Israels Angriffe auf die Hisbollah verschärfen die ohnehin katastrophale Lage im Libanon. Gespräche zwischen israelischen und libanesischen Vertretern sollen einen Ausweg zeigen – die Hisbollah ist nicht vertreten.
Wenn die libanesische Botschafterin Nada Hamadeh Moawad heute im US-Außenministerium mit ihrem israelischen Kollegen Yechiel Leiter spricht, ist das formell der erste direkte Kontakt beider Länder auf politischer Ebene. Der Libanon hat Israel nie anerkannt, offiziell befinden beide Staaten sich im Krieg.
In Washington wird es um den Kampf der pro-iranischen Terrororganisation Hisbollah mit Israel gehen. Denn dieser Krieg, der auf libanesischem Boden ausgetragen wird, trifft den Staat und seine Bürger schwer. „Hoffentlich führen diese Verhandlungen zum Frieden“, sagt eine Frau im Libanon, „denn vom Krieg haben wir genug“.
2.000 Tote und eine Million Vertriebene im Libanon
Mehr als 2.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben im Libanon ums Leben gekommen, mehr als 6.500 wurden verletzt und weit mehr als eine Million Menschen vertrieben, seit die Hisbollah-Miliz Anfang März wieder Raketen auf Israel abfeuerte, wohl wissend, dass die militärische Antwort Israels massiv ausfallen würde.
Wegen der katastrophalen Folgen des Krieges hat seine Beendigung oberste Priorität für die libanesische Regierung. Deshalb ist sie zu Verhandlungen bereit, der libanesische Ministerpräsident Nawaf Salam bot sie bereits im März an. Israel sagte erst nach seinem verheerenden Großangriff auf die Hauptstadt Beirut und andere Teile des Libanons in der vergangenen Woche zu.
Ein Mann schaut in Beirut auf sein Smartphone – für die Zivilbevölkerung verschärfen die Kämpfe die prekäre Lage weiter.
Beirut will Waffenruhe, Israel und Hisbollah lehnen ab
Tel Aviv geht es bei den Gesprächen nun um ein umfassendes Friedensabkommen sowie um die Entwaffnung der Hisbollah. Beirut verlangt vor Beginn bilateraler Verhandlungen eine Waffenruhe.
Doch Israel will seine Angriffe auf die Hisbollah vorher nicht einstellen. Und auch die will den Kampf fortsetzen. Die Miliz werde die Frontlinie sprechen lassen, erklärte Hisbollah-Chef Naim Kassem. Die Verhandlungen seien sinnlos, sagte Kassem in einer Aufzeichnung, die ein Hisbollah-naher Sender am Abend ausstrahlte.
Diese Haltung überrascht im Libanon niemanden. Doch verfängt sie selbst bei vielen ihrer Anhänger inzwischen ebenso wenig wie der Umstand, dass die Hisbollah ihre Haltung mit dem Wohl des Landes begründet. Schließlich hatte sie die erneuten Angriffe auf Israel mit Rache für die Tötung des Ayatollah Chamenei in Teheran begründet.
Viele bezweifeln Entwaffnung der Hisbollah
„Damit Frieden im Libanon einzieht, dürfen hier keine anderen Länder mehr mitmischen“, sagt ein Mann in Beirut. Ob die libanesische Regierung die Entwaffnung der Hisbollah-Miliz durchsetzen kann, die sie selbst anstrebt, bezweifeln viele.
Die Miliz, mit iranischer Unterstützung aufgerüstet, ist der libanesischen Armee überlegen, und sie droht mal mehr, mal weniger unverhohlen mit einem Bürgerkrieg. Schon macht die Befürchtung die Runde, die Extremisten könnten einen Staatsstreich vorbereiten.
Dennoch beschloss das Kabinett, in Beirut das staatliche Waffenmonopol durchzusetzen. Ob die libanesischen Streitkräfte das zustande bringen, bleibt abzuwarten. Sie hatten schon bei der Entwaffnung der Hisbollah im Südlibanon versagt und damit Israel das Argument für seinen Feldzug geliefert.
Source: tagesschau.de