Kreml sperrt schlimmer als ChinaRussland geht offline – und die Menschen sind wütend
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In Moskau herrscht Bezahlchaos. Warum? Der Kreml schaltet das mobile Internet ab. Auch andere Regionen sind immer häufiger ohne Netz. Angeblich geht es um die nationale Sicherheit. Viele Russen glauben: Es geht um digitale Kontrolle. Das hat negative Auswirkungen für die Soldaten an der ukrainischen Front.
Die Umfragewerte Wladimir Putins sind so schlecht wie lange nicht. Nur noch 71 Prozent der Russinnen und Russen vertrauen dem Kremlchef, steht in der aktuellen Umfrage des staatsnahen FOM-Instituts. Der tiefste Stand seit sieben Jahren. Der Grund dafür ist aber nicht der Krieg gegen die Ukraine und auch nicht die schwere Wirtschaftskrise. Viele Russen sind sauer, weil ihr Internet nicht richtig funktioniert.
Bei Whatsapp und Telegram sind bereits seit vergangenem Sommer keine Audio- und Videoanrufe mehr möglich. Auch andere beliebte Messengerdienste wie Signal sind seitdem blockiert. Sie werden von der russischen Regierung eingeschränkt und blockiert.
Andere westliche Dienste wie X, Instagram, Youtube, Snapchat, Facebook oder LinkedIn sind schon seit Beginn des Ukraine-Krieges 2022 nicht mehr erreichbar. Man kann sie nur noch über VPN-Dienste nutzen. Nutzer dieser virtuellen Netzwerke können vortäuschen, dass sie sich in einem anderen Land befinden und die verbotenen Dienste anschließend trotzdem in Russland nutzen.
„Es gibt hier einfach kein Internet“
Doch das wird immer schwieriger, speziell mit dem Smartphone und unterwegs. Das mobile Internet ist seit vergangenem Jahr in vielen russischen Regionen gestört. Auch in der Hauptstadt Moskau sind die Menschen seit März immer wieder offline. Unvorstellbar in einer Stadt, die zu den digitalsten der Welt gehört. Ein Taxi rufen, digital bezahlen, Termine buchen oder Tickets kaufen? All das geht häufig nicht mehr.
„Manchmal funktioniert die Navigation nicht und die Routensuche schlägt fehl. Man muss anhalten und fragen, wo sich ein ganz bestimmtes Gebäude befindet. Ich habe schon ein paar peinliche Situationen erlebt“, berichtet ein Moskauer. „Es gibt hier einfach kein Internet“, sagen zwei andere Einwohner. „Ausfälle hieße ja, dass es einen Moment da ist und im nächsten Weg. Wir konnten gerade im Laden nicht bezahlen. Wir haben es 20 Minuten lang versucht, dann sind wir wieder gegangen.“
Am Karfreitag kam es in Moskau zu einem Bezahlchaos. Viele Banking-Apps fielen aus. Die Moskauer U-Bahn musste Fahrgäste zeitweise ohne Bezahlung durch die Drehkreuze lassen. In Läden, an Tankstellen und in einem Zoo mussten die Menschen bar bezahlen. Bargeld sei landesweit kurzzeitig die einzige Zahlungsmethode gewesen, schrieb Telegram-Gründer Pawel Durow bei Telegram. Ähnliche Störungen werden laut der „Moscow Times“ auch aus St. Petersburg berichtet.
Telegram-Blockade behindert Front-Kommunikation
Das könnte daran liegen, dass der Staat inzwischen auch VPN-Dienste blockiert, berichten russische Medien wie das unabhängige russische Exilmedium The Bell. Deshalb könnten die Filtersysteme der russischen Telekommunikationsaufsichtsbehörde überlastet gewesen sein. VPNs nutzen viele Russen, um die Sperren zu umgehen, unter anderem bei Telegram oder Whatsapp.
Telegram ist eine der wichtigsten Apps für Russen: Sie wird monatlich von über 100 Millionen Menschen genutzt, als Messenger und als Nachrichtenquelle. Auf der Plattform verbreiten die Regierung und staatliche Propagandisten Informationen – aber auch unabhängige Journalisten und Kriegsblogger. Im Ukraine-Krieg spielt Telegram eine wichtige Rolle: Die App ist für die russischen Truppen an der Front ein informelles Kommunikationsinstrument. Die Soldaten sprechen sich darüber ab und halten Kontakt zu ihren Familien. Die Militärgeheimdienste geben per Messenger Informationen an die Artillerie und die Luftwaffe weiter.
Seit Ende März ist die App für Soldaten allerdings verboten. Die russische Telekommunikationsaufsichtsbehörde hat sie seit Februar gedrosselt. Angeblich, weil der Messengerdienst nicht genug gegen Inhalte vorgeht, die in Russland verboten sind. Auf Störungswebsites gab es Beschwerden, dass Telegram gar nicht mehr erreichbar war.
„Man kann schwer anrufen. Man kann keine Bilder mehr verschicken. Die Nachrichten, die man verschickt, kommen etwas später“, hatte ntv-Reporter Rainer Munz im Februar bei ntv berichtet. Russland wolle die Kontrolle über den Messenger. „Man kann die Nachrichten nicht lesen. Sie sind verschlüsselt, wenn man von einer Person zu einer anderen verschickt. Das alles passt im russischen Staat nicht.“
Die Telegram-Blockade ist ein großes Problem für die Verständigung an der Front. Alternativen gibt es anscheinend nicht. Das lässt die russischen Soldaten verzweifeln. Auch die Bevölkerung in der russischen Grenzregion: Bei ukrainischen Angriffen kommen die Warnungen über Notfall-Apps und Telegram-Kanäle wegen der Internetsperren nicht an, berichtet die „Bild“-Zeitung.
Kreml fürchtet „Informationswelle“
Die russische Regierung schottet das Internet immer stärker ab. Im Februar hat die Staatsduma in Moskau eine Änderung des Kommunikationsgesetzes beschlossen. Putin kann das Internet in einzelnen Regionen oder sogar im ganzen Land abschalten lassen – ohne das näher zu begründen. Wer VPNs benutzt, soll nicht mehr ohne Weiteres surfen dürfen: Die größten russischen Internet-Plattformen müssen bis Mitte April Nutzer mit aktiviertem VPN blockieren.
Russland hat inzwischen über dreieinhalb Millionen verschiedene Websites, Domains oder IP-Adressen blockiert, sagt IT-Rechtsanwalt Sarkis Darbinyan im Interview mit der „Wirtschaftswoche“. Das seien mehr gesperrte Internetseiten als in China. Das russische Modell sei in mancher Hinsicht härter als das chinesische.
Die Regierung begründet die Internetsperren im ganzen Land mit der nationalen Sicherheit. Dadurch sollen ukrainische Drohnen gestört werden, die das russische Internet für ihre Navigation nutzen. Der russische Journalist Andrei Soldatow sieht bei ntv einen anderen Grund dafür: „Der Kreml hat erkannt, dass das größte Problem nicht etwa von Aktivisten, Journalisten oder der Opposition ausgeht, sondern von ganz normalen Menschen, die Zeugen eines dramatischen Ereignisses, wie etwa eines Drohnenangriffs, werden und das dann sofort online veröffentlichen. Dadurch entsteht eine Informationswelle, die dem Kreml schaden könnte.“
Kritik selbst von kremltreuen Medien und Unternehmen
Der Frust wegen der Internetsperren und Telegram-Blockaden wächst: Die Russen wollten dagegen Ende März in mehreren Städten protestieren. Die Demonstrationen waren laut Medienberichten erst genehmigt, wurden dann aber doch verboten – so kurzfristig, dass die Demonstranten teilweise schon auf der Straße waren. Mehrere Menschen wurden festgenommen.
Inzwischen kritisieren sogar einige ansonsten kremltreue Medien die Netz-Blockaden. Auch kremlnahe russische Propagandisten und Militärblogger sind sauer, dass der Kreml Geld für die Zensur verschwendet.
Der Industriellenverband hat sich direkt bei Präsident Putin beschwert. Auf ihrer Jahrestagung hat ihr Chef Alexander Schochin die Internetsperren vorsichtig kritisiert, während Putin auf der Bühne saß. Die Einschränkung des mobilen Internets erschwere sowohl Unternehmen als auch Bürgern das Leben. Man verstehe, dass diese Maßnahmen mit der Sicherheit des Landes zusammenhängen. „Doch wegen der hohen Verbreitung mobiler Technologien in unserem Alltag hoffen wir, dass eine systemische und ausgewogene Lösung gefunden wird.“
Kreml drängt Russen Super-App Max auf
Der Staat will, dass die Russen die staatliche Super-App Max nutzen. Sie ist dem chinesischen Wechat nachempfunden und soll die ausländischen Netzwerke ersetzen. Auch staatliche Dienstleistungen sollen integriert sein. Damit auch möglichst alle Russen sie nutzen, muss die App seit vergangenem August auf allen verkauften Smartphones und Tablets vorinstalliert sein. Die App ist von einem privaten Unternehmen entwickelt worden, das aber staatstreuen Oligarchen gehört.
Whatsapp kritisiert Max als eine „staatliche Überwachungs-App“. Kritiker warnen davor, dass die Regierung Russinnen und Russen damit beobachtet, kontrolliert und mit zensierten Inhalten und Propaganda versorgt.
Das haben die Menschen längst durchschaut, sagt Rainer Munz bei ntv. „Die Russen wissen, dass alles, was sie auf Max schreiben, vom Staat mitgelesen werden kann. Der Messenger ist nicht verschlüsselt und deswegen werden Kremlkritiker auch auf diesem Kanal nichts veröffentlichen.“ Zudem seien die Russen wenig begeistert von der App, da sie schlecht gemacht sei. „Videos ruckeln, Informationen kommen nicht an und Videos, die gar nicht für einen selber gedacht waren, waren plötzlich auf dem eigenen Mobiltelefon aufgetaucht.“
Rückkehr zu Walkie-Talkies, SMS und Festnetz
Auch bei den Internetseiten trifft Russland eine Vorauswahl. Es gibt eine „Weiße Liste“ von Homepages, die die Menschen besuchen dürfen: offizielle russische Nachrichtenportale und Plattformen wie die Suchmaschine Yandex, Websites von Banken – und staatliche Internetseiten. Die Weiße Liste sei „ein Versuch, die Russen umzuerziehen“, sagt Journalist Soldatow.
Doch diese finden kreative Wege, um zu chatten, ohne dass der Staat mitliest. Sie nutzen etwa die Chatfunktion von Online-Schach-Apps, berichtet das unabhängige russische Exilmedium Meduza. Oder nutzen Dating-Apps, Kleinanzeigen-Plattformen oder Sprachlern-Apps als alternative Messenger, schreibt die Wirtschaftszeitung „Kommersant“.
Die Russinnen und Russen steigen sogar wieder auf analoge Kommunikationsmittel um, um die Internetblockaden zu umgehen. Walkie-Talkies, Pager, Oldschool-Mobiltelefone, MP3-Player und Festnetztelefone werden gerade zu Verkaufsschlagern in Moskau, berichtet der britische „Guardian“. SMS sind wieder sehr gefragt. Sogar Landkarten aus Papier feiern ein Comeback.
Source: n-tv.de