Start-up aus München: Identitätsprüfer IDnow vor Wachstumsschub

Die Zeiten, als sich eine Kontoeröffnung bei einer Bank in die Länge zog, neigen sich dem Ende zu. „Die Online-Identifizierung wird in Zukunft im Internet deutlich zunehmen“, sagt Armin Berghaus, Gründer des Identitätsprüfers IDnow und dort als Managing Director für Technologie zuständig, im Gespräch mit der F.A.Z. Die Einsatzgebiete werden sich seiner Ansicht nach nicht nur auf Bankkonten und Mobilfunkverträge beschränken. „Krankenkassen dürften sie für die elektronische Patientenakte verwenden oder Autoverleiher für Verträge“, ist er überzeugt.

Auf die Idee, ein Unternehmen für die sichere Online-Identifizierung zu gründen, kam er vor 13 Jahren. Damals wollte er ein Bankkonto eröffnen und musste sich im Winter für das Postident-Verfahren in eine lange Schlange vor einer Münchner Postfiliale einreihen. Dass dies nun nicht mehr nötig ist, liegt an Identitätsprüfern wie IDnow oder WebID. Die Identifizierung geht heute deutlich schneller und wird in Zukunft aufgrund der EU-Gesetzgebung noch deutlich schneller erfolgen.

Armin BerghausIDnow

„IDnow ermöglicht die Identifizierung im Internet“, sagt Berghaus, der von den vier Gründern der Einzige ist, der noch im Unternehmen arbeitet. Vor einem Jahr erfolgte der Exit für die anderen drei Gründer, als die Private-Equity-Gesellschaft Corsair die Mehrheit für knapp 300 Millionen Euro übernahm. Mit der Online-Identifizierung können jetzt nicht nur Bankkonten eröffnet werden, sondern auch Verträge unterzeichnet oder SIM-Karten von Mobilfunkanbietern aktiviert werden. Doch die Einsatzmöglichkeiten werden sich bald ausweiten.

Die europäische Wallet kommt bald

Mit der europaweiten digitalen Brieftasche, der European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet), erwartet IDnow nach Aussagen von Berghaus, der an dem Unternehmen noch Anteile hält, Wachstum. „Die Online-Identifizierung dürfte damit deutlich erleichtert und beschleunigt werden. Wir sind einer der Anbieter, die die Verbindung zum System herstellen“, sagt er. Die Verfügbarkeit der EUDI-Wallet ist seinen Angaben zufolge bis Januar 2027 geplant. „Der erstmalige Einsatz wird schon sehr bald möglich sein.“

Am Anfang werde der Personalausweis darin enthalten sein. Danach sei der schrittweise Ausbau vorgesehen, zum Beispiel der Führerschein und andere behördliche Dokumente wie Zeugnisse oder Angelschein. „Die Nutzungsraten werden dann sehr schnell nach oben gehen. Das haben wir schon in anderen Ländern gesehen“, ist Berghaus überzeugt.

Wenn der Kunde in Zukunft seine Daten auf einer Bankenwebsite für die Kontoeröffnung eingibt, wie Berghaus erläutert, wird ihm irgendwann ein QR-Code angezeigt. Den fotografiert er, um seine Wallet zu öffnen. Er wird dann gefragt, dass die Bank bestimmte Daten haben möchte. Er kann das bestätigen, in der Regel über die Gesichtserkennung, die sogenannte Face ID. Danach werden seine Daten aus dem Ausweis an die Bank übertragen. „Das System dahinter, wie die Anzeige des QR-Codes oder die Übertragung der Daten, liefert IDnow“, sagt Berghaus.

Nachholbedarf in Deutschland

Derzeit erfolgt die Kontoeröffnung noch großteils über die Videoidentifizierung. Dabei achtet einer der Mitarbeitenden von IDnow darauf, ob der Ausweis echt ist und zu der Person vor der Kamera gehört. Hinzu kommen einige Sicherheitsprüfungen, um zu verhindern, dass ein Betrüger durchkommt. Möglich ist auch die Identifizierung über einen Personalausweis, der mit einem NFC-Chip ausgestattet ist. Der wird vor das Telefon gehalten und mit der Eingabe einer PIN-Nummer bestätigt.

Doch weit verbreitet ist die Online-Ausweisfunktion in Deutschland nicht, obwohl inzwischen die meisten Personalausweise mit einem NFC-Chip ausgestattet sind. Mit einem Schreiben erhalten die Bürger dann eine PIN-Nummer. „Leider haben viele dieses Schreiben vergessen und finden es nicht mehr“, sagt der IDnow-Gründer. Dies kann seiner Aussage zufolge einer der Gründe dafür sein, dass die Nutzung der Online-Ausweisfunktion in Deutschland mit 20 Prozent noch sehr gering ist. In der Ukraine, die kriegsbedingt hier eine Vorreiterrolle einnehme, liege die Quote bei 80 Prozent, fügt er hinzu.

Umsatzziel 150 Millionen Euro

IDnow ist als offizieller Anbieter für die Identifizierungsverfahren anerkannt und verfügt über ein entsprechendes Zertifikat des Bundesverwaltungsamts. „Derzeit führen wir rund 150 Millionen Identifizierungen im Jahr durch. Die Zahl wächst schnell“, berichtet Berghaus. Im vergangenen Jahr lag das Wachstum über der Marke von 25 Prozent. Das Unternehmen veröffentlicht noch keine Umsatzzahlen. „Mittelfristig wollen wir 150 Millionen Euro erreichen“, sagt er. Die rund 500 Mitarbeitenden betreuen inzwischen mehr als 600 Kunden.

In den kommenden Jahren erwartet Berghaus ein sehr gutes Wachstum, weil der Bedarf für Online-Identifizierungen steigen wird. Die EUDI-Wallet sei ein Grund dafür. Ein anderer seien die einheitlichen europäischen Geldwäschestandards aus der EU-Verordnung AMLR. Als weiteres Feld nennt Berghaus den qualifizierten Vertrauensdienst, der für digitale Signaturen von Verträgen genutzt wird. Dieses Verfahren wird zum Beispiel im Online-Abschluss von Kreditverträgen eingesetzt. Der qualifizierte Vertrauensdienst wird für Berghaus eines der Wachstumsfelder in Zukunft sein.

Ein sicheres System

„Unser System arbeitet sehr betrugssicher“, betont der Unternehmensgründer. Die Betrugsfälle bewegen sich bei IDnow nach seinen Angaben im Promillebereich. Der Identitätsprüfer setzt schon Künstliche Intelligenz (KI) ein. Als Beispiel nennt Berghaus die Gesichtsabgleichung mit dem Ausweisdokument. „Der Einsatz von KI wird bei uns in Zukunft stark zunehmen“, sagt er.

„Unser Ziel ist es, das beste System am Markt anzubieten“, betont Berghaus. Angesichts der neuen Möglichkeiten rund um die KI erfordere das einen entsprechenden Investitionsbedarf. „Hier unterstützt uns unser Großaktionär Corsair.“ Darüber hinaus kann IDnow die Investitionen zu einem bedeutenden Teil auch über den Cashflow finanzieren.

Berghaus geht davon aus, dass es auch in Zukunft mehrere Anbieter für die Online-Identifizierung geben wird. Das ist für ihn kein Problem, weil der Markt enorm groß ist und weiterwachsen wird. „Ich denke, dass die kleinen Anbieter Probleme bekommen werden. Denn mit den neuen technischen Möglichkeiten wird es für sie schwieriger.“ Die Fähigkeit, skalieren zu können, wird seiner Ansicht nach immer wichtiger.

IDnow bietet verschiedene Verfahren an, davon einige mit KI-Unterstützung. „Das breite Angebot verschafft uns eine gute Marktposition. Zudem arbeitet unsere Betrugserkennung sehr effizient“, zeigt sich Berghaus überzeugt.

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