Das Bild, das sich Freitag Morgen im Geelong bot, einer Stadt 75 Kilometer südwestlich von Melbourne, hätte Australiens Energiekrise kaum besser symbolisieren können: Vor den Destillationstürmen der größten Raffinerie des Landes sprach der Ministerpräsident über einen Großbrand, der in der Anlage am Vortag erst nach 13 Stunden hatte gelöscht werden können. Dass das Feuer in einer der beiden einzigen Raffinerien des Landes die Produktion von Benzin um 40 Prozent geschmälert hat, sei „bedauerlich“, sagte Anthony Albanese – „besonders der Zeitpunkt“.
Das kann man wohl sagen. Vor zwei Monaten wäre Australiens Regierungschef wohl kaum für einen Brand in einer Industrieanlage herbeigeeilt, bei dem es keine Verletzten gegeben hat. Doch seit Beginn des Irankriegs sind die Preise an den Zapfsäulen in Down Under zeitweise um fast das Doppelte gestiegen. Ausgerechnet das rohstoffreiche Land, das der größte Exporteur von Eisenerz ist und der drittgrößte Exporteur von Flüssiggas, leidet in der Welt mit am heftigsten unter der Blockade der Straße von Hormus.
Denn Australien kauft nicht nur 95 Prozent seines Öls im Ausland ein. Es lässt sein Benzin, Diesel und Flugzeugkerosin zu 90 Prozent in asiatischen Ländern wie Singapur, Südkorea und Malaysia produzieren. Das rächt sich nun, seitdem die iranische Revolutionsgarde die Öltanker aus dem Nahen Osten nicht mehr in ihre Zielländer passieren lässt.
Acht Raffinerien zählte Australien noch im Jahr 2010. Heute wird im Land nur noch in einer Anlage nahe Brisbane Öl zu Treibstoff verarbeitet – und in Geelong. Dort werden zwar nach dem Feuer Albanese zufolge nun wieder 80 Prozent der vorherigen Menge an Diesel und Kerosin produziert. Trotzdem sei der Brand „ein Tritt in die Magengegend für alle Australier“, kommentierte die „Australian Financial Review“ – was offensichtlich auch der Ministerpräsident so sah.
So langsam geht der Treibstoff aus
Als das Feuer ausbrach, war Albanese auf Auslandsreise im Sultanat Brunei, wo er über höhere Treibstofflieferungen für sein Land verhandelte. Angesichts der Bilder der von Flammen erhellten Raffinerietürme in der Heimat brach er seine Reise am Donnerstag vorzeitig ab und flog zur Krise in der Heimat.
Dort geht der Treibstoff aus. Zwar lag der Benzinpreis am Freitag nur noch rund 40 Prozent über dem Niveau vor dem Irankrieg. Doch das ist vor allem der panikartigen Senkung der Mineralölsteuer zu verdanken, die seit Anfang des Monats um die Hälfte auf 26,3 Cent (0,16 Euro) pro Liter gefallen ist. Lkw sparen zusätzlich die Straßennutzungsgebühr. Das kostet in den drei Monaten, für die die Senkung zunächst gelten soll, 2,55 Milliarden Dollar (1,55 Milliarden Euro).
Das allein treibt das Land nicht in den Ruin. Doch weil die Maßnahmen den Schmerz von Autofahrern und Industrie etwas lindern, jedoch nicht den Bedarf am nach dem Feuer noch knapperen Treibstoff senken, sei nur zu hoffen, dass die Regierung aus dem Ausland mehr Benzin und Diesel heranschaffen könne, so die „Financial Review“: „Sonst wird die Wirtschaft wirklich ins Stocken geraten.“
Die riesige Ausdehnung des Landes, die langen Strecken im Auto, die hohe Bedeutung der Landwirtschaft und des Bergbaus: All das macht Australien sehr viel abhängiger von Treibstoff als andere Länder. Dass Konzerne wie Shell trotzdem begannen, eine Raffinerie nach der anderen zu schließen, hat mit einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung zu tun, die unter veränderten geopolitischen Vorzeichen nun nicht mehr aufgeht. Raffinerien wie in Jurong Island in Singapur können die fünffache Menge an Rohöl verarbeiten wie etwa im australischen Geelong und sind dabei viel effizienter.
Der politische Druck steigt
In der guten alten Zeit vor den Kriegen in der Ukraine und Iran bedeutete das günstigeren Sprit an der Tankstelle und geringere Kosten für Staat und Wirtschaft. Weniger Raffinerien würden Australiens Energiesicherheit nicht gefährden, urteilte damals die konservative Regierung. Nun steht Ministerpräsident Albanese vor einem Problem, das er geerbt hat und mit in Brunei und Südkorea erbettelten „Schiffsladungen“ mit zusätzlichem Öl kurzfristig zu lindern versucht, wie er am Freitag vor den Kameras in Geelong versprach. Raffineriebetreibern wie Ampol und Viva, das die Anlage in Geelong besitzt, hat Albanese zur Jagd nach jedem Tropfen Öl auf die Weltmärkte geschickt – für eventuelle Verluste der Unternehmen dabei soll der Steuerzahler haften.
Schließlich könnten Tausende von Tankstellen, aus denen kein Tropfen mehr kommt, noch etwas ganz anderes wieder aufflammen lassen als die Raffinerie in Geelong: den Streit um Australiens Energiewende, bei der bis 2030 rund vier Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen soll. Die Erneuerbaren sollen unter anderem auch die bisher Diesel verschlingenden Bagger und Lkw in den Eisenerzminen antreiben. Zwar hat der Treibstoffmangel nur am Rande damit zu tun, dass einer der größten Kohleexporteure der Welt im eigenen Land die Kohlekraftwerke schließen will, um die Emissionen zu senken. Doch am Freitag zeigte ein Kommentar in Rupert Murdochs konservativer Tageszeitung „The Australian“ bereits die Richtung des drohenden Streits an: Das Land werde von „Inkompetenten“ geführt, hieß es dort, die „Dutzende Milliarden Dollar“ für die „Net Zero“-Ideologie eines emissionsfreien Australiens ausgegeben hätten, also für Subventionen für erneuerbare Energien und „die naive Annahme“, das Land könne elektrifiziert werden. Auf dem Spiel stehe nicht weniger als Australiens Energiesicherheit.
Die Befürworter der Energiewende im nicht enden wollenden Streit stehen unter Druck, allen voran Energieminister Chris Bowen. Der eifrige Kämpfer für Australiens grüne Revolution wollte eigentlich kommende Woche nach Deutschland zum Petersberger Klimadialog fliegen, um den UN-Klimagipfel in der Türkei im November vorzubereiten. Nun bleibt er zu Hause, um sich der Spritpreiswut zu stellen. Natürlich müsse die Umstellung auf erneuerbare Energien so schnell wie möglich vorangetrieben werden, kommentiert die konservative „Financial Review“. Gleichzeitig jedoch brauche es fossilen Treibstoff so lange, wie es ihn eben brauche – auch für die zu 90 Prozent mit Benzin oder Diesel fahrenden Autos auf Australiens Straßen.