U2 mit Luciano Pavarotti. Auch Céline Dions heute veröffentlichte Single „Dansons“ (frz. für „Lasst uns tanzen“) ist so ein Lied.

Auch wenn es viele Lieder gibt, die zum Tanzen anstiften, auf Französisch nicht zuletzt den Ohrwurm „Alors on danse“ von Stromae, bei dem es wohl kaum einen Menschen auf den Sitzen hält, ist hier vom ersten Takt an klar, dass es sich um eine andere Kategorie von Tanz handelt, nicht um den zum Rumhüpfen. Die Getragenheit suggeriert zugleich auch jenen Spätwerkscharakter, den ABBA schon im Frühwerk mit „Dancing Queen“ erreicht hat: tanzen, trotzdem, lautet die Botschaft, oder: tanzen nach allem, was war.

Ein Comeback – auch eines der Neunziger

Viele Vorgänger haben schon solche Trauertänze gemacht, bedichtet und besungen: Sofort erinnert man sich an verschiedene Songtitel Leonard Cohens, an Donna Summers „Last Dance“, Pinks „Never Gonna Not Dance Again“ und vielleicht auch an Günter Grass’ Gedichte „Letzte Tänze“. Bei Céline Dion kommt allerdings noch ein anderer Aspekt hinzu: Die 1968 Geborene leidet unter einer schweren Autoimmunerkrankung, die sie immobil macht, und lange schien es, als würde sie nicht mehr singen, geschweige denn eine Bühne betreten können.

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Als die 1968 geborene Frankokanadierin, die zu den weltweit erfolgreichsten Popsängerinnen gehört und mehr als 250 Millionen Tonträger verkauft hat, Ende März doch ein Comeback ankündigte, darunter mit zehn Konzerten in Paris im kommenden Herbst, führte das laut „Le Monde“ zu einer Explosion touristischer Reisepläne und Übernachtungsanfragen. Die Sängerin des Schmachtfetzens „My Heart Will Go On“ aus dem Film „Titanic“ scheint noch immer einen Nerv zu treffen.

„Dansons“ hat, auch wenn es sich nahtlos ins Gesamtwerk Dions einfügt, aber noch eine weitere besondere Note: Daran mitgewirkt hat Jean-Jacques Goldman, ein französischer Chansonnier, der selbst eine besondere Sorte von Schmachtpop zu großem Erfolg gebracht hat, auch früher schon einmal in Kollaboration mit Dion. Indem diese hier wieder aufgerufen wird, ist das Stück auch eine Reminiszenz an die Neunzigerjahre und passt somit zu einer Retro-Welle, die gerade in ganz verschiedenen Genres der Popmusik rollt.

Der Text zu „Dansons“ ruft eigentlich nur sattsam bekannte Sprachbilder auf – und ist gerade darum bestimmt anschlussfähig: Lasst uns tanzen, über dem Abgrund, auf dem Seil, ineinander verschlungen, unter den Sternen, schweben, bis zum Horizont. Jeder mag da seine eigenen Assoziationen haben. Kinder der Neunziger werden sich vielleicht vor allem an eine Zeit erinnern, in der die Welt – scheinbar? – noch etwas mehr in Ordnung war.

Source: faz.net