Während Donald Trump und das Regime in Teheran einander noch den Platz auf dem Siegerpodest streitig machen, steht ein Verlierer des Krieges schon jetzt fest: die iranische Bevölkerung. Sie spielte bei den Verhandlungen in Islamabad überhaupt keine Rolle, weder für die USA noch für die Delegation aus Teheran.
Vergeblich haben viele Iraner gehofft, dass die israelisch-amerikanischen Luftschläge die Islamische Republik hinwegfegen könnten. Stattdessen haben sie es jetzt mit einem Regime zu tun, das sich daran berauscht, den Angriffswellen der größten Militärmacht der Welt getrotzt zu haben.
Wiederaufbau könnte Jahre dauern
Durch das (bislang) fast sechswöchige Bombardement wurden Stahlwerke und petrochemische Fabriken zerstört, die zuvor Zehntausenden Iranern Arbeit gaben. Die wochenlange Abschaltung des Internets hat unzählige Firmen in den Ruin getrieben. Der Wiederaufbau von Schulen, Schienen und Brücken könnte Jahre dauern.
Schon vor dem Krieg war die Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage so groß, dass Tausende aus Protest dagegen auf die Straße gingen. Nun drohen noch mehr Menschen im Land Arbeitslosigkeit und Verarmung.
Die Iraner haben auf die harte Tour erfahren, dass auf Versprechungen des amerikanischen Präsidenten nichts zu geben ist. Am 13. Januar tönte er, dass „Hilfe auf dem Weg“ sei. Am ersten Kriegstag sagte er, jetzt hätten die Iraner endlich einen amerikanischen Präsidenten, „der euch gibt, was ihr wollt“.
Iraner verstanden Trumps Worte als atomare Drohung
Knapp sechs Wochen später drohte er mit der Auslöschung ihrer „ganzen Zivilisation“. Viele Iraner verstanden das nicht als leere Worte, sondern als atomare Drohung. Den eigenen Tod vor Augen, blickten sie in den Abgrund.
Trump verhöhnte ihre Hoffnung auf ein anderes System mit seinem Gerede von einem „kompletten und totalen Regimewechsel“, der angeblich längst stattgefunden habe. Der Präsident behauptet, es seien nun „andere, schlauere und weniger radikale Köpfe“ an der Macht.
In Wirklichkeit wurde der greise Oberste Führer Ali Khamenei durch seinen Sohn Modschtaba ersetzt, der seit Jahrzehnten eng in die Geschäfte seines Vaters eingebunden war. Auch Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf, Irans Chefunterhändler in Islamabad, ist weder neu noch beliebt. Der Krieg hat das Regime nur insofern verändert, als die Revolutionsgarde noch mehr Macht bekommen hat.
Repression dauert an
Kritiker, die auf ein anderes Iran hoffen, können nicht mit Milde rechnen. Allein in den ersten drei Wochen des Krieges wurden 14 politische Gefangene hingerichtet. Mitten im Bombenhagel gingen die Festnahmen weiter.
Trumps ursprüngliche Erwartung, dass die Iraner nach dem Ende der Kampfhandlungen „eure Regierung“ übernehmen könnten, erscheint illusorisch. Laut der „New York Times“ war es der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der Trump diese Idee eingeredet hat. Mossad-Chef David Barnea präsentierte dazu den Plan, wie die iranische Opposition zu einem Volksaufstand bewegt werden sollte.
In Washington soll es daran von Anfang an arge Zweifel gegeben haben. CIA-Chef Ratcliffe soll den Plan als „Farce“ und Außenminister Marco Rubio als „Bullshit“ bezeichnet haben. Das hielt Trump nicht davon ab, den Iranern zu erzählen, dass der Krieg ihre „einzige Chance über Generationen“ für einen Regimewechsel sei.
Verzweiflung und Wunschdenken
Dass viele Iraner sich diesem Wunschdenken anschlossen, zeigt, wie groß ihre Verzweiflung ist. Geschürt wurden die falschen Hoffnungen vom früheren Kronprinzen Reza Pahlavi und vom israelfreundlichen Exilsender Iran International. Weil die Menschen seit Wochen vom Internet abgeschnitten sind, ist der Sender eine der wenigen verbliebenen Informationsquellen.
Man muss kein Geheimdienstler sein, um zu verstehen, warum sich die Iraner bislang nicht erhoben haben. Im Januar stellte das Regime durch die Tötung Tausender Demonstranten klar, dass es keine Skrupel hat, die weitgehend unbewaffnete Opposition niederzuschießen. Zudem verhindert die andauernde Abschaltung des Internets jegliche Organisation.
Die unverhohlene Genugtuung, mit der viele Iraner auf die Tötung von Regimekräften im Krieg reagierten, dürfte deren Rachsucht geschürt haben. Zugleich werden die Anhänger des Regimes, die nun Nacht für Nacht auf den Straßen lautstark ihre Loyalität demonstrieren, eine Belohnung einfordern.
Man kann nicht ausschließen, dass es in naher oder ferner Zukunft eine neue Protestbewegung in Iran geben wird. Schließlich gingen die Menschen schon mehrmals auf die Straße, obwohl sie wussten, dass bei früheren Protesten viele Menschen getötet oder festgenommen worden waren. Vermutlich werden viele junge Iraner aber nach einem anderen Ausweg aus der Perspektivlosigkeit suchen – und legal oder illegal das Land verlassen. Allen anderen bleibt nur die leise Hoffnung, dass ein wirtschaftlich und militärisch geschwächtes Regime sich zu Zugeständnissen gegenüber der Bevölkerung gezwungen sehen könnte.
Source: faz.net