Filme über die Dekadenz der Superreichen haben Konjunktur, seit (Tech-)Milliardäre neben der Wirtschaft nun auch in die Politik eingreifen. Ruben Östlund schickte in „Triangle of Sadness“ (2022) Waffenhändler und Influencer auf eine katastrophale Luxuskreuzfahrt. Emerald Fennell ließ in „Saltburn“ (2023) einen armen Studenten im Landhaus auf die britische Upper Class los. Und Bong Joon-ho verlegte in „Parasite“ (2019) Klassenkampf – ganz wörtlich und blutig – in eine große Villa. Das Potential, diese Reihe fortzusetzen, steckte auch in der Geschichte, die dem Film „Die reichste Frau der Welt“ zugrunde liegt.
Von „wahren Begebenheiten“ raunt schon der Vorspann. In Frankreich sind die jedermann bekannt: Vor zehn Jahren verurteilte ein Gericht den Fotografen François-Marie Banier dafür, die Milliardenerbin und L’Oréal-Hauptaktionärin Liliane Bettencourt ausgenutzt zu haben. 700 Millionen Euro hat der Mann über Jahre in Form von Gemälden, Immobilien und Versicherungspolicen aus der Verbindung zu Bettencourt gezogen. Das Urteil betonte die angeschlagene geistige Verfassung der Erbin, die der Fotograf schamlos zu seinen Gunsten manipulieren konnte. Was also formt Regisseur Thierry Klifa aus diesem Stoff?
Zunächst einmal zeichnet er seine Hauptfigur Marianne Farrère (die Namen seien aus Gründen der Privatsphäre geändert worden, so der Vorspann) als Frau ohne Realitätsbezug, die in ihrer eigenen Welt lebt. Ein Heer von Dienern umsorgt sie. Probleme kennt sie nicht, denn für gewöhnlich lassen sie sich mit Geld in Luft auflösen.
„Wir hätten alles kaufen sollen“
Als Marianne ihren Butler mit einer eiligen Sendung zur Post schickt, weist der sie leise darauf hin, dass die Filiale geschlossen habe: „Es ist Sonntag.“ Seine Herrin blickt ihn verständnislos an: „Dann lassen Sie sie öffnen.“ Als später Zeitungen kritisch über die Machenschaften ihres Vaters während des Zweiten Weltkriegs berichten, lässt sie alle Anzeigen streichen und flucht: „Wir hätten das alles kaufen sollen, dann würden sie so was gar nicht erst schreiben.“
Isabelle Huppert spielt diese Marianne mit blasierter Naivität. So weich und glatt wie die Seidenlaken, aus denen sie sich in der ersten Szene schält, ist ihr Leben bislang verlaufen. Das ändert sich, als der Fotograf Fantin auftaucht. Die Adoptivtochter hat dazu geraten, sich von ihm ablichten zu lassen für ein Magazinporträt. Seine Arbeit verspreche ein frischeres Image, schwärmt sie. Als Fantin die Villa der Milliardärin betritt, blickt er sich bewundernd die Inneneinrichtung an.
Dabei entzündet sich ein Funke in seinen Augen. Der Hai hat Blut gerochen. Sofort wechselt er in den Angriffsmodus. Die Hosen, die sie da trage, stünden ihr überhaupt nicht, sagt er der Milliardärin. Und wen habe sie denn ihre Haare machen lassen? Die hingen schlaff herunter wie welke Blätter.
Die Frau, die niemals Widerspruch erfahren hat, unterwirft sich sofort den Anweisungen. Sie wechselt das Outfit. Beim nächsten Treffen trägt sie kein Rot mehr, sondern einen blauen Blazer. „Matisse-Blau ist Ihre Farbe“, lobt der Fotograf. Er setzt der gut betuchten Fadheit von Mariannes Leben impulsives Künstlertum entgegen, entführt die neue Freundin in einen Schwulenclub, nascht mit ihr Drogen, besucht die Familie mit seinem Liebhaber auf dem Anwesen an der Côte d’Azur. Fantin provoziert, spricht vulgär, erniedrigt das Personal. Marianne findet all das erfrischend.
Isabelle Huppert trägt den Film
Ganz nebenbei ergaunert sich der Charmeur mit Hundeblick finanzielle Zuwendungen – für eine Fotoausstellung, den Ausbau seines Apartments, den Kauf von Kunstwerken. Marianne seufzt und unterschreibt jeden Scheck, ist sie doch der Meinung, dass ihr Vermögen ein nie versiegender Topf mit Gold ist. Am trefflichsten zeigt ihre Beziehung zu Geld eine Szene, in der ihr Enkel Bar Mitzwa feiert. Sie überreicht dem Jungen zum Fest die erste Million: „Eine gute Übung, um den Umgang mit Geld zu lernen.“ Die Adoptivtochter lehnt schockiert ab: „Wir erziehen ihn zur Sparsamkeit.“ Und nun kommt der Grund, warum Isabelle Huppert diese Rolle spielt: Sie reagiert mit einem Lächeln, das so scharfkantig ist, als könnte man sich daran schneiden, blickt die Adoptivtochter an und fragt sie mit einer Beiläufigkeit, mit der man eine lästige Fliege wegwischt: „Ist mir da etwas entgangen? Musstest du für dein Geld schon einmal arbeiten gehen?“ Meryl Streep hätte solch einen Satz in spitzes Eisen verwandelt. Huppert knabbert Trockeneis, an dem man sich verbrennt.
Über weite Strecken trägt sie diesen Film, denn dem Drehbuch gehen von solchen Einfällen abgesehen im letzten Viertel die Ideen aus. Es mag an der Hauptdarstellerin liegen, dass die Milliardärin nicht einen Moment wie eine verwirrte, ältere Frau wirkt. Huppert betont hier vielmehr die Neugier einer zu weich Gebetteten auf das Leben außerhalb des goldenen Käfigs.
Laurent Lafitte, der den Fotografen spielt, legt seinen Hochstapler als affektives Emotionsbündel an. Nicht Gier treibt ihn an. Vielmehr hat er wie ein verwöhntes Kind eine großzügige Mutter gefunden, die seinem Schmollmund nichts abschlagen kann. Leider erschöpft sich die Charakterisierung der Hauptfiguren darin bereits.
Die interessanteste Figur bleibt am Rand: der Butler Jerôme, der Marianne und ihrem Gatten loyal ergeben ist. Unter all den Schmarotzern, die sich im Haushalt der Milliardärin aufhalten – inklusive ihrer Familie –, bildet er die Ausnahme. Als Fantin erstmals die Villa betritt, fängt die Kamera Jerômes Blicke ein. In einer Welt, in der nie etwas Wahres gesprochen wird, sieht und erkennt er alles.
Er bleibt die tragischste Figur, denn seine Loyalität wird ihn ins Verderben stürzen. Wo Geld die Regeln bestimmt und jede Beziehung von monetären Verlockungen ausgehöhlt ist, sind Mittellose, denen Versprechen etwas bedeuten, die Verlierer.
Source: faz.net