Waffenruhe verlängert: Warum Teheran jetzt im Vorteil ist

Nach der unbefristeten Verlängerung der Waffenruhe stehen die Kriegsparteien nun wieder vor der Frage: Wer hält die Seeblockade länger durch? Donald Trump behauptete in der Nacht zum Mittwoch: „Iran bricht finanziell zusammen.“ An jedem Tag, an dem seine Marine iranische Häfen blockiere, gingen Teheran 500 Millionen Dollar an Öleinnahmen verloren, schrieb der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social. Er ging so weit, zu postulieren, dass das Regime nicht mehr genügend Geld habe, seine Soldaten und Polizisten zu bezahlen. Dafür gibt es freilich keinerlei Belege. Trumps Finanzminister Scott Bessent versichert unterdessen, Irans Ölspeicher auf der Insel Kharq würden „innerhalb von Tagen“ volllaufen. Das Regime werde gezwungen sein, Bohrlöcher zu schließen, was zu dauerhaften Schäden führen kann.

Washingtons Zeitrechnung wird allerdings von Fachleuten angezweifelt. Der Energiefachmann Gregory Brew vom Beratungsunternehmen Eurasia Group meint, Iran habe genug Ölspeicher für weitere fünf Wochen. Außerdem ist die amerikanische Blockade brüchig. Laut Daten der Analysefirma Vortexa haben mindestens 34 Tankschiffe die amerikanische Blockade durchfahren, darunter mehrere mit vollen Öltanks. Irans Schattenflotte hat seit Jahrzehnten Erfahrung damit, die internationalen Sanktionen mit Täuschungsmanövern zu unterlaufen.

Das Regime in Teheran sei gespalten, behauptet Trump

Das Regime in Teheran scheint jedenfalls überzeugt, den Wirtschaftskrieg mit den Vereinigten Staaten länger führen zu können, als Trump die Kosten der iranischen Kontrolle über die Straße von Hormus zu tragen bereit sei. Irans Botschafter bei den Vereinten Nationen, Amir-Saeid Iravani, erklärte ein Ende der amerikanischen Blockade zur Bedingung für eine Fortsetzung der Verhandlungen in Islamabad. Man habe Signale erhalten, dass Washington bereit sei, die Blockade zu lockern.

Eigentlich waren die Gespräche für Mittwoch geplant gewesen – kurz bevor die zweiwöchige Waffenruhe auslaufen sollte. Doch die Iraner wähnten sich am längeren Hebel und ließen die Zeit verstreichen, ohne ihre Teilnahme an den Gesprächen zuzusagen. Trump versuchte, das darauf zu schieben, „dass die Regierung in Iran ernsthaft gespalten ist“. Der Vermittler Pakistan habe darum gebeten, von Angriffen auf Iran abzusehen, „bis ihre Führer und Vertreter sich auf eine einheitliche Position verständigen können“. So lange werde der Waffenstillstand gelten, schrieb der Präsident auf Truth Social.

Ist Trumps Verweis darauf, dass er auf Bitten der pakistanischen Vermittler zugesagt habe, nach Auslaufen der Waffenruhe Iran auf unbestimmte Zeit nicht anzugreifen, also nichts weiter als eine Schutzbehauptung? Um Teheran unter Druck zu setzen, die Konditionen seines Deals am Verhandlungstisch anzunehmen, hatte der Präsident mehrfach mit der Wiederaufnahme des Bombardements gedroht. Am Dienstag zeigte sich dann aber, dass die iranische Seite bessere Nerven hatte.

Vizepräsident J.D. Vance, der längst auf dem Weg in die pakistanische Seite hätte sein müssen, erschien im Weißen Haus. Auch andere Mitglieder von Trumps Sicherheitsteam kamen zur Lagebesprechung. Nun wurde nicht nur beschlossen, die Reise auf unbestimmte Zeit zu verschieben, sondern auch, vorerst darauf zu verzichten, die Kampfhandlungen wiederaufzunehmen – Kampfhandlungen, gegen die Vance, anders als der Präsident, von Beginn an war.

Vance, der ebenso wie Trump mit den pakistanischen Vermittlern in Kontakt stand, musste konstatieren, dass die Verhandlungen immer noch an jenem Punkt hängen, an dem sie vergangenen Freitag festgefahren waren, kurz nachdem Trump zwischenzeitlich verkündete, ein Deal sei in greifbarer Nähe. Im Kern geht es um die von Washington geforderte Aushändigung des hochangereicherten Urans und die Laufzeit eines Moratoriums, mit dem sich Teheran verpflichtet, auf eine neuerliche Urananreicherung zu verzichten. Das betrachtet Iran nicht nur als Eingriff in seine Souveränität – das Regime weiß auch, dass Trump iranische Zugeständnisse in der Nuklearfrage als innenpolitische Trophäe nach dem Feldzug benötigt.

Iran-Fachleute widersprechen dem US-Präsidenten

Aus dem Weißen Haus wurde die Lesart von der angeblich gespaltenen iranischen Führung durch weitere Aussagen unterfüttert. So berichtete der Sender CNN, Trumps Berater hätten den Eindruck, es gebe in Teheran keinen Konsens in der Atomfrage und in der Frage, wie viel Entscheidungsbefugnis die eigenen Unterhändler beim Thema Urananreicherung und dem Verbleib des bereits angereicherten Urans haben sollten. Nach amerikanischer Lesart werde die Entscheidungsfindung möglicherweise dadurch erschwert, dass die Rolle des Obersten Führers Modschtaba Khamenei unklar sei. Washingtons Einschätzung stütze sich teilweise auf Aussagen der pakistanischen Vermittler, berichtete CNN.

Iran-Fachleute widersprechen der Darstellung einer gespaltenen Führung. „Alle im iranischen System sind sich einig, dass es keinen Sinn macht zu verhandeln, wenn die Vereinigten Staaten ihre Blockade fortsetzen“, schreibt etwa Ali Vaez von der Denkfabrik Internationale Crisis Group auf der Plattform X. Das Narrativ von der „gespaltenen Führung“ erscheint aus Teheraner Sicht als neue Variante von Trumps vorheriger Darstellung eines angeblich bereits vollzogenen Regimewechsels mit vermeintlich „weniger radikalen und vernünftigeren“ Führern. Die Vorstellung, dass Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf als Chefunterhändler Positionen durchsetzen könnte oder wollte, die den Interessen der Revolutionsgarde und den Instruktionen des Obersten Führers zuwiderlaufen, war von Anfang an fehlgegangen.

Irans öffentliche Positionen zur Atomfrage haben sich im Unterschied zu den sprunghaften Äußerungen Trumps in den vergangenen Monaten kaum verändert. Die Zugeständnisse, zu denen es vor dem Krieg bereit war und zu denen es jetzt bereit scheint, lassen sich nur schwer mit den Erfordernissen des US-Präsidenten in Einklang bringen, ein besseres Abkommen zu präsentieren als sein Amtsvorgänger Barack Obama im Jahr 2015. Trumps Erwartungen, dass er Teheran durch militärischen und wirtschaftlichen Druck zum Einlenken bewegen könnte, haben sich bislang nicht erfüllt.

So geht das Nervenspiel weiter. Und der jüngste Zug zeigte, dass Teheran bei allen Problemen einen Vorteil hat. In gut sechs Monaten wird in Amerika ein neuer Kongress gewählt. Und der ohnehin nicht populäre Krieg am Golf hat wirtschaftliche Folgen für die Amerikaner, die den Demokraten in die Hände spielen. Das wissen auch die Iraner.

Trump glaubte offensichtlich, er könne die Iraner mit maximalen Drohungen, welche auch die Auslöschung der iranischen Zivilisation beinhalteten, in die Knie zwingen. Schon häufiger hat er es sich zunutze gemacht, dass Gegner ihm alles zutrauen. Die Strategie ist gleichsam die Rationalisierung des Irrationalen. Diesmal ließ sich Teheran davon aber nicht beeindrucken – zumal es selbst mit Angriffen auf die Golfstaaten seine eigene Version der Madman-Strategie spielt. Dem Regime sind Berichte nicht verborgen geblieben, wonach Trump in internen Sitzungen offenbart, dass seine Nerven blank liegen, er Mitarbeiter anschreit und fürchtet, nach den Kongresswahlen von erstarkten Demokraten eingehegt zu werden.

So sind die Iraner trotz allem derzeit im Vorteil. Allerdings zeigt auch Teheran wenig Interesse an einer Rückkehr zu einer militärischen Konfrontation. Zwar tönte Mahdi Mohammadi, ein Berater Ghalibafs: „Trumps Waffenruheverlängerung bedeutet gar nichts. Die Verliererseite kann die Bedingungen nicht diktieren.“ Die Fortsetzung der Blockade müsse militärisch beantwortet werden, schrieb er auf der Plattform X. Doch könnte eine Fortsetzung des amerikanisch-israelischen Bombardements das Regime womöglich irgendwann an einen Bruchpunkt führen.

Bislang blieb es bei gegenseitigen Provokationen in der Straße von Hormus. So meldeten die iranischen Streitkräfte am Mittwoch, man habe drei Frachtschiffe vor ihrer Küste angegriffen und manövrierunfähig gemacht. Die Revolutionsgarde habe ihre „regelwidrige“ Durchfahrt durch die Straße von Hormus gestoppt. Nach Angaben des Trackingdienstes Vesselfinder handelt es sich bei der Epaminondas um ein Containerschiff unter Flagge Liberias, das von den Vereinten Arabischen Emiraten in Richtung Indien unterwegs war. Der Frachter MSC Francesca hatte zuletzt vor der Küste Saudi-Arabiens gelegen und fährt unter der Flagge Panamas. Außerdem wurde ein Containerschiff namens Euphoria attackiert, das in griechischem Besitz sein soll.

Die iranischen Kanonenboote nahmen also amerikanische Interessen nicht direkt ins Visier. Eine Vergeltung für die Enterung eines iranischen Schiffes durch die amerikanischen Streitkräfte jüngst im Golf von Oman könnte noch ausstehen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Der Wirtschaftskrieg am Golf kann jederzeit eskalieren und wieder in einem offenen Krieg enden.

Source: faz.net