Der Wal sind wir

Der Wal, das sind wir. Nur so lässt sich erklären, mit welchem Herzblut und welcher Weinerlichkeit über das verendende Tier vor unseren Augen berichtet wird. Zeitgenossen, die ob des Tamtams belästigt sind, beklagen die Vermenschlichung dieses Meeresriesen. Das mag stimmen. Doch es ist nur eine Erklärung. Der wahre Grund liegt in uns: Der Wal sind wir!

Wir leben in einer Gesellschaft, in welcher der Tod vor dem 100. Geburtstag mehr und mehr als ein peinlicher Kunstfehler der Medizin gilt. Und wenn der Tod, diese ultimative Unanständigkeit, uns schon früher am Hals packt, dann hat er das gefälligst im Stillen zu tun! Der moderne Mensch hat hinter verschlossenen Türen zu sterben. Der Soziologe Norbert Elias brachte es auf den Punkt: „Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurden Sterbende so hygienisch aus der Sicht der Lebenden hinter den Kulissen des gesellschaftlichen Lebens fortgeschafft; niemals zuvor wurden menschliche Leichen so geruchlos und mit solcher technischen Perfektion aus dem Sterbezimmer ins Grab expediert.“

Der Wal erinnert uns an die eigene Endlichkeit – und das geht gar nicht! Er ist derjenige, der mit seinem Sterben erzählt, dass unsere Macht auf tönernen Füßen steht.

„Der Mensch ist eine Art Prothesengott geworden“, schreibt Sigmund Freud, „recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen“. Der Wal gemahnt uns daran, dass wir sterben müssen. Aus diesem Grund soll er aufs Meer hinaus. Die angebliche Hilfe ist nichts weiter als aktive Verdrängung.

Source: welt.de