Alle reden über Paul McCartney. Aber was macht eigentlich Ringo Starr? Der vierte Beatle hat endlich das Album aufgenommen, das er immer machen wollte – und das seine Band gern gemacht hätte.
Amerika, erklärte Ringo Starr, nachdem er 1964 dort gelandet war, sei nicht nur leicht zu finden, gleich hinter Neufundland. „Es ist auch wie England, nur mit Knöpfen.“ Was der Beatle damit sagen wollte: Das Gerede von der Rückgabe des Rock ’n’ Roll an seine rechtmäßigen Eigentümer und Erfinder in der alten Neuen Welt durch eine Band, die ihn, den Rock ’n’ Roll, in Liverpool gefunden und wiederbelebt habe, ist Unsinn.
Früher segelte der Folk über die Meere. Nach den großen Kriegen fuhren Schallplatten mit Dampfschiffen zurück. Dann kam die Beatlemania wie eine Pandemie über die Welt. Und alles wurde überall zu Pop.
Nach sechs Jahrzehnten ist es immer noch ein wenig so wie damals: Paul McCartney steht als Beatle in der ersten Reihe. Er macht Serien und Filme über sich und seine Bands, schreibt Bücher darüber und Songs wie „Days We Left Behind“. Sein nächstes Album wird „The Boys of Dungeon Lane“ heißen und davon handeln, wer er vor den Beatles war. Ein Liverpooler Junge in Schwarz-Weiß mit einer billigen Gitarre. Nicht, dass Ringo Starr solche nostalgischen Gefühle fremd wären. Aber er findet sich lieber im Schatten seines alten Freundes im Jahr 1970 wieder, als die Beatles sich selbst hinter sich gelassen hatten. Ringo macht einfach seine Musik mit 85 und ein weiteres Album: „Long Long Road“.
Liverpool – Tor zur alten neuen Welt
Schon als die Sechziger zu Ende gingen, nahm Ringo als Erster ein richtiges eigenes Album auf. George Harrison versuchte sich an elektronischen Experimenten und John Lennon an avantgardistischem mit Yoko Ono. Ringo wandte sich dem Alten zu und schaute nach Amerika. Auf „Sentimental Journey“ sang er sich durch Standards wie „Bye Bye Blackbird“ und „Night and Day“. Wenige Wochen später brachte er „Beaucoups of Blues“ heraus, ein reines Country-Album. Auf dem Cover saß er nachdenklich vor einer Holzhütte.
Die Aufnahmen hatten in Nashville stattgefunden. Dorthin hatte ihn Pete Drake gelockt, als Virtuose an der Pedal-Steel-Gitarre auf Bob Dylans „Nashville Skyline“. Allerdings waren die weltweit um die Beatles Trauernden noch nicht bereit für Country und ließen die Platte in den Läden liegen. Ringo lud also John, Paul und George ein und spielte und sang auf seinem dritten Album „Ringo“, was von ihm erwartet wurde.
Im vergangenen Jahr, nach 55 Jahren, hielt er es dann doch für an der Zeit, sich auf jene Musik, die er immer am meisten mochte, zu besinnen und sie allen, die ihn mögen, zuzumuten. „Look Up“ hieß sein erstes Country-Album seit „Beaucoups of Blues“. Es zeigte ihn mit einem weißen Cowboyhut. Ermuntert von T Bone Burnett am Rande einer Lesung von Olivia Harrison, Georges Witwe, hatte Ringo sich wieder dem Pop der amerikanischen Provinzen zugewandt. Burnett war bereits in den Siebzigerjahren mit Bob Dylan unterwegs gewesen. Der Texaner ist die graue Eminenz hinter der Renaissance des Bluegrass. Kaum ein Neowestern kommt ohne Sounds von T Bone Burnett aus. Auch Ringo bat ihn um einen Song. Es wurden neun, daraus wurde ein Album und aus weiteren Songs ein zweites.
Selbstverständlich verhandelt auch „Long Long Road“ die guten alten Zeiten. Ringo singt über den Hunger, in den er in Liverpool im Krieg hineingeboren wurde und in dem er dennoch glücklich aufwuchs. Darum geht es auch im Country. Schöner war es einstmals sogar, wenn es allen schlechter ging. „Returning Without Tears“, „It’s Been Too Long“ und eben „Long Long Road“. „The long and winding road is more than a song/ Tomorrow never knows what goes on“, singt Ringo in „Choose Love“. Das Lied ist von ihm selbst und 21 Jahre alt. Zwei Beatles-Klassiker, „The Long and Winding Road“ und „Tomorrow Never Knows“, verbindet er zu einer Textcollage, wie er sie schon häufiger verfertigt hat. Er bleibt ein Beatle.
Im vergangenen Jahr feierte Ringo in der Grand Ole Opry, dem Tempel von Nashville, sein Debüt als Countrysänger, eingeführt von Emmylou Harris, mit „Act Naturally“ von Buck Owens. Wie vor 60 Jahren auf dem Album „Help!“. Auf „Long Long Road“ knödelt er „I Don’t See Me In Your Eyes Anymore“ von Carl Perkins. Bei den Beatles sang er Perkins’ „Honey Don’t“ und „Matchbox“. Für ihn galt die Ringo-Quote: Einmal sollte er auf jedem ihrer Alben singen. 1968 schrieb und sang er seinen ersten eigenen Song. Schon vor seinem „Don’t Pass Me By“ spielten die Beatles immer wieder so etwas wie Country, schon weil Paul McCartney alles aufsog, was in England ankam, in den Radios und Plattenläden.
Aber es war Ringo Starr, der für sich alles auflöste, was heute kulturelle Aneignung sein soll – der sich verneigte vor der amerikanischen Musik, wo alles zueinanderfand und in die weite Welt zurückfloss. Auch die Beatles löste Ringo auf, als er sich von den anderen entfernte und entfremdete. Ohne den vierten Beatle, ohne ihren Stoiker und seinen Backbeat aus Amerika, wären sie nicht länger die Band gewesen, die sie waren.
Ringo Starr: „Long Long Road“ (Lost Highway)
Source: welt.de