Israel hat am Dienstag der sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust gedacht. Landesweit heulten am Vormittag die Sirenen, für zwei Minuten kam das öffentliche Leben zum Erliegen. Die zentrale Zeremonie in der Gedenkstätte Yad Vashem war in diesem Jahr aufgrund der Sicherheitslage vorab aufgezeichnet worden. Kleinere Gedenkveranstaltungen, bei denen etwa Holocaust-überlebende ihre Geschichte erzählten, fanden dennoch an verschiedenen Orten des Landes statt.
Zum Auftakt des Gedenktages am Montagabend hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu abermals den gemeinsamen Krieg Israels und der Vereinigten Staaten gegen Iran verteidigt. Ohne das Vorgehen „wären Orte wie Natanz, Fordow, Isfahan und Parchin womöglich mit ewiger Furcht verbunden worden, ähnlich wie Auschwitz, Treblinka, Majdanek oder Sobibor“, sagte Netanjahu in einer vorab aufgezeichneten Videoaufnahme.
„Europa hat viel von Israel zu lernen“
An die europäischen Länder wandte er sich wegen deren Haltung zum Krieg in Iran mit scharfer Kritik: Europa sei heute „von tiefgreifender moralischer Schwäche befallen“, und Israel verteidige nun den Kontinent, „der seit dem Holocaust so vieles vergessen hat“. Darüber hinaus warf er Europa vor, es habe „die Kontrolle über seine Identität, seine Werte und seine Verantwortung verloren, die Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen“. Europa habe viel von Israel zu lernen, so Netanjahu weiter, vor allem „die klare moralische Unterscheidung zwischen Gut und Böse.“ Diese verlange „in Momenten der Wahrheit, dass wir für das Gute, für das Leben, in den Krieg ziehen.“
Israels Finanzminister Bezalel Smotrich griff die Kritik des Ministerpräsidenten wenig später auf, um gezielt gegen Bundeskanzler Friedrich Merz auszuteilen. Dieser hatte am Montagabend mit Netanjahu telefoniert und sich für ein Ende der Kampfhandlungen in Libanon ausgesprochen, wo Israel gegen die von Iran gelenkte Hizbullah-Miliz vorgeht. Merz habe darüber hinaus „seine große Sorge über die Entwicklungen in den palästinensischen Gebieten“ bekundet, teilte Regierungssprecher Stefan Kornelius nach dem Gespräch mit.
Smotrich verurteilte Merz’ Äußerungen auf der Plattform X mit scharfen Worten. Am Vorabend des Holocaustgedenktages „sollte der deutsche Bundeskanzler sein Haupt senken“, schrieb der Finanzminister. Und weiter: Merz solle sich „tausendmal im Namen Deutschlands entschuldigen, anstatt es zu wagen, uns moralische Lektionen darüber zu erteilen, wie wir uns gegenüber den Nazis unserer Generation verhalten sollen.“
Source: faz.net